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Tübingen: Nicht zu vermieten

Keiner weiß genau, wie viele Häuser leer stehen

In Tübingen herrscht Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Zugleich stehen Häuser und Wohnungen leer. Wie viele? Bei der Stadt weiß das keiner so genau. Doch wer sich ein bisschen umschaut oder -hört, findet heraus: In Tübingen sind mehr als nur ein paar Häuser unbewohnt.

13.10.2012
  • Volker Rekittke

Tübingen. Ausgelöst wurde die Debatte um Wohnungsleerstand durch einen Leserbrief an das TAGBLATT: Ein Nachbar wies darauf hin, dass das vierstöckige Wohn- und Geschäftshaus Gartenstraße 7 bereits seit mehreren Jahren leer stehe. Die Eigentümerin wohne mittlerweile am Bodensee und habe wohl jedes Interesse daran verloren.

„Stimmt nicht“, sagt Oliver Frank, ein Freund der Familie, der jetzt im Auftrag der Eigentümerin an das TAGBLATT herantrat. Die 91-jährige Frau, deren Mann vor 13 Jahren starb und die noch bis 1998 ein Haushaltswarengeschäft im Erdgeschoss betrieb, wohne nach wie vor in der gut 170 Quadratmeter großen Dachgeschosswohnung. Es gebe jemanden, der sich um Garten und Gehweg, Müll und Post kümmere. Einen Teil des Jahres verbringe sie in ihrem Zweitwohnsitz am Bodensee, den anderen in Tübingen. Nur seit jenem Leserbrief sei das anders: Weil darin recht unverblümt zur Hausbesetzung aufgerufen worden sei, schlafe die Frau nun aus Angst („da könnte doch jemand ins Haus gestiegen sein“) bei einer Freundin in Lustnau.

Auch Oberbürgermeister Boris Palmer kennt das Haus: „Die Stadt hat ein Interesse daran, dass so ein Gebäude in zentraler Lage nicht leer steht.“ Für Palmer war die Gartenstraße 7 augenscheinlich unbewohnt, den Eingang zum ehemaligen Geschäft fand er zugenagelt. Und so rief der OB bereits vor zwei Jahren bei der Eigentümerin an und fragte, ob sie das Haus nicht vermieten oder verkaufen wolle. Daraufhin sei er von ihr „wüst beschimpft“ worden, erinnert sich Palmer: Das gehe die Stadt gar nichts an, das sei ja „Schnüffelei wie bei den Nazis“. Dass die 91-Jährige sich in den vergangenen Jahren einen Gutteil der Zeit in ihrer Tübinger Wohnung aufgehalten habe, bezweifelt Palmer.

Das Haus ist in keinem guten Zustand

An der Fassade bröckelt der Putz. Das Gebäude in seinem derzeitigen Zustand sehe „nicht toll aus“, räumt Oliver Frank ein. Vor einer möglichen Vermietung müssten die zwei großen Wohn- und die zwei Geschäftsetagen aufwändig saniert werden: „Das lohnt nicht mehr.“ Denn wenn die Eigentümerin eines Tages stirbt, so Frank, werden die Erben vermutlich verkaufen, das Haus würde dann wohl abgerissen, an gleicher Stelle würde neu gebaut.

Nicht nur in der Gartenstraße, auch andernorts gibt es Leerstand – etwa rund um den Haagtorplatz, wo laut Palmer „sechs oder sieben Häuser“ ganz oder teilweise leer stehen. Dem Augenschein nach gilt das auch für ein altes Gebäude in der Haaggasse. Und eine Leserin meldete, dass „in einer kuscheligen Ecke des Rotbads“ ein Haus „mit drei Wohnungen unterschiedlicher Größe und Zuschnitts“ unbewohnt sei. Zudem: „In Tübingen stehen in vielen Häusern in den oberen Stockwerken Wohnungen leer“, sagt ein Insider aus der Immobilienbranche. „Welche Senioren möchten denn oben Studenten drin haben?“

Wie viele Häuser oder Wohnungen sind unbewohnt? Das kann Baubürgermeister Cord Soehlke nicht sagen. Seines Wissens nach ist Leerstand in Tübingen jedoch „kein allzu großes Thema“. Bei den hohen Mieten in der Unistadt sei es eben attraktiver zu vermieten. Ähnlich sieht das Gerhard Breuninger, der Chef der kommunalen Wohnungsgesellschaft GWG.

Die Sanierung alter Gebäude ist oft teuer

Doch manchmal gebe es Probleme mit Neuvermietungen, weiß OB Palmer: Etwa dann, wenn die Gebäude alt sind und ihre ebenfalls in die Jahre gekommenen Eigentümer sehr viel Geld in die Hand nehmen müssten, um sie nach zeitgemäßem Standard (auch energetisch) zu sanieren. Manche seien auch nicht auf die Mieteinnahmen angewiesen, „die können’s sich leisten, die Häuser leer stehen zu lassen“.

Keiner weiß genau, wie viele Häuser leer stehen
Stehen ganz oder teilweise leer: Das Haus in der Gartenstraße 7 (Bildmitte)...

Keiner weiß genau, wie viele Häuser leer stehen
... sowie das Wohn- und Geschäftshaus am Schleifmühleweg 3.

Die gelb-schwarze Bundesregierung warnt vor Wohnungsmangel in Deutschland. In immer mehr Städten und Regionen zeichneten sich „lange Zeit nicht mehr bekannte Wohnungsmarktengpässe“ ab, heißt es im neuen Wohn- und Immobilienwirtschaftsbericht des Bundesbauministeriums.
In Tübingen sind die Mieten zwischen 2007 und 2011 um 9,3 Prozent gestiegen, errechnete das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung. Ein Grund dafür: Junge und alte Leute wollen rein in die Stadt – aber die Familien nicht mehr raus aufs Land. Und so werden nach Berechnungen des Pestel-Instituts in Hannover im Landkreis Tübingen, bereits 2017 rund 1150 Mietwohnungen fehlen – der größte Teil davon in der allseits begehrten Unistadt. „Sozialer Wohnungsbau findet nicht mehr statt“, kritisiert derweil Thomas Keck vom Mieterbund Tübingen-Reutlingen.

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13.10.2012, 12:00 Uhr

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