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Leitartikel · Arbeitsmarkt

Keine halben Sachen

Von Tanja Wolter Ruhe und Weitsicht tun in diesen Tagen gut. Beispielhaft steht dafür Frank-Jürgen Weise, der Mann, der beim Thema Flüchtlinge als Chef des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) und der Bundesagentur für Arbeit gleich zwei Hüte aufhat.

09.11.2015
  • SWP

Die größte Belastung der Republik in der Nachkriegszeit sieht der erfahrene Verwalter mitnichten - stattdessen eine "Bereicherung unserer Arbeitswelt und unserer Gesellschaft". Weise geht davon aus, dass 70 Prozent der Flüchtlinge, die hier bleiben, erwerbsfähig sind. Er sieht das Potenzial - an Arbeitskräften, aber auch an jungen Menschen, die ein alterndes Land beleben.

Keine Frage: Die Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt wird harte Arbeit. Sie wird Milliarden kosten, viele Jahre dauern und einen großen Einsatz der Jobcenter erfordern. Und trotz aller Anstrengung wird es - so die Erfahrungen aus der Arbeitslosenförderung - nicht in allen Fällen gelingen, die Menschen in Jobs zu vermitteln und ihnen so die Chance zu geben, ihren Lebensunterhalt selbst zu bestreiten. Aber das Engagement wird sich lohnen - mittel- und langfristig. Sowohl für die Flüchtlinge als auch für unser ergrautes Land, das auf Zuwanderung angewiesen ist.

Doch zunächst braucht es einen langen Atem. Den lassen viele Politiker im derzeit besonders kurzatmigen Reiz- und Reaktionsrhythmus ihrer Branche leider vermissen. Da werden - insbesondere auf Seiten der CSU - Schreckensszenarien über einen kollabierenden Staat verbreitet und Ängste vor Verteilungskämpfen geschürt. Zudem fehlt es dem Bund bisher an der Einsicht in die Notwendigkeit einer massiven Investition. Finanzielle Zusagen für die Sprachförderung werden nur kleckerlesweise gemacht. Für die Jobcenter gibt es noch überhaupt keine konkreten Pläne, weder was zusätzliche Stellen noch neue Programme angeht. Dabei ist Geld da, um die ohnehin notwendige Qualifizierungsoffensive auf stabile Füße zu stellen. Der Staat hat aktuell Milliarden Euro auf der hohen Kante.

Aber selbst wenn diese Weichen gestellt werden, wird die Arbeitslosenquote und die Zahl der Hartz-IV-Bezieher erst mal steigen. Wahrscheinlich sogar deutlich stärker als die Zahl der Flüchtlinge, die zügig eine Arbeit finden. Hindernisse gibt es viele: Die deutsche Sprache lernt man nicht in wenigen Monaten, darüber hinaus hat ein großer Teil der Flüchtlinge nach ersten Schätzungen keine richtige Ausbildung. Die Politik muss diese Herausforderungen ehrlich benennen und darf nicht auf halber Strecke aufgeben, wenn der schnelle Erfolg ausbleibt oder die Steuereinnahmen nicht mehr gar so üppig sprudeln.

Befürchtungen, die Flüchtlinge würden anderen Menschen Arbeit wegnehmen, sind indes unbegründet. Dazu ist der Arbeitsmarkt mit derzeit 600 000 offenen Stellen viel zu robust. Das Problem wird vielmehr sein, Angebot und Nachfrage in Einklang zu bringen, sind doch vor allem Fachkräfte gefragt.

Die Förderung muss insgesamt auf neue Beine gestellt werden - für alle Arbeitssuchenden, also auch für die immer noch rund eine Million Langzeitarbeitslosen. Wann, wenn nicht jetzt, sollte man endlich die Lehren aus der Vergangenheit ziehen und die Qualifizierung und Eingliederung näher an der Praxis und am Bedarf ausrichten. Für die Wirtschaft hieße das, Ausbildungs-, Arbeitsplätze und Praktika auch jenen zur Verfügung zu stellen, deren betriebliche Integration zunächst Arbeit macht - und sich nicht nur die Rosinen rauszupicken. Und in der Verantwortung der Flüchtlinge liegt es, ihre jeweils ganz persönlichen Fähigkeiten auszuschöpfen.

Die Integration von Flüchtlingen braucht einen langen Atem

leitartikel@swp.

Keine halben Sachen

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09.11.2015, 12:00 Uhr

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