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Geschichtsstunde über mutige Bürger

Klaus Schätzle erzählt bei Stadtführung vom Widerstand im Dritten Reich / Wunsch nach Straßenbenennung

Die Zeit des Nationalsozialismus wird am liebsten totgeschwiegen, auch in Sulz. Dagegen kämpft Klaus Schätzle seit Jahrzehnten an. Bei einer Stadtführung am Freitagnachmittag rief der Historiker wieder einmal die Erinnerung an mutige Widerständler, die drei bezeugten Euthanasie-Opfer und polnische Zwangsarbeiter in Erinnerung.

25.08.2014
  • CRISTINA PRIOTTO

Sulz. Die Stadtführungen mit Klaus Schätzle bergen durchaus Zündstoff: Exakt vor einem Jahr löste der SPD-Stadtrat bei einem solchen Rundgang mit einer Äußerung über Hugo Pawlecki eine scharfe Debatte aus. Der pensionierte Geschichtslehrer hatte Ende August 2013 Unverständnis darüber geäußert, dass einem nachweislich aktiven Propagandisten der Nationalsozialisten in Mühlheim als Ehrenbürger und Namensgeber einer Straße eine unangemessene Ehre zuteilwerde, während an mutige Widerständler nicht erinnert werde. Der monatelang geführte Streit hat zwar bislang nicht dazu geführt, dass die Straße umbenannt wurde, aber immerhin verhindert, dass die Grundschule in Mühlheim im Jubiläumsjahr nach dem ehemaligen Rektor benannt wurde.

Nach wie vor wünscht Schätzle sich, dass an Menschen, die im Dritten Reich Widerstand leisteten, mit der Benennung einer Straße erinnert wird – zum Beispiel an Pfarrer Ginter: Der evangelische Pastor verlas als Einziger in der Umgebung in der Sulzer Stadtkirche einen Hirtenbrief, in dem stand, dass kein Christ ein Nationalsozialist sein könne. Als ähnlich mutig erwies sich Vikar Schneeweiß, der in der Vöhringer Kirche von der Kanzel herab gegen Kirchenschließungen durch die Nazis wetterte und sagte, die NSDAP habe sich damit als kirchenfeindliche Organisation enttarnt. Der katholische Pfarrer Lang gab den Gläubigen in subversiven Worten zu verstehen, dass es nur einen geben könne, in dem das Heil liege – gemeint war natürlich Jesus und nicht Hitler. Alle drei riskierten damit ihr Leben, wurden aber für ihren Mut nicht bestraft.

Darüber hinaus gab es etliche Bürger, die sich wehrten, obwohl Sulz laut Schätzle „von Anfang an eine Nazihochburg“ war. Solche Ausnahmen dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die „braune Saat“ in Sulz auf einen fruchtbaren Nährboden fiel, da es in der Neckarstadt schon in den 1920er-Jahren eine starke Tendenz nach Rechtsaußen gab. Gefördert worden sei dies nach der Machtergreifung ab dem Jahr 1933 durch ein „unvorstellbares Trommelfeuer an Propaganda“, erzählte Klaus Schätzle. Eine große Rolle spielte die Überwachung durch die Öffentlichkeit, berichtete der Historiker und zitierte am Standort des ehemaligen Gefängnisses in der Torstraße aus Polizeiaktion, aus denen hervorgeht, dass Bürger schon auf Grund bloßer Mutmaßungen wegen „staatsfeindlicher Gesinnung“ angezeigt wurden. Die Drohung sei stets gewesen „... sonst kommst Du ins KZ“, was für Schätzle ein Beweis dafür ist, dass die Menschen schon sehr früh von der Existenz der Vernichtungslager wussten.

Anhand eines alten Luftbilds der „Bitze“, auf dem einige Baracken zu erkennen sind, belegte Klaus Schätzle, dass es auch in Sulz ein sogenanntes Sicherungslager gab – und zwar dort, wo sich heute die Kläranlage befindet. Alle weiteren Spuren seien restlos vernichtet, bedauert der SPD-Stadtrat.

Von 1725 Zwangsarbeitern, darunter viele polnische Kriegsgefangene, ist bekannt, dass sie bei Bauern, beim Forstamt, im Steinbruch oder bei Privatfirmen schuften mussten, wobei wohl insbesondere einige Landwirte die jungen Polen durchaus gut behandelten. Untergebracht waren die Männer in Baracken, die bis in die 1950er-Jahre in dem Bereich standen, wo sich heute der neue Friedhof befindet. Dort wäre es nach Auffassung Schätzles erstrebenswert, an die drei nachgewiesenen Euthanasie-Opfer aus Sulz zu erinnern, die 1940 in Grafeneck umgebracht wurden.

Gegenüber auf dem alten Friedhof zeigte der Historiker den Teilnehmern zum Abschluss der Führung die vor einigen Jahren restaurierten Gräber der polnischen Zwangsarbeiter, die in Sulz zu Tode gefoltert wurden. „Diese Namen dürfen nicht vergessen werden“, mahnte Klaus Schätzle.

Klaus Schätzle erzählt bei Stadtführung vom Widerstand im Dritten Reich / Wunsch nach
Der Historiker und SPD-Stadtrat Klaus Schätzle (Dritter von rechts) berichtete bei einem Stadtrundgang unter anderem auf dem neuen Friedhof über Sulz im Nationalsozialismus. Bild: cap

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25.08.2014, 12:00 Uhr

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