Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Ein Jahr ohne Blockbuster

Kinobilanz 2016 für den Kreis Tübingen

2016 gingen so wenige Deutsche ins Kino, wie seit langem nicht mehr. Auch die Kinos im Kreis mussten Federn lassen. Nur eines trotzte dem Trend.

18.01.2017
  • Klaus-Peter Eichele

Noch sind die Zahlen nur vorläufig, aber die Richtung ist klar: In Deutschland gehen immer weniger Menschen ins Kino. Mit etwa 116 Millionen ist die Zuschauerzahl des Jahrs 2016 auf dem Stand der Vor-Multiplex-Ära vor 25 Jahren angekommen. Gegenüber 2015 beträgt der Rückgang dramatische 15 Prozent. Auch die Tübinger Kinos blieben von dem Einbruch nicht verschont. Martin Reichart, Geschäftsführer der Kinos Museum und Blaue Brücke, beziffert das Zuschauerminus in seinen Häusern auf 12,5 Prozent.

Einen der Gründe liefert der Blick an die Spitze der Lokalcharts: Dem Harry-Potter-Nachklapp „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ genügten 7345 Zuschauer, um Kassenknüller des Jahres zu werden. Zum Vergleich: In „Spectre“, den Spitzenreiter von 2015, waren 15000 Leute geströmt, in „Monsieur Claude“ ein Jahr davor knapp 19000. Deutschlandweit genügten dem Trickfilm „Zoomania“ 3,8 Millionen für die Pole Position – einen so niedrigen Wert gab es seit Einführung der Statistik in den 60er Jahren nicht. 2016 dürfte als das erste Jahr ohne einen einzigen echten Blockbuster in die Filmgeschichte eingehen.

Abgesehen von dem Verweis auf die Fußball-EM, hinterlässt der Absturz die Branche einigermaßen ratlos. „Ich habe keine Ahnung, warum ‚Ice Age‘ viermal zündet und beim fünften Mal nicht“, sagt Reichart. Ähnliche mysteriöse Schicksale erlitten der „Nemo“-Nachfolger „Findet Dorie“ und die jüngste Dan-Brown-Verfilmung „Inferno“.

Dass es nicht noch schlimmer kam – dafür sorgten in Tübingen einige wenige Überraschungsfilme, in denen sich auch die öko-akademische Struktur der Unistadt spiegelt. So belegt der anspruchsvolle Abenteuerfilm „The Revenant“ mit 6257 Zuschauern den zweiten Platz (gegenüber Rang acht in den Nationalcharts). Einen noch größeren Satz nach vorn, von 46 auf drei, machte der deutsche Oscar-Kandidat „Toni Erdmann“ (knapp 5000 Zuschauer). Typisch Tübingen ist auch der elfte Platz für die französische Landlust-Komödie „Birnenkuchen mit Lavendel“ (3400 Besucher).

Was Reicharts Bilanz ein bisschen aufhübscht, riss freilich die Konkurrenz umso tiefer in die Krise. Weil fast alle halbwegs attraktiven Arthaus-Filme im mit größeren Sälen bestückten Museum liefen, blieben den beiden Kleinkinos Arsenal und Atelier einmal mehr nur Brosamen. Der Jim-Jarmusch-Film „Paterson“ und das türkische Teenager-Drama „Mustang“ waren dort mit jeweils knapp 1700 Besuchern die erfolgreichsten Filme – auch das ist minusrekordverdächtig. Insgesamt ging die Zuschauerzahl in Arsenal und Atelier von einem schon sehr bescheidenen Level um weitere sieben Prozent auf nunmehr 39900 zurück. Überleben können die Kinos laut Betreiber Stefan Paul derzeit nur, weil die angeschlossenen Kneipen einigermaßen gut laufen.

Neben der innerörtlichen Konkurrenz macht Paul auch das im September 2015 eröffnete Reutlinger Genossenschaftskino Kamino für den Rückgang verantwortlich. „Das kostet uns gut und gern 5000 Zuschauer im Jahr“. Ein weiterer Grund sei, dass sich jüngere Leute vom Kino fast vollständig abgewandt hätten. „Die schauen nur noch Fernsehserien“, glaubt Paul. In Schockstarre verfällt der altgediente Medienunternehmer deswegen aber nicht. So wurde in den letzten Monaten das Café Haag, das nicht nur als Kino-Foyer fungiert, sondern auch viele andere kulturelle Veranstaltungen beherbergt, mit finanzieller Unterstützung der baden-württembergischen Filmförderung renoviert und umdesignt.

Dass man auch ohne größere Blessuren durch ein Katastrophenjahr kommen kann, zeigt das Kino im Waldhorn in Rottenburg. Dort ging die Zuschauerzahl 2016 um gerade mal 1,3 Prozent auf 38653 zurück. „Da wir 2015 ein Rekordjahr hatten, bin ich mit diesem Ergebnis zufrieden“, sagt Betreiber Elmar Bux. Ein wesentlicher Grund für die Stabilität ist laut Bux der „kultige Charakter“ des Kinos. Zudem liege man bei der Anzahl der Regisseure, Schauspieler oder Referenten, die zu den Filmvorführungen kommen, in der Spitzengruppe in Baden-Württemberg. Kassenstärkster Film in Rottenburg war 2016 „Birnenkuchen mit Lavendel“ mit 1602 Besuchern. Verleihbilder

Ein Kuschelkino für die Blaue Brücke

Im Kino Museum stehen in diesem Jahr große Veränderungen an. Im August werden im Kino 1 die engen Stuhlreihen durch breitere und mehr Beinfreiheit gewährende Sitze ausgetauscht; es wird auch eine Premiumklasse besonders bequemer (und entsprechend teurerer) Sessel geben. Außerdem rückt die dann um zwei Meter verbreiterte Leinwand vor die Bühne. Die Kapazität verringert sich dadurch von über 600 auf 400 Plätze. Teilweise kompensiert wird der Verlust durch einen neuen Saal im Kino Blaue Brücke, der im nächsten Jahr im Untergeschoss eingebaut werden soll. Geplant ist laut Geschäftsführer Martin Reichart ein „kleines, aber kuscheliges“ Clubkino mit etwa 35 Plätzen, das auch für private Feiern angemietet werden kann.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

18.01.2017, 19:08 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.

Kino Suche im Bereich
nach Begriff
Anzeige