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Andreas Nieder erklärte, warum Krähen Memory spielen können

Kinder-Uni: Vögel, die Gedächtniskünstler

Verglichen mit den Menschen haben Krähen ein ziemlich kleines Gehirn. Doch was sie damit machen können, ist erstaunlich.

17.06.2015

Von ulrich janssen

Tübingen. Prof. Andreas Nieder ist Tierphysiologe. Das heißt: Er erforscht, wie der Organismus von Tieren funktioniert. Am Dienstag stellte er in der Kinder-Uni den knapp 300 Kindern eines seiner Lieblingstiere vor: die Krähe.

Dass Krähen, die zu den Rabenvögeln gehören, ungewöhnlich klug sind, zeigte Nieder den Kindern mit einem Film. Darin kann man sehen, wie eine Krähe versucht, eine Rosine zu ergattern, die in einer Vase schwimmt. Weil der Wasserpegel zu tief ist, kommt die Krähe mit dem Schnabel nicht ran. Sie schnappt sich ein paar Steine und wirft sie in die Vase. So steigt der Wasserpegel. Mit jedem Stein steigt er höher. Und irgendwann kann die Krähe die Rosine schnappen.

In seinem Forschungslabor bringen Nieder und seine Mitarbeiter den Krähen bei, sich Motive von Memory-Karten zu merken. Sie sehen zum Beispiel zwei Kirschen auf einem berührungsempfindlichen Monitor. Wenn dann, nach einer kurzen Pause, auf dem Bildschirm vier verschiedene Motive zu sehen sind, müssen die Krähen auf das richtige Bild picken, die Kirschen. Und das tun sie auch.

Krähen können sich also Bilder merken. Eine Fähigkeit, die in der Natur sehr nützlich ist. „Krähen“, meinte Nieder, „merken sich, wo Futter versteckt ist.“ Der amerikanische Kiefernhäher ist sogar ein echter Gedächtniskünstler. Im Sommer vergräbt er Futter an bis zu 25 000 verschiedenen Stellen. Dadurch hat er im Winter eine Menge Reserven.

Um das versteckte Futter wiederzufinden, müssen sich die Krähen aber nicht nur Orte merken können. Sie müssen auch wissen, dass ein Gegenstand nicht einfach weg ist, wenn man ihn nicht mehr sehen kann. Auch das hat Nieder erforscht.

Er zeigte einer Krähe einen Mehlwurm und versteckte ihn dann unter einer von mehreren kleinen Hauben. Prompt suchte die Krähe unter der richtigen Haube nach dem Wurm.

Aber Krähen sind sogar noch klüger. Sie merken sich nicht nur Verstecke, sie können auch Regeln beachten. Nieder brachte einem der Vögel bei, nur dann auf das korrekte Memory-Bild zu tippen, wenn zwischen Kirschen und Bilder-Auswahl kurz mal ein blauer Kreis zu sehen war. Kam dagegen zwischen Kirschen und Auswahl ein roter Kreis, sollte die Krähe gerade nicht auf die Kirsche, sondern auf das jeweils andere Bild picken. Die Kinder staunten, mit welcher Geschwindigkeit die Krähe, die auf einen Leckerbissen scharf war, auch diese Aufgabe löste.

Wie schaffen die Krähen das? Um das herauszufinden, operiert Nieder kleine Elektroden ins Hirn der Krähen und misst die Aktivitäten der Nervenzellen. Den Vögeln tut das nicht weh, weil sie im Hirn keine Schmerzsensoren haben.

Vögel besitzen kein Großhirn wie der Mensch, und ihr Gehirn ist auch anders aufgebaut. Die verschiedenen Arbeitsbereiche sind stärker durchmischt als beim Menschen. Nieder gelang es trotzdem, die Nervenzellen zu finden, die für das Bild-Erkennen zuständig sind.

Wie ein Morse-Code hören sich die Botschaften an, die die Nervenzellen im Hirn austauschen. Es sind winzig kleine Stromstöße, die über ein Wirrwarr von Nervenfasern durchs Hirn sausen und die man hörbar machen kann. Nieder führte den Kindern vor, wie es sich anhört, wenn eine Nervenzelle aktiv wird, weil die Krähe ein bestimmtes Bild sieht: Es knattert schnell und laut. Sieht die Krähe dagegen ein Bild, für das sie nicht zuständig ist, bleibt die gleiche Nervenzelle ganz ruhig.

Das also ist die Antwort auf die Frage, warum Krähen Memory spielen können: Das Wissen über die Memorybilder ist in ein paar Zellen im Arbeitsgedächtnis der Krähen gespeichert. Wenn die Krähe ein Bild sieht, werden diese Zellen aktiv. Sie aktivieren andere Zellen in ihrer Umgebung, und am Ende pickt die Krähe aufs richtige Bild.

Für die Biologen gehören Krähen zu den Singvögeln, auch wenn es sich für unsere Ohren nicht so schön anhört, was die Krähen so mitteilen. Bild: Nieder

Andreas Nieder

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Erstellt:
17. Juni 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
17. Juni 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. Juni 2015, 12:00 Uhr

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