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Vom Räuberviertel zum Viertele

„Kennen Sie Tübingen“ auf Hermann Hesses Spuren

Wer, wenn nicht er? Der langjährige Kulturamtsleiter Wilfried Setzler hat sich intensiv mit Hermann Hesses Tübinger (Lehr-) Jahren auseinandergesetzt. Jetzt rief er zur ersten diesjährigen „Kennen-Sie-Tübingen“-Tour auf – und über 200 Zuhörer folgten.

25.07.2012
  • Wilhelm Triebold

Tübingen. Von Mitte Oktober 1895 bis Ende Juli 1899 war der junge Hermann Hesse in Tübingen zuhause, wenn auch nicht ganz daheim. Der begabte Knabe hatte zwar spielend (als insgesamt 28. des Jahrgangs) das Landexamen bestanden, das ihn zur Pfarrerskarriere befähigte, ganz im Sinn des missionarisch beflügelten Elternhauses. Dann aber geriet seine Welt aus den Fugen. Er büxte aus, trachtete sich umzubringen. Nach einem Aufenthalt in der Irrenanstalt und dem Praktikum bei einem Calwer Turmuhrenbauer sollte ihn Tübingen auf den rechten Pfad zurückführen. „So was wie die letzte Chance“, meinte Setzler.

Der junge Hermann sollte und wollte sich trotz banger Gefühle „durchbeißen, einen Knopf dran machen und seine bürgerliche Existenz sichern“, um später womöglich freier Schriftsteller zu werden. Und in Tübingen liegen die Wurzeln dieser – schließlich doch mehr literarischen als bürgerlich sortierten – Existenz. Papa Hesse gab dem Filius dabei „Zehn Gebote“ mit auf den weiteren Lebensweg, und Setzler trug sie auch vor auf der ersten Station des Rundgangs, dem „Hesse-Haus“ an der Herrenberger Straße.

Ein Dokument der Gängelei und Bevormundung, bis hin zu der Vorschrift, das Rauchen zu minimieren, „weil es den Appetit mindert, die Nerven reizt und Geld kostet“. Das 6. Gebot lautete: „Kein Buch aus der Buchhandlung heimnehmen ohne vorherige Erlaubnis des Prinzipals.“ Denn Hesse kam keineswegs, wie es die Eltern wohl lieber gehabt hätten, als Stiftler nach Tübingen, sondern als Stift in die Buchhandlung (heute Antiquariat) Heckenhauer am Holzmarkt.

Unterkunft fand er in der westlichen Vorstadt, im Hause der Dekanatswitwe Leopold, Herrenberger Straße 28. „Er hat sich hier wohlgefühlt“, vermutete Setzler auf den Stufen des Gebäudes, dessen Mittelzimmer im Parterre der Buchhandelslehrling Hesse bewohnt hat. „Es war vier Jahre sein Lebensmittelpunkt“, so Setzler. Denn der ernste Jüngling erwies sich zuerst einmal als Eigenbrötler und Einzelgänger, der viel Zeit in den – mit Bildnissen von bewunderten Männern gepflasterten – vier Wänden verbrachte.

Der Tabakschmauch in der heimwärts gesandten Wäsche verriet, dass er es mit dem väterlichen 7. Gebot (das mit dem Rauchen) nicht immer so genau nahm. Besorgter noch reagierte die Mutter, als Hermann Hesse erste literarische Versuche im Druck stolz nach Hause schickte.

Die Lyriksammlung „Romantische Lieder“ fand sie schlicht geschmacklos. Und nach dem Erzählband „Eine Stunde hinter Mitternacht“ konnte die Frau Mama mindestens fünf Stunden nach Mitternacht nicht mehr schlafen: Sie meinte, das sei „das Unanständigste, was sie jemals gelesen hatte“. Eine Einschätzung, die Setzler nicht ganz teilen mochte. „Er ist hier zum Dichter geworden“, erklärte der hessekundige Stadtführer.

