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Titel-Thema

Kinder & Karriere

Führungskräfte Das Gehalt ist nicht unbedingt entscheidend: Für mehr als 90 Prozent aller Fachkräfte zwischen 25 und 40 Jahren ist die Familienfreundlichkeit ein ebenso wichtiges Kriterium bei der Stellenwahl. Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen ist nicht nur Müttern wichtig, sondern zunehmend auch Vätern – das gilt auch für Führungskräfte. Über die Karrierechancen als Teilzeitler/in und die manchmal gar nicht so einfache Trennung von Job und Kinderbe- treuung sprach „Wirtschaft im Profil“mit drei Frauen und einem Mann, die bei Tübinger Firmen in leitender Position arbeiten.

24.10.2014
  • TEXT: Volker Rekittke | FOTOS: Ulrich Metz | GRAFIKEN: Uhland2/Eck

Annette Müller-Mesam, Weiterbildungs-Leiterin bei der Walter AG – Ohne Vertrauen geht es nicht

Wenn man Vertrauen zueinander hat, findet man eine Lösung.“ Dieser Satz ist Annette Müller-Mesam wichtig. Das Verhältnis zwischen der 45-jährigen Teamleiterin und ihrem Arbeitgeber, der Tübinger Walter AG, ist geprägt von einem „Geben und Nehmen“, wie sie sagt. Dazu gehört Vertrauensarbeitszeit, Flexibilität auf beiden Seiten – und die Möglichkeit, ihren Führungsjob in Teilzeit auszuüben. Mit einem 80-Prozent-Vertrag ist Müller-Mesam zuständig für die Weiterbildung der weltweit 4000 Walter-Mitarbeiter/innen – vor allem für die Ausbildung der dafür von Tübingen über die USA bis nach China eingesetzten Trainer.

Die gelernte Technische Zeichnerin und Maschinenbautechnikerin hat sich beim Tübinger Hartmetallwerkzeug-Hersteller in die Leitungsebene hochgearbeitet: als Konstrukteurin, Projektingenieurin, im Produktmanagement und mittlerweile in der Walter Akademie.

Wie geht das mit zwei Kindern, die heute zehn und zwölf Jahre alt sind? Nach der Geburt beider Mädchen blieb sie stets nur zwei Monate daheim – und stieg dann wieder voll in ihren Beruf ein. Ihr Mann, der davor im Metall- und Softwarebereich gearbeitet hatte, kümmerte sich um die Kinder – in Vollzeit.

„Bei uns lief’s andersrum“, sagt Müller-Mesam. Ihr Mann hielt ihr beruflich den Rücken frei, kümmerte sich während der ersten Jahre um die Kinder. Als die beiden vier und sechs waren, starb der Vater bei einem Unfall. Nach diesem Schicksalsschlag brauchte Annette Müller-Mesam Zeit – für ihre Mädchen, für sich selbst. „Nehmen Sie sich die Zeit, die Sie brauchen – und melden Sie sich, wenn es wieder geht“, hieß es vonseiten der Firma. Nach fünf Monaten stieg sie langsam wieder ein, erst mit einem Tag, dann zwei, drei,… „Ich habe so ziemlich jedes Teilzeitmodell durch“, sagt Müller-Mesam. Ganz wichtig war die Ganztagsschule – damals noch ein Modellprojekt – in ihrer Heimatstadt Haigerloch: „Ohne die wär’s nicht gegangen.“

Ein Jahr lang arbeitete sie auch zwei Tage in der Woche von zuhause aus. Das ginge auch heute noch, aber mittlerweile ist ihr „eine klare Trennung“ lieber: „Wenn ich mit den Töchtern zuhause bin, hab ich sonst immer ein Ohr am Telefon oder einen Blick auf dem Laptop.“ Darüber beschwerten sich ihre Kinder: „Mach doch mal das Ding aus.“

Annette Müller-Mesam ist mittlerweile jeden Wochentag im Betrieb. Montag- und Freitagnachmittag gehört sie ihren Kindern. Auf den Computerbildschirm oder das Smartphone schaut sie auch daheim hin und wieder – „aber nur abends, wenn die Mädels im Bett sind“.

Stefanie Schänzlin, Abteilungsleiterin bei der Kreissparkasse Tübingen – „Die Frauen wollen mehr“

Ein Leitungsjob in Teilzeit? 75 statt 100 Prozent arbeiten? „Organisatorisch nicht machbar“ – das musste sich Stefanie Schänzlin noch 2009 anhören, als sie nach der Geburt ihres ersten Sohnes zu ihrem damaligen Arbeitgeber, der Sparkasse Zollernalb, zurückkommen wollte, auf eine Stelle in der Rechtsabteilung. Doch nur vier Jahre später – nach einem weiteren Kind und einer Jobschleife in einer Reutlinger Anwaltskanzlei – ging das auf einmal.

