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Wie Louis de Funès an den Neckar kam

Kennen Sie Tübingens französische Besatzungszeit? 200 Interessierte auf Spurensuche in der einstigen Garnisonsstadt

Seit 30 Jahren gibt es diese besondere sommerliche Stadtführungsreihe schon. Vom 27. Juli bis 14. September heißt es wieder acht Mal: „Kennen Sie Tübingen?“ Am Montag begaben sich 200 Interessierte auf die Spuren der französischen Besatzungszeit in Tübingen.

29.07.2015
  • Achim Stricker

Tübingen. Am 19. April 1945, vor 70 Jahren, marschierte die 5. Französische Panzerdivision in Tübingen ein. Die Stadt ergab sich kampflos und wurde bis 1952 zum Verwaltungssitz der Militärregierung in der Besatzungszone Württemberg-Hohenzollern. Bis zum Truppenabzug 1991/1992 blieb Tübingen Garnisonsort, zugleich ein Ort der Verständigung und Annäherung, des kulturellen Austauschs.

Kaum ein Gebäude symbolisiert das heute noch so sinnfällig wie das deutsch-französische Kulturinstitut im ehemaligen Prinzenpalais in der Doblerstraße. Am sturmbewegten Montagnachmittag flattern hier die französische und die deutsche Flagge einträchtig im Wind. Matthieu Osmont, seit Juni 2014 Leiter des Instituts, hat seine Magisterarbeit über René Cheval geschrieben, der als Verbindungsoffizier für die Entnazifizierung der Tübinger Uni zuständig war, hier 1946 ein Treffen mit 450 Studierenden aus Frankreich, England und Deutschland organisierte und 1948 die Leitung des deutsch-französischen Instituts übernahm. Besatzungsoffizier und Kulturvermittler in einer Person. Auftrag: die fundamentale Demokratisierung der deutschen Nachkriegsgesellschaft.

Den Anstoß zu dieser Stadtführung gab ein Projektseminar Zeitgeschichte, das Johannes Großmann, Juniorprofessor für die Geschichte Westeuropas, in diesem Semester hielt. Vier Seminarteilnehmer/innen referieren an den Wegstationen. Ann-Cathrin Witte berichtet über die Geschichte des Kulturinstituts: 1946 als Freiburger Außenstelle gegründet, befand sich das damalige „Centre d’études françaises“ bis 1948 im beschlagnahmten Verbindungshaus Normannia. Hier gab es kostenlose Kulturvorträge auf Französisch und den passenden Sprachkurs gleich dazu. Im harten Winter 1946/1947 nahmen immerhin 300 der 36.000 Einwohner dieses Angebot wahr. Ein starker Anziehungspunkt soll die sehr gut ausgestattete Bibliothek gewesen sein und „mehr noch die attraktive Bibliothekarin“, wie sich ein Zeitzeuge erinnert. Das Institut sollte interkulturelle Verbindungen schaffen. Sein akademischer Anspruch engte den Hörerkreis aber stark ein. Ab 1950 wurden die Angebote mit Schallplatten-Konzerten und Filmvorführungen populärer. 1960 gehörte das Institut zu den Initiatoren der Städtepartnerschaft mit Aix-en-Provence.

Yannick Lengkeek skizziert mit Blick aufs Justizgebäude – heute das Landgericht, seinerzeit Verwaltungssitz der Militärregierung – die politische und juristische Situation der Besatzungszeit: Für viele Bürger ohne Französischkenntnisse war die Sprachbarriere ein Hindernis, ihre Rechte einzuklagen. Lengkeek erinnert aber auch an die Grafeneck-Prozesse im Juni 1949. Die Ärzte des „Euthanasie-Programms“, die an der Tötung von 10 654 Menschen beteiligt gewesen waren, gingen weitgehend straffrei aus.

Während die französischen Besatzungssoldaten zumeist in der Südstadt untergebracht waren, führte Gouverneur Guillaume Widmer im requirierten Verbindungshaus des Corps Rhenania ein feudales Leben mit Hofmeister, Kammerdiener und Jagden im Schönbuch. Der neugotische Bau thront auf dem Österberg, mit Postkartenblick auf die Südstadt und den Rammert. Therese Dichgans zeichnet ein differenziertes Porträt Widmers: Der „König von Tübingen“, der 1952 ins französische Verteidigungsministerium berufen wurde, galt als verständnisvoll und vernünftig.

Den nächsten Halt macht die Gruppe am Österberg, mit Blick aufs Museum, „Zentrum der französischen Kulturpolitik“, wie Thomas Theurer erläutert. Bereits im August 1945 führte eine studentische Theatergruppe hier Kleists „Zerbrochenen Krug“ und Shaws „Pygmalion“ auf. Erster Film nach Kriegsende war „Zirkus Renz“ von 1943, „trotz leicht anti-französischer Tendenzen – entweder ist er versehentlich durchgerutscht oder wurde zensiert“, vermutet Theurer. Allein 1948 wurden über 100 Konzerte organisiert. Bei Veranstaltungen im Winter musste das Publikum Holz und Briketts mitbringen, um den Saal vorzuheizen. „Aber auch die Gründung des Landestheaters und der Volkshochschule sind nicht ohne die Beteiligung der Franzosen vorstellbar.“

Den Neptunbrunnen vor dem Rathaus, 1948 von der WMF aus Waffenschrott der Wehrmacht gegossen, stiftete die Besatzungsregierung als Zeichen der Versöhnung und Erneuerung. Vor der Marktplatzkulisse wurde 1949 der Film „Le jugement de Dieu“ („Das Gottesgericht“) gedreht – mit Louis de Funès in einer seiner ersten Rollen, noch ganz unlustig. Der Film wird im Herbst im Kulturinstitut gezeigt.

Letzte Station ist das Casino am Neckar, 1912 als „Offiziersspeiseanstalt“ des 10. Württembergischen Infanterieregiments erbaut. In der Besatzungszeit hatten nur Franzosen Zutritt zum Casino. Ab den 1950ern durfte hier auch der Tübinger Damenverein seine Modenschauen veranstalten. Mit der Deutsch-französischen Gesellschaft öffnete sich das Haus 1961 für interkulturelle Begegnungen, wenngleich auf gehobener Ebene. Nicht ganz so elitär war das Foyer auf der gegenüberliegenden Straßenseite, Casino für die Soldaten. Bei seiner Schließung 1992 wurde es als „Mischung aus Eisdiele und Bahnhofswartehalle“ bezeichnet, 2012 abgerissen.

Am kommenden Montag um 17 Uhr wird das neue Lustnauer Viertel „Alte Weberei“ erkundet. Treffpunkt ist der Parkplatz an der Kusterdinger Straße, bei der Landschaftstreppe zum Neckar. Den Rundgang leitet Architekt Uwe Wulfrath, Leiter der städtischen Fachabteilung Projektentwicklung.

Kennen Sie Tübingens französische Besatzungszeit? 200 Interessierte auf Spurensuche in der
Bei der ersten sommerlichen Stadtführung von „Kennen Sie Tübingen?“ ging’s unter anderem zum Institut Français am Österberg.Bild: Metz

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29.07.2015, 12:00 Uhr

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