Den Spaziergang reicherte er durchweg mit allerlei erhellenden Zahlen und Fakten an. Demnach war Tübingen damals „ein verhocktes Universitätsstädtchen im Aufbruch“ mit 14 000 Einwohnern, darunter 1361 Studenten (aber keine Studentinnen). Von ihnen wiederum kamen 61 Prozent direkt aus Württemberg.

In diesem Milieu rackerte Hermann Hesse bei Heckenhauer von morgens halb acht bis abends halb acht, ohne Urlaub, auch samstags. Gevespert wurde während der Arbeit. Die einstündige Mittagspause nutzte der Lehrling zum Promenieren. „Kein Honigschlecken“ war diese Fron, meinte Setzler und verlas Hesses Lamento zum Wochenausklang: „In diesen Stunden erscheint mir der Zustand eines Typhuskranken als ein Sommervergnügen, in diesen Stunden preise ich die Toten selig, die vor mir gewesen sind.“

Trotzdem verlängerte Hesse am Ende der Lehrzeit nochmals um ein knappes Jahr als Sortimentsgehilfe, und Heckenhauer-Chef Carl Sonnewald hätte ihn auch gern behalten. Hermann Hesse hatte in Tübingen inzwischen sogar Freunde gefunden, tauchte ab ins studentische Kneipenleben, was auf der Hesse-Tour en passant mit einem Stopp in der Ammergasse gewürdigt wurde. Dort schlotzten Hesse und seine Kumpel zwar nicht im „Ammerschlag“ oder „Storchen“ ihr Viertele, dafür aber im „Walfisch“, der später dann „Rebstöckle“ (und heute „Shooter Stars“) heißen sollte.

Die untere Stadt faszinierte den jungen Hesse, wie sie ihm unheimlich war. Auf unterschiedlichen Wegen hastete er morgens und abends von der Logis zum Arbeitsplatz und retour, durchs kotbesudelte „Räuberviertel“, dessen Ureinwohner ihm als „horribles Geschlecht“ erschienen, „schmutzig und vierschrötig, und gegenwärtig voll des neuen Weins. Ihr Schwäbisch ist echt und faustdick und gemahnt ans Slowakische.“

Vom Heckenhauerschen Entree, hinter dem sich bald eine literarische Gedenkstätte auftut, wälzte sich der Strom der Hesse-Passanten die Gassen hinab zur Sommertheaterbühne vor der Burse. Setzler hatte zum Abschluss eine Art „Gutenachtgeschichte spezial“ in petto, eine Lesung aus Hesses Tübinger Erstling „Novembernacht“ und einem weiteren Text. Danach signierte er auf Wunsch seine Bücher.

„Kennen Sie Tübingen“ auf Hermann Hesses Spuren
Zu Hermann Hesses Lehrlingszeit war’s hier nicht so belebt: Wilfried Setzler im Heckenhauer-Eingang am Holzmarkt.

Hesse-Kenner Wilfried Setzler hat sich in zwei Büchern mit Tübingens Hesse-Bezügen beschäftigt. Bereits vor zehn Jahren erschien im Silberburg-Verlag als Taschenbuch „Hesse in Tübingen“ (9,90 Euro), ein 120-seitiger Überblick über alles Wesentliche dieses vierjährigen Intermezzos. Das Werk ist nach wie vor im Buchhandel erhältlich. – Ganz neu erschienen ist Wilfried Setzlers „Mit Hesse von Ort zu Ort – Lebensstationen des Dichters in Baden-Württemberg“, Hardcover bei Silberburg (19.90 Euro). Vom Geburtsort Calw bis Gaienhofen am Bodensee und weitere Abstecher ins Ländle: Eine informative Reise durch Hesse-Country. Immerhin 30 der 212 Seiten sind den Tübinger Jahren gewidmet.

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25.07.2012, 12:00 Uhr

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