„Ganz oder gar nicht“ – sie war nicht die Einzige in ihrem Bekanntenkreis, die solche Worte vom Chef zu hören bekam, erinnert sich die 38-jährige Juristin. Doch seit ein paar Jahren, beobachtet sie, passiert etwas. In den Personalabteilungen, in den Köpfen von Chefs und Beschäftigten: „Die Frauen wollen mehr“, sagt Schänzlin, „das Rollenbild hat sich verändert. Mittlerweile ist es ganz normal, dass beide Eltern arbeiten.“

Viele bestens ausgebildete junge Frauen wollen beides: Einen guten Job und eine Familie. Kinder und Karriere. Dazu passt: Immer mehr Firmen suchen händeringend qualifizierte, motivierte Mitarbeiter. Und immer häufiger: Mitarbeiterinnen.

Drei und sechs Jahre alt sind ihre Jungs, der ältere geht seit kurzem in die Schule. Seit Anfang des Jahres ist Stefanie Schänzlin bei der Kreissparkasse Tübingen, seit Juli ist sie als Abteilungsleiterin zuständig für Geldwäsche-Verdachtsfälle, Verbraucherschutz und Wertpapier-Compliance – etwa für Insiderregelungen und mögliche Marktmanipulationen im Aktiengeschäft.

Ihr Mann arbeitet auf einer 100-Prozent-Stelle bei einem Automobilzulieferer. Bislang brachte er beide Kinder morgens in den Kindergarten, seit kurzem ist jedes Elternteil für einen Buben zuständig: Kindergarten und Schule. Jeden Vormittag und an zwei Nachmittagen ist die Abteilungsleiterin in ihrem „Hochsicherheitstrakt“, wie sie ihre speziell gesicherte Abteilung im Sparkassen-Carré in den Mühlbachäckern lachend nennt. Eins ist ihr wichtig: „Das Smartphone wird zuhause ausgeschaltet.“

Die beiden Kinder sind bis 14 Uhr in Schule und Kita versorgt. Beim Abholen wechselt sie sich mit einer Kindersitterin ab, die einen Nachmittag pro Woche übernimmt – und mit Oma und Opa. Ihre Eltern und die ihres Mannes wohnen so wie sie in Tübingen oder nah dran. Für diesen „Luxus“ ist sie sehr dankbar: „Anders würd’s nicht gehen.“

Ihren neuen Job bei der Kreissparkasse Tübingen nennt Schänzlin „einen absoluten Glücksgriff“. Die Stelle war mit 100 Prozent ausgeschrieben – aber sie konnte verhandeln. „Ich hätte nie gedacht, dass ich so einen Job in Teilzeit bekomme.“

Angelika Töpfer, Stellvertretende Abteilungsleiterin Soziales im Landratsamt Tübingen – Balance zwischen Job und Familie

Absprachen mit Kolleginnen, Teamsitzungen, Gespräche mit Bürgern, die ein Anliegen haben oder eine Beschwerde loswerden wollen: Der Job von Angelika Töpfer hat viel mit Menschen zu tun. Deshalb ist es ihr auch lieber, jeden Morgen von Unterjesingen ins Landratsamt in den Mühlbachäckern zu fahren, nachdem sie ihren dreijährigen Sohn und die fünfjährige Tochter in den Kindergarten gebracht hat. „Homeoffice, das ist nicht meine Art zu arbeiten.“ Die Trennung zwischen Job und Familie ist ihr wichtig. Und „ehrlich gesagt bin ich auch mal froh, wenn ich morgens im Büro bin“.

Ihre Arbeit ist der Sachgebiets- und stellvertretenden Abteilungsleiterin Soziales im Tübinger Landratsamt wichtig. Finanzen und Controlling, Wohngeld und Ausbildungsförderung, Flüchtlinge und Schwerbehindertenrecht gehören zu ihren Aufgaben. Weil das ein bisschen viel für eine 50-Prozent-Stelle ist, bekam sie einen Mitarbeiter, der sich schwerpunktmäßig um den Finanzbereich kümmert.

Es macht ihr durchaus Spaß, zu gestalten, gerne auch in der ersten Reihe. Bis zum Beginn ihrer Elternzeit 2009 leitete Angelika Töpfer im Landratsamt die Personalabteilung. Der 42-Jährigen war immer klar: „Wenn die Kinder kommen, ist das nicht das Ende, sondern eine Pause.“ Doch als sie im Oktober 2013 aus der Elternzeit zurückkehrte, wollte sie nicht gleich zurück in die erste Reihe. Beruf-Familie, Kinder-Karriere: „Alles muss eine gewisse Balance haben.“ Ihr Mann arbeitet Vollzeit in der Industrie in Böblingen. „Kinderbetreuung ist ja wie ein Zweitjob“, findet Töpfer.

