Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Schädlinge

Kleine Tiere bewirken Großes für die Geschichte

Die biologische Bekämpfung der Nagekäfer im Empfinger Heimatmuseum zeigt erste Erfolge: Beim Endmonitoring nach der vierten Behandlung stellte Judith Auer am Donnerstag weniger Holzwürmer und mehr Schlupfwespenspuren fest.

07.12.2018

Von Cristina Priotto

Einige Mitglieder des Heimatkreises Empfingen und Monika Fuhl (links) vom Tübinger Architekturbüro Haefele ließen sich am Donnerstag von Judith Auer erklären, welche Erfolge die Bekämpfung der Nagekäfer mit Schlupfwespen bislang gebracht hat. Bilder: Cristina Priotto

Vorsichtig leuchtet Judith Auer mit einer Taschenlampe an einem Dachbalken im Heimatmuseum in Empfingen entlang. Dann legt die Biologin aus Neustadt an der Aisch ein kleines Plastiklineal an, beginnt mit dem Zählen der Ausfluglöcher und macht sich Notizen. Ein halbes Dutzend Männer des Heimatkreises verfolgt die Arbeit der Schädlings-Expertin in der ehemaligen Zehntscheuer aufmerksam und meist schweigend.

Auer nahm am gestrigen Donnerstag eine Inspektion, das sogenannte Endmonitoring, in dem 1737 errichteten Gebäude vor. Im Auftrag der Firma Allround Pest Control (APC) aus Nürnberg überprüfte Judith Auer den Erfolg der biologischenBekämpfungsaktion, die im Mai in der Zehntscheuer begonnen hatte: Mit mehreren tausend Schlupfwespen geht APC im Auftrag der Gemeinde und auf Wunsch des Heimatkreises gegen die Holzwürmer vor, die sich in den Balken und Stützpfeilern breitgemacht haben.

Vier sogenannte Ausbringungen mit jeweils 1000 Schlupfwespen hat es bereits gegeben. „Das reicht, denn es zeigt sich, dass man im ersten Jahr nicht soviele Durchgänge braucht“, sagte die Biologin und empfiehlt der Gemeinde, die Tiere lieber längerfristig einmal im Jahr auch in Zukunft gegen die Nagekäfer vorgehen zu lassen. Denn bei starkem Schädlingsbefall vermehren sich auch die Schlupfwespen schnell, wodurch die biologische Bekämpfung effektiver wird. „Die letzten paar Prozent gehen hingegen sehr langsam“, weiß die Expertin von Allround Pest Control, denn desto schwieriger wird es für die Schlupfwespen, die Nagekäfer zu beseitigen. Dies erfolgt, indem die Nützlinge die Larven der Schädlinge mit einem Legestachel lähmen, um ein Ei darauf abzulegen, dessen Larve wiederum die absterbende Nagekäfer-Larve frisst.

Auer macht sich, ausgestattet mit einem Schnellhefter mit Fotos von vier Referenzflächen, auf die Suche nach den Stellen, hält mehrfach inne und leuchtet verschiedene Stellen im Holz an.

Die erste Stelle befindet sich an einem Dachbalken. Nach wenigen Minuten teilt die Biologin die Beobachtung mit: „Es gibt keine neuen Löcher der Anobien (Schädlinge), dafür zwei neue Löcher von Schlupfwespen“. Bei den Ehrenamtlichen des Heimatkreises herrscht nach diesem Satz Erklärungsbedarf. Die Expertin macht klar, wie es laufen kann: Im Erfolgsfall treten nach der Behandlung mit Schlupfwespen keine neuen Ausfluglöcher der Schädlinge auf. Dafür kommen Schlupfwespenausflugslöcher neu hinzu. Schlecht hingegen wäre es, wenn neue Schädlingslöcher aufträten, aber keine neuen Ausfluglöcher der eingesetzten Schlupfwespen festzustellen wären.

Dieter Reich, Roland Walter, Reinhard Mayer, Erhard Schweizer, Edwin Schüch, Michael Riedel, Klaus Warnke und Reinhard Seidel zeigen sich mit dem Ergebnis sehr zufrieden. „Des hoaßt also, die Schlupfwespen schaffet fleißig“, attestiert Reich den Tieren eine typisch schwäbische Tugend und nickt beeindruckt.

