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Welt-Frühgeborenentag · Auf die Kleinsten hören

Kinderklinik eröffnet NIDCAP-Ausbildungszentrum

Frühgeborene sind noch nicht reif für die Welt. Doch plötzlich finden sie sich statt im Mutterleib auf einer Intensivstation inmitten technischer Geräte – ein Problem nicht nur für die körperliche, sondern auch für die geistige und emotionale Entwicklung. Damit Ärzte, Pflegende und Eltern sie besser fördern können, eröffnete die Uni-Kinderklinik gestern ein NIDCAP-Ausbildungszentrum – das erste im deutschsprachigen Raum.

17.11.2015
  • Renate Angstmann-Koch

Tübingen. Gegen vieles, was den besonders verletzlichen Frühgeborenen zu schaffen macht, gibt es Medikamente, sagt Prof. Christian Poets, der Ärztliche Direktor der Tübinger Neonatologie. Etwa für die noch unreifen Lungen oder die Gefahr einer Darmentzündung. Nicht jedoch für das noch nicht voll ausgebildete Gehirn. Es muss „in der Interaktion mit seiner Umwelt wachsen. Und zwar statt im Mutterleib, wo es hingehört, auf einer Intensivstation“. Weit überdurchschnittlich oft werden vor der 25. Schwangerschaftswoche geborene Kinder später hyperaktiv, zeigen Aufmerksamkeits- und Verhaltensstörungen oder haben emotionale Probleme.

Eine Intensivstation ist von Technik geprägt, schildert die Kinderkrankenschwester und NIDCAP-Trainerin Natalie Broghammer die Situation. Die Kinder liegen im Brutkasten, es piepst, es gibt Infusionen, Überwachungskabel, einen Beatmungsschlauch. Dazu kommt, dass die Frühgeborenen von ihren Eltern getrennt sind. NIDCAP ist eine Abkürzung und steht für individuelle Betreuung (siehe Kasten). Das Konzept versucht, diese Stressfaktoren zu verringern. Im Zentrum steht, das Kind genau zu beobachten, seine Bedürfnisse wahrzunehmen, ihm eine Stimme zu geben, indirekt zu hören, was es sagen will. Im Grund nutzen die Kleinen dieselben Ausdrucksweisen wie alle anderen. Nur seien sie eben bei einem noch so zarten Kind oft nicht gleich zu erkennen.

Das Gehirn wächst ab der 24. Schwangerschaftswoche rapid. Dann erst organisieren sich die Nervenzellen und verschalten sich zu Synapsen. Da bleibt nichts ohne Folgen, was der kleine Mensch auf der Intensivstation erlebt. Das NIDCAP-Konzept trägt dem Rechnung. Es setzt auf eine ganzheitliche Betreuung und Förderung, die alle einbezieht, die mit dem Frühgeborenen zu tun haben – ganz besonders auch seine Familie.

Natalie Broghammer ist die Leiterin des neuen Ausbildungszentrums. Seit 2001 auf der Tübinger Frühgeborenenstation, war ihr immer klar, dass es neben der Technik noch andere Aspekte gibt, dass man wahrnehmen muss, was die Kinder sagen.

Als sie NIDCAP kennenlernte, sei es für sie wie eine Offenbarung gewesen, berichtet Broghammer. Sie sei aber auch regelrecht erschrocken. „Man merkt ja in der täglichen Arbeit, dass man beim Kind was bewirkt. Wenn man etwa unter Stress ans Bett geht.“ Man müsse lernen, das abzulegen, ruhig zu werden, sich Zeit zu nehmen.

NIDCAP will dem Kind eine Stimme und die Möglichkeit geben, sich mitzuteilen – und sei es noch so unreif oder klein. Durch genaue und systematische Verhaltensbeobachtung nach einem festen Schema wollen die Beteiligten besser verstehen lernen, was das Frühgeborene will und was es braucht. Sie wollen erkennen, ob sich das Kind wohl fühlt, ob es Zeichen von Stress zeigt oder ein bestimmtes Ziel verfolgt.

Oft handle es sich auch um einen Balanceakt, sagt Broghammer. Die Kinder könnten eigentlich viel, und jedes Frühgeborene gehe seinen eigenen Weg. Man laufe schnell Gefahr, ein Kind überzustimulieren oder ihm umgekehrt Reize vorzuenthalten, die es eigentlich erwarte.

Die Neonatologie ist eine Disziplin, „die vom Zusammenspiel von Pflege und vom ärztlichem Konzept lebt“, sagt Prof. Poets. Er hörte vor ungefähr zwanzig Jahren zum ersten Mal von NIDCAP. Die aus Deutschland kommende Neuropsychologin Prof. Heidelise Als hatte das Konzept in den USA entworfen. Sie beobachtete viele Jahre Frühgeborene und kranke Neugeborene auf der Intensivstation.

Vor acht Jahren bekam Poets vom Klinikum die Chance, ein Konzept zu entwickeln, nach dem die Tübinger Uniklinik künftig Pflegende, Ärzte und Therapeuten bundesweit zu zertifizierten NIDCAP-Experten für die Arbeit mit Frühgeborenen ausbilden kann. Auch Elternvereine halfen mit insgesamt 100 000 Euro mit. Der Tübinger Verein Lichtblick überreichte gestern am Weltfrühgeborenentag bei der offiziellen Eröffnung des Ausbildungszentrums einen Scheck über 15 000 Euro.

Poets findet es geradezu peinlich, dass es erst jetzt ein NIDCAP-Zentrum im deutschsprachigen Raum gibt, nachdem viele andere Länder solche Zentren schon längst eingerichtet haben.

Anderthalb Jahre dauerte Broghammers Ausbildung zum „NIDCAP Professional“ und weitere anderthalb Jahre die Trainerausbildung. Die Tübinger Kinderkrankenschwester wird nun andere Kliniken besuchen, sie beraten, Pflegende, Ärzte und Therapeuten schulen. „Jede Station hat ihre Besonderheiten“, sagt Broghammer. „Wenn man NIDCAP einführt, ändert man auch die Arbeitsabläufe auf der Station.“

Kinderklinik eröffnet NIDCAP-Ausbildungszentrum
Eva Jochim (links) ist NIDCAP-Trainee – hier mit dem Ärztlichen Direktor der Tübinger Neonatologie Prof. Christian Poets und Patricia Arcuri mit ihrem Sohn Gabriel Sciliberto. Bild: Metz

Die Abkürzung NIDCAP steht für „Newborn Individualized Developmental Care and Assesment Program“. Das Konzept setzt auf eine ganzheitliche Förderung der Entwicklung von Frühgeborenen. Für jedes Kind wird nach standardisierten Verhaltensbeobachtungen ein individueller Behandlungsplan entwickelt.
NIDCAP wurde von der Neuropsychologin Prof. Heidelise Als in den USA entworfen. Die Neonatologie der Tübinger Uniklinik für Kinder- und Jugendmedizin begann im Jahr 2010, es einzuführen. Das Grundprinzip besteht darin, die Menschen auf der Station – auch die Eltern – so zu begleiten, dass sie besser verstehen, was das Kind will,

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17.11.2015, 12:00 Uhr

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