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Sulz · Kirchen

Kirche sollte die Mitte besetzen

Manfred Lucha wirbt in Sulz für solidarisches Miteinander als Bollwerk gegen Kräfte von rechts. Unternehmer fordern größere Spielräume beim Asylrecht.

14.02.2020

Von Cristina Priotto

Der baden-württembergische Minister für Integration und Soziales, Manfred Lucha (Zweiter von links), diskutierte am Mittwochabend in Sulz im vollbesetzten evangelischen Gemeindehaus mit (von links): Dekan Ulrich Vallon, Michael Widmann (Diakonie) sowie den Unternehmern Heinz Hauser und Andrea Kopp über die Bekämpfung von Fluchtursachen und politische Voraussetzungen für Integration. Bild: Cristina Priotto

Mit einem prominenten Gast starteten die Themenabende der Diakonie im Evangelischen Kirchenbezirk Sulz am Mittwoch: Manfred Lucha, Minister für Soziales und Integration in Baden-Württemberg, sprach auf Einladung seines Studienfreunds Michael Widmann, der bei der Diakonie für Flüchtlingsarbeit zuständig ist, im vollbesetzten evangelischen Gemeindehaus über Integration, die AfD und die Bekämpfung von Fluchtursachen.

Zunächst berichtete der Landtagsabgeordnete aus Ravensburg von „unerträglichen Äußerungen, unverblümtem Hass und Herabwürdigungen der AfD im Landtag“ und zeigte sich entsetzt über die Landtagswahl in Thüringen. „Wir sind die Mehreren“, betonte der 59-Jährige und forderte: „Wir müssen die Hoheit über die Debatten- und Diskussionskultur zurückgewinnen und wieder zeigen, wozu wir durch Solidarität Gutes zu leisten imstande sind“. Der Katholik appellierte: „Wir müssen zeigen, dass die vielfältige Gesellschaft uns weiterbringt und nicht beengt“. Als Beleg führte der gebürtige Altöttinger Ergebnisse aus einer Bertelsmann-Studie an. Demnach stärkt Integrationsarbeit den Zusammenhalt und steigert die Akzeptanz von Vielfältigkeit. Lucha kündigte eine gemeinsame Bundesratsinitiative von Grünen und CDU im Land an, um einen besseren Schutzstatus vor Abschiebungen zu schaffen und somit für mehr Rechtssicherheit für Flüchtlinge zu sorgen, was auch im Sinne der Arbeitgeber sei.

Zehn bis 15 Jahre bräuchten Geflüchtete weltweit im Schnitt, um in einer neuen Heimat sozial und beruflich wirklich anzukommen. Die Quote an sozialversicherungspflichtig beschäftigten ehemaligen Flüchtlingen sei in Baden-Württemberg die höchste in ganz Deutschland, sagte der Integrationsminister stolz. „Die beste Resilienz gegen Totalitarismus ist ein solidarisches, christliches und achtsames Umgehen miteinander“, rief der Gastredner auf.

In der anschließenden Diskussion fragte Dekan Ulrich Vallon, wie es gelingen könne, die ehrenamtlichen Kräfte, die die Gesellschaft zusammenbringen, angesichts erstarkender spaltender Kräfte zu stärken. „Sind wir die Getriebenen oder setzen wir selbst aktiv Themen in den Raum, die wir gestalten wollen?“, positionierte sich der Protestant. Manfred Lucha warb für eine Stärkung des Ehrenamts, da jeder, der mitgestalte und mitbestimme über echte politische Teilhabe verfüge. „Mit der Förderung ‚Quartier 2020‘ haben wir eine Bürgerbewegung ausgelöst“, verwies der Grünen-Politiker auf Erfolge der grün-schwarzen Landesregierung.

Heinz Hauser, Unternehmer aus Vöhringen und im AK Flucht engagiert, berichtete, dass von 18 Familien in Vöhringen fast alle eine Arbeit gefunden hätten, wofür die Betriebe allerdings neben viel Zeit auch Geld investieren müssten. „Wenn Ihr solche Leute wieder abschiebt, drehe ich durch“, kündigte der Firmenchef an. Lucha räumte ein, die Spielräume des Asylrechts seien relativ eng und versprach, diese mit der Bundesratsinitiative zu erweitern.

Andrea Kopp, Vöhringer Unternehmerin, CDU-Gemeinderätin und ebenfalls im AK Flucht aktiv, kritisierte die vielen Vorschriften für Unternehmen. „Wir möchten die Flüchtlinge unbedingt dabehalten, sie zurückzuschicken, wäre Schwachsinn.“ Mit der Äußerung: „Die Kirche sollte lieber die Mitte besetzen als Schiffe zur Flüchtlingsrettung anzuschaffen, denn das ist eine Provokation für die Leute, die am rechten Rand stehen“, sorgte die Christdemokratin für eine Kontroverse. Der Sozialminister verteidigte einerseits die Seenotrettung im Mittelmeer, sprach sich andererseits aber für eine Bekämpfung der Fluchtursachen aus. Dekan Vallon warnte vor „Einäugigkeit“ bei der Bewertung des Engagements der Evangelischen Kirche. „Die Kirche unterstützt auch Initiativen in den Herkunftsländern, damit die Menschen dort bleiben“, betonte Ulrich Vallon. Die Evangeliche Kirche trete nicht an die Stelle von Schlepperorganisationen, sondern zeige Gesicht: „.Man lässt Ertrinkende nicht untergehen“, unterstrich der Sulzer Dekan.

Manfred Lucha sprach sich für eine europäische Mittelmeer- und Afrika-Strategie aus, zeigte sich aber skeptisch, dass dies gelinge.

Asylpfarrerin Ines Fischer aus Reutlingen stellte zusammenfassend fest: „Die Tatsache, dass wir solche Diskurse führen, zeigt, dass einiges in der Gesellschaft im Argen liegt.“ Fischer appellierte eindringlich an die 40 Zuhörer: „Wir dürfen uns die Räume zum Reden nicht nehmen lassen von Leuten, die sie versperren wollen.“.

Die Protestantin stellte fest, dass Flüchtlingsgruppen sehr oft „verzweckt und polarisiert“ würden. Ines Fischer korrigierte, dass im Mittelmeer niemand rette, sondern lediglich Menschen vor dem Ertrinken bewahrt würden.

Als positive Beispiele durch den Zuzug von Flüchtlingen wertete die Pfarrerin, dass sehr viele Bürger sich seit 2015 ehrenamtlich engagieren. „Wir können nicht auf der einen Seite für uns Wohlstand in Anspruch nehmen und erwarten, dass die Menschen nicht zu uns kommen“. Ein nachdenkliches Publikum hinterließ Fischer mit dem Satz: „Wir müssen auf etwas verzichten, wenn wir Fluchtursachen bekämpfen wollen.“

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Erstellt:
14. Februar 2020, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
14. Februar 2020, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 14. Februar 2020, 01:00 Uhr

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