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Charme und Stolz bewahrt

Kilchberg feiert sanierte Dorfscheuer

Viel Herzblut steckt in der Sanierung der Kilchberger Dorfscheuer, die am Wochenende eröffnet wurde. Doch jetzt will das Finanzamt die ehrenamtliche Arbeit besteuern.

09.07.2012
  • Matthias Reichert

Kilchberg. Sechs Jahre hat das Projekt gedauert. 5200 Stunden ehrenamtliche Arbeit investierten die ehrenamtlichen Helfer. „Es hat mich viele schlaflose Nächte gekostet. Aber wie bei der Geburt eines Kindes überstrahlt die Freude alle Anstrengungen“, sagte Ortsvorsteherin Gundi Reichenmiller vor etwa hundert Eröffnungsgästen. Die Helfer haben die 1745 erbaute Scheune entrümpelt, die alten Balken mit Bürsten gereinigt, Löcher in der Tür mit Holz von anderer Stelle aufgefüllt. Handwerker bauten Stahlträger und eine Fußbodenheizung ein. Zweimal rückte die Kampfmittelbeseitigung an, weil sich im Heu Munition fand.

Hinter der alten Leiter, die immer noch bis zum Dach reicht, blickt man jetzt vom Treppenhaus auf den restaurierten Saal. Das Obergeschoss soll als Vereinsraum dienen, unterm Dach ist Platz für Exponate eines künftigen Museums; zur Eröffnung waren dort historische Nachttöpfe ausgestellt. Im Erdgeschoss wurde eine Küche eingebaut, im ersten Stock sind jetzt Toiletten.

Die Kosten des Scheunen-Umbaus belaufen sich auf rund 600 000 Euro. 450 000 Euro übernahm der Tübinger Gemeinderat – gegenfinanziert, indem die Stadt Bauplätze „Hinter den Gärten“ in Kilchberg verkaufte. Für 120 000 Euro haben Helfer ehrenamtlich gearbeitet, 40 000 Euro wurden gespendet.

Mühlstraßen-Steine halfen sparen

Doch nun hat, wie OB Boris Palmer bei der Scheunen-Eröffnung öffentlich machte, das Tübinger Finanzamt eine Rechnung für den Umbau geschickt. „Das Finanzamt will die Gemeinnützigkeit nicht anerkennen. Wir sollen die geleistete ehrenamtliche Arbeit versteuern. Wenn’s dumm läuft, haben wir eine nahezu sechsstellige Lücke. Da wüsste ich nicht, weshalb noch jemand ehrenamtliche Arbeit leisten soll.“ Die Ortsvorsteherin sagte auf Nachfrage: „Das war schon ein Schlag für uns. Das Finanzamt argumentiert, dass wir einen Mehrwert für die Stadt schaffen.“

Immerhin half die Scheuer an anderer Stelle sparen. Laut Palmer verwendete Tiefbau-Chef Albert Füger für den Vorplatz Pflastersteine aus der Mühlstraße, die dort unter dem Asphalt lagen und bei der Sanierung zutage kamen. Andernfalls hätte die Stadt diese Steine als Sondermüll entsorgen müssen. „Hier geht es um Lebensqualität. Dieser Ort ist schöner geworden“, lobte Palmer. Er überreichte an den harten Kern von zehn Helfern Erinnerungsbücher von Chronist Klaus Mohr. Der hatte auf Tafeln die Geschichte der Scheuer dokumentiert: Erster Besitzer war der Hofbauer Adam Schettler, der von 1743 bis 1747 Schultheiß war.

Das Gebäude habe seinen Charme und seinen Stolz bewahrt, lobte Monika Fuhl vom Tübinger Architekturbüro Gottfried Haefele. Die ehrenamtlichen Arbeiten koordinierte Eugen Finkbeiner. „Das bäuerliche Erbe geht verloren“, sagte dieser. Die Älteren hätten die einstige Bedeutung der Landwirtschaft miterlebt. „Den Enkeln bleibt nur noch der Gang ins Freilichtmuseum.“

Finkbeiner erinnerte daran, wie die Helfer mühselig Staub- und Strohreste entfernten. „Wir haben gedacht, das nimmt kein Ende“. Der Umbau habe neue Verbindungen zwischen Alt-Kilchbergern und Zugezogenen geschaffen. „Auf das Ergebnis kann jeder von uns ein bisschen stolz sein.“ Finkbeiner wünscht sich eine neue Gruppe, um die Scheune mit Leben zu füllen. „Für mich gibt es ein Leben nach der Scheune.“

Nach dem Grußwort des Pfarrers Martin Keller aus Kilchberg bei Zürich und dem Segen durch die Geistlichkeit rief Michael Jung parodistisch bei Kretschmann, Beckenbauer und Reich-Ranicki an, um vermeintlich namhafte Auftritte anzulocken. Der Kilchberger Chor, der Posaunenchor und eine Tanzgruppe des Schwäbischen Albvereins umrahmten die Eröffnung. Am Samstag nahmen dann mehrere hundert Besucher/innen das Gebäude bis in die Abendstunden in Augenschein.

Kilchberg feiert sanierte Dorfscheuer
Durchblick hinter der alten Leiter in der sanierten Dorfscheune.Bild: Faden

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09.07.2012, 12:00 Uhr

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