Beim zweiten Referenzpunkt, einer Stützstrebe unter der Treppe ins Obergeschoss, ergibt sich ein ähnlicher Befund: Keine neuen Holzwurmlöcher, dafür drei neue Öffnungen der Schlupfwespen. „Ich bin positiv überrascht. Es funktioniert gut“, sagt die Biologin. Der etwa einen Meter hohe und 30 Zentimeter breite Pfeiler ist für die Überprüfung auch deshalb ideal, weil man solche Referenzflächen am besten auszählen kann. Mindestens dreimal zählt Auer die Löcher von Schädlingen und Nützlingen nach, ehe die Expertin die Ergebnisse notiert.

Am dritten Punkt an der unteren Treppe zieht die Fachfrau die Stirn in Falten: „Hier ist ein neuer Holzwurm geschlüpft, allerdings auch eine neue Schlupfwespe“, teilt die Biologin mit. Den Schädling haben die Nützlinge jedoch offenbar nicht erwischt.

Dafür ist Judith Auer mit dem Einsatz der biologischen Bekämpfer an der vierten Referenzfläche, einem Dachbalken im Obergeschoss, sehr zufrieden: „Hier sind die Schlupfwespen sehr aktiv gewesen“, stellt die Kennerin fest und erklärt den Unterschied: Bei Schlupfwespenlöchern beträgt der Durchmesser einen halben Millimeter, die der Holzwürmer messen etwa zwei Millimeter. Jedes neue Schlupfwespenloch bedeutet eine abgetötete Holzwurmlarve, jedes neue Holzwurmloch eine überlebende Holzwurmlarve. Wenn die Temperaturen im Gebäude unter 15 Grad Celsius sinken, dürften die regen Tiere den „Flugverkehr“ einstellen.

Monika Fuhl vom Architekturbüro Haefele aus Tübingen, das von der Gemeinde Empfingen den Auftrag zur Schädlingsbekämpfung erhalten hatte, teilte mit: „Die Gemeinde hat dem Angebot der Wärmetrocknung zugestimmt“. In einer Trocknungskammer in Karlsruhe sollen einige der befallenen Objekte aus dem Heimatmuseum mit Wärme von den Holzwürmern befreit werden. Rund 3500 Euro kostet diese Vorgehensweise inklusive Transport.

Wärmetrocknung in Privatsauna

Ein Schrank ist von einem Mitglied des Heimatkreises zu Hause in der privaten Sauna wärmebehandelt worden. „Das sind halt unsere ‚Bäschtler‘“, kommentiert Monika Fuhl das Experiment lachend, und Judith Auer staunt. Für lackierte Möbel kommt eine Wärmebehandlung allerdings nicht in Frage. Nach der Rückkehr sollen die ersten holzwurmfreien Objekte vorübergehend im Obergeschoss aufgestellt werden, da dort der Befall am geringsten ist.

Für das knapp einstündige Endmonitoring in Empfingen nahm Judith Auer eine sechsstündige Autofahrt auf sich. Doch vom Ergebnis ist die Biologin angetan.

Nächstes Jahr im Dezember möchte Auer wiederkommen und erneut zählen, wie stark die Zahl der Nagekäfer abgenommen hat. „Einen Rückgang kann man erst nach zwei Jahren feststellen“, erläutert die Biologin. Das Projekt ist in Empfingen auf drei Jahre angelegt. Die Schlupfwespen haben also noch Einiges zu schaffen.

Mit Taschenlampe, Lineal und Bleistift überprüft Judith Auer an mehreren Referenzstellen in der ehemaligen Zehntscheuer, was die Schlupfwespen in den vergangenen Monaten geleistet haben.

Mehrere Bohrmehlhäufchen auf dem Modell eines Langholz-Gespanns zeigen, wie hoch der Befall durch Holzwürmer in Treppen, Gebälk und Stützen des Heimatmuseums sind.

Zum Artikel

Erstellt:
7. Dezember 2018, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
7. Dezember 2018, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 7. Dezember 2018, 01:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen