Bundestagswahl

Kirschtorte statt Weltpolitik

Kanzleramtsminister Peter Altmaier weilte gestern in Horb. Doch bissig gab er sich ganz und gar nicht. Lieber erzählte er Anekdoten.

26.08.2017

Von Dagmar Stepper

CDU-Bundestagsabgeordneter Hans-Joachim Fuchtel hat es geschafft, den Kanzleramtsminister nach Horb zu locken. Bilder: Kuball

Kanzleramtsminister Peter Altmaier ist gestern um 5 Uhr aufgestanden. Er hat sich mit der Kanzlerin beraten, seinen Job erledigt. Zum Mittagessen hat er sich einen Wurstsalat und ein Glas Wein gegönnt, jetzt mittags um 15 Uhr ist er müde. Er würde sich gern in den Schatten legen und ein Nickerchen machen. Aber eins hält ihn davon ab: die beste Schwarzwälder Kirschtorte von Baden-Württemberg. Die soll es nämlich in Horb am Neckar geben.

Daher wird es nichts mit dem geruhsamen Schläfchen. Stattdessen lenkt sein Chauffeur die Dienstlimousine zum Altenheim Bischoff Sproll auf dem Hohenberg. Dort wird er schon erwartet. Der Minister hat sich leicht verspätet. Hans-Joachim Fuchtel – CDU-Bundestagsabgeordneter für die Landkreise Calw und Freudenstadt, Staatssekretär und Merkels Mann für Griechenland – eilt ihm entgegen. Es ist kein großer Termin am Freitagnachmittag. Altmaier, der sonst Hallen füllt, besucht das Altenheim Bischoff Sproll. Wahrscheinlich hat er seinem Parteikollegen Hans-Joachim Fuchtel damit einen Gefallen getan. Oder liegt es doch an der Schwarzwälder Kirschtorte?

Die knapp 40 Wartenden erwachen aus ihrer Lethargie, zu der die Nachmittagssonne sie verleitet hat. Forschen Schrittes kommt der Kanzleramtsminister auf sie zu. „So, Grüß Gott alle miteinand“, grüßt er in die Runde. Mit Klatschen grüßen die Gäste zurück. Fuchtel geleitet ihn zum Tisch. Die beiden kennen sich seit 1994. Altmaier wurde damals für den Wahlkreis Saarlouis zum ersten Mal in den Bundestag gewählt. Fuchtel gehört ihm seit 1987 an.

Faible für gutes Essen

Die beiden verstehen sich gut. Witzeleien über ihr Gewicht gehört zur Wahlkampftaktik. Fuchtels Slogan lautet: „Unser Gewicht in Berlin.“ Über Altmaier sagt Fuchtel: „Jetzt können wir mal sehen, wer der Dünnere von uns beiden ist.“ Altmaier kokettiert: „Ich bin bestimmt nicht der wichtigste Minister in Berlin – aber der gewichtigste.“ Und in Richtung seines Duzfreunds: „Ich bin einigermaßen pünktlich gekommen, damit mir Joachim noch etwas von der besten Kirschtorte Baden-Württembergs übrig lässt.“

Ja, die Kirschtorte. Die hat Elisabeth Silberzahn gebacken. Ihr eilt der Ruf voran, die beste Kirschtorte im Ländle zu backen. Elisabeth Silberzahn ist die Frau von Stiftungsdirektor Peter Silberzahn, und das Altenheim Bischoff Sproll gehört der zur Spitalstiftung. Bevor er seine Rede hält, darf sich Altmaier daran laben. Sie schmeckt ihm sichtlich. Genauso wie Fuchtel. Das Faible für gutes Essen eint die beiden. Fuchtel schwärmt von den Frühstücken, die Altmaier seinen Gästen kredenzt. Dafür geht er morgens bereits um 6.30 Uhr auf den Markt, um einzukaufen. Die Zuhörer schmunzeln bei diesen Geschichten. Es macht die beiden CDU-Politiker bodenständig.

Altmaier ist vom Kuchen gesättigt und stellt sich ans Stehpult. Er schwitzt ein wenig, aber da ist er nicht der Einzige. Fuchtel hat ihn als einen der wichtigsten Politiker in Berlin beschrieben, der morgens neben Angela Merkel sitzt: „Er muss jede Frage, die die Kanzlerin auf den Lippen hat, schon vorher erspüren, und sie beantworten, bevor die anderen überhaupt darüber nachgedacht haben.“ Altmaier erzählt die Anekdote vom verpassten Mittagsschlaf, bevor er in seine Rede einsteigt. Er ist lange genug dabei, um zu wissen, dass die Menschen auch Geschichten hören wollen und nicht nur Wahlkampfparolen. Genauso weiß er, dass die Menschen Zuversicht brauchen. „Vermutlich leben wir im schönsten Deutschland, das es jemals gab“, sagt er. Die Zuhörer goutieren die Botschaft mit einem Klatschen.

Wenig politische Spitzen

Altmaier lässt keinen Zweifel daran, dass die paradieshaften Zustände in Deutschland auch das Werk der CDU ist. Der Kanzleramtsminister erwähnt die niedrigen Arbeitslosenzahlen, die Investitionen in Bildung und Forschung in der Vergangenheit. Er streift kurz durch das Wahlprogramm der CDU, das den Abbau der Bürokratie vorsieht und die Familien stärken will. Altmaier berichtet von einem syrischen Flüchtling aus seinem Wahlkreis, der Hilfsarbeiter auf dem Bau ist und in seiner Freizeit noch in einer Pizzeria jobbt. Er verurteilt den Terror und die Anschläge des IS. Er erinnert daran, dass das geeinigte Europa für Frieden gesorgt hat. Und er äußert sich über den Diesel-Gipfel: „Wer in einem guten Glauben einen Diesel gekauft hat, darf nicht dafür bestraft werden.“ Altmaier wehrt sich auch gegen Diesel-Fahrverbote. Das bringt ihm vielleicht der größte Beifall des Nachmittags ein.

Spitzen gegen die anderen Parteien sind selten. AfD-Mitglieder bezeichnet er als „durchgeknallte Populisten“. Zu den Liberalen sagt er nichts, bei der SPD und den Grünen hält er sich zurück. Er unterstellt den beiden, sich vor dem technologischen Wandel zu fürchten. Und fordert vom SPD-Kanzleramtskandidat Martin Schulz ein klares Bekenntnis gegen eine Rot-Grün-Linke-Regierung. Das war‘s auch schon – aus verständlichen Gründen. Mit der SPD gibt es eine große Koalition in Berlin, hier in Baden-Württemberg stellen CDU und Grüne die Regierung.

Es ist ein versöhnlicher Nachmittag – was vielleicht auch an der Müdigkeit und der leckeren Kirschtorte liegt.

„Azapft ist“, ruft Peter Altmaier mit einem Grinsen als er im Beisein von Hans-Joachim Fuchtel die Schwarzwälder-Kirschtorte anschneidet.

Die Sonne lässt die Wartenden eine wenig träge werden. Die Tische sind mit orangfarbenen Papertischdecken mit CDU-Logo bedeckt.

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Erstellt:
26. August 2017, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
26. August 2017, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 26. August 2017, 01:00 Uhr

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