Etwas über zwei Jahre alt war ihr Jüngster, als sie wieder zu arbeiten begann. Gern hätte man sie auf dem Amt schon früher zurückgerufen, aber sie war noch auf der Suche nach einem Kindergartenplatz in Wohnortnähe. „Man muss einen guten Zeitpunkt finden – eine Kinderbetreuung mit Hängen und Würgen macht keinen Sinn.“

Irgendwann kann sie sich auch wieder vorstellen, aufzustocken, mehr zu arbeiten. Aber in nächster Zeit wird Angelika Töpfer noch woanders gebraucht. Ihre Kinder den ganzen Tag in der Kita abgeben, das will sie nicht. „Die Ganztagsbetreuung als Angebot ist superwichtig“, sagt sie. Aber ebenso wichtig ist für sie der Kontakt zu ihren Kindern am Nachmittag.

Familienfreundliche Dienstvereinbarungen, Rechtsanspruch – das alles sei gut und schön, findet Töpfer. Aber entscheidend sei der Geist, der in einem Unternehmen herrscht: „Offenheit, Vertrauen, gegenseitiges Entgegenkommen.“ Und da hat sie mit ihrem Arbeitgeber sehr gute Erfahrungen gemacht.

Tobias Schmid, Abteilungsleiter E-Commerce bei Osiander – Als Paar für die Kinder zuständig

Als das erste Kind geboren wurde, blieb noch die Frau zuhause. Drei Jahre später, beim zweiten, ging Tobias Schmid in Elternzeit. Nicht die üblichen zwei Papa-Monate, sondern gleich ein ganzes Jahr. Auch danach stieg der Abteilungsleiter E-Commerce beim Tübinger Buchhändler Osiander nicht wieder mit 100 Prozent ein, sondern mit 30 Wochenstunden, knapp 80 Prozent.

Vier „Präsenztage“ verbringt er im Büro, freitags ist Schmid zuhause bei seinen mittlerweile drei und sechs Jahre alten Jungs. Wenn die vormittags im Kindergarten sind, checkt er auch von zuhause seine Mails, beantwortet wichtige Anfragen, telefoniert. Das kann auch abends vorkommen, wenn der Nachwuchs endlich schlummert. Dafür kann er an anderen Tagen ohne Stress seine Kinder von der Kita abholen – oder mit dem kranken Sohn daheim bleiben. „Flexibilität“ ist das Zauberwort. Davon haben beide etwas, Chef und Mitarbeiter, ist Schmid überzeugt.

Donnerstag und Freitag ist die Frau in Stuttgart, dann ist Tobias Schmid, 50, zuständig – auch fürs Bringen und Abholen der Kinder oder wenn eins krank wird. Montag bis Mittwoch ist es umgekehrt. Wobei er auch da manchmal früher rauskommt, um nachmittags rechtzeitig am Kindergarten zu sein.

Seine Frau arbeitet 60 Prozent als Webmasterin bei einem wissenschaftlichen Verlag in Stuttgart. „Wir organisieren uns ständig um.“ Das Paar als Team: „Jeder entlastet und vertritt den anderen.“ Schmid legt seine Termine und Meetings bewusst auf Tage, von denen er weiß, dass die Kinder gut versorgt sind: „Das kann ich ja steuern.“

Die Möglichkeit zum Homeoffice findet Schmid „ambivalent“. Positiv sei die freie Zeiteinteilung. Die andere Seite: Er muss sich selbst begrenzen. Damit die Jungs auch was von ihrem Papa haben. Deshalb lässt er sein Smartphone im Urlaub ganz bewusst zuhause.

„Ich rechne es Osiander hoch an, dass ich so arbeiten kann. Ich musste nicht darum kämpfen.“ Das ist längst noch nicht selbstverständlich. Zwar arbeitete Schmid auch zuvor schon in Teilzeit. Doch bei einem früheren Arbeitgeber wurde ihm klargemacht: „Bis zum Abteilungsleiter, dann ist Schluss.“ Schluss für alle Teilzeiter. „Das ist Dinosaurier-Denke“, findet Schmid. „Da wird viel Potenzial vertan.“

Tobias Schmid ist überzeugt: „Das wird sich auf Dauer keiner mehr leisten können – allein schon wegen des Fachkräftemangels.“ Schließlich könne „ein moderner Arbeitgeber, der Flexibilität als Chance sieht, da sehr viel rausziehen“.

Kinder & Karriere
Angelika Töpfer ist nach der Kinderpause auf eine 50-Prozent-Stelle ins Landratsamt zurückgekehrt.

Kinder & Karriere
Tobias Schmid von Osiander geht davon aus, dass es künftig sowohl für das konventionelle Buch als auch für das E-Book einen Markt gibt.

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24.10.2014, 12:00 Uhr

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