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Weihnachtszeit? Osterhasenzeit!

Klett in Nehren produziert Millionen Schoko-Figuren

Hinter der blau-weiß-schwarzen Fassade an der Reutlinger Straße setzt die Zeitrechnung aus. In wenigen Tagen laufen dort die ersten Osterhasen vom Band. Schoko-Klett hat sich auf „Schokoladen-Hohlfiguren“ spezialisiert und das Unternehmen erst kürzlich um ein Verkaufsgebäude erweitert. Das nächste Projekt: Kirschpralinen.

03.11.2012
  • Gabi Schweizer

Nehren. Das ist also der Nikolaus. Ulf Baum, Jeans, kariertes Hemd, Outdoor-Jacke, freundliches Auftreten, ist Herr über ein kleines Süßwaren-Imperium. Nehrens Schokoladenseite ist mitnichten der historische Ortskern mit Fachwerkfassaden, sondern vielmehr das – optisch eher funktionale – Industriegebiet auf der anderen Seite der Durchfahrtsstraße. Dort steht Ulm Baum vor meterlangen Nikolaus-Türmen und erzählt, wohin solche Süßwaren verschickt werden. Kurz gesagt: in alle Welt. In Chile, Kuwait, Südafrika und Neuseeland wird Klett-Schokolade gegessen, gut 40 Prozent sind für den Export bestimmt. Übrigens mit ein Grund, weshalb in zwei Wochen die ersten Osterhasen vom Band hoppeln: Im Januar, pünktlich zum Beginn des Ostergeschäfts, müssen die Schiffscontainer am anderen Ende des Globus ankommen.

Ließe man Nehren allerdings 20 Kilometer hinter sich und fragte: „Was macht Klett?“ – man bekäme wohl zur Antwort: Schulbücher. Klett gehört nicht zu den bekannten Marken, dessen ist Ulf Baum sich bewusst. Nicht von Ungefähr ist draußen, vor dem neuen Verkaufsgebäude, ein großer Turm mit dem Firmennamen emporgewachsen, dessen Schriftzug so auffällig ist, dass auch Autofahrer ihn entziffern können.

In dem neuen Gebäude wird seit diesem Monat Schokolade ab Werk verkauft – A-Klasse und, wie in solchen Läden üblich, Bruch. Hinter Glas, in einer Schau-Küche, arbeitet zeitweise Jasmin Rinderknecht: Sie kreiert live Pralinen, gern auch auf traditionelle Art. Neulich hat Ulf Baum eine antike Edelstahl-Form entdeckt und ihr vorbeigebracht – ein gewichtiges Werkzeug: „Deswegen gab es früher keine Fitness-Studios!“

Pralinen könnten den Weihnachtsmännern, Osterhasen und Bischöfen (so groß wie ein dreijähriges Kind und handbemalt sind die größten von ihnen) künftig Konkurrenz machen. Auch die Gemeinde Nehren gehört neuerdings zum Schwäbischen Streuobstparadies, einem Verbund, in dem sich sechs Landkreise, Kommunen und Vereine zusammengetan haben, um die heimischen Streuobstwiesen effektiver zu vermarkten – weil der Schutz eben dann am besten funktioniert, wenn dabei etwas herausspringt. Kirschpralinen mit Obst aus dem nur wenige hundert Meter entfernten Kirschenfeld – das fände Ulf Baum gut. Und könnte nicht der eine oder andere Schnapsbrenner Füllstoff für Klett-Schokolade liefern? Dörrobst wäre auch interessant, sinniert er laut. Darum könnte Klett ein Schoko-Mäntelchen legen. Momentan dominieren die „Hohlfiguren“ das Geschäft: Viel ist Handarbeit – das ist so bei Nikoläusen, die von Hand bemalt werden. Und die, selbst wenn das nicht der Fall ist, der „Sichtkontrolle“ bedürfen, wenn sie aus der Maschine purzeln. Immer wieder gehen Sonderbestellungen ein: „Bei Auflagen von 10 000 oder 20 000 machen wir viel von Hand“, erklärt der Geschäftsführer. Seit einigen Jahren gehören auch Bio- und Fairtrade-Artikel zum Sortiment, machen dort allerdings nur einen sehr kleinen Teil aus (Bioware etwa 5 Prozent, siehe Kasten). Fair gehandelte Schokolade sei gar nicht so einfach zu kriegen, sagt Baum. Umgekehrt ist sie gerade bei Kinderartikeln – und das sind Schokoladen-Hohlfiguren nun mal – nicht so nachgefragt. Man achte aber beim Palmfett darauf, dass dieses ohne Kinderarbeit hergestellt sei.

Die Klett Schokolade GmbH & Co. KG gehört zu den größten Arbeitgebern in Nehren. Fast 50 Festangestellte sind dort beschäftigt, noch einmal so viele kommen als Saisonkräfte dazu. Schüler jobben dort, Hausfrauen und Studenten, zählt Baum auf. Und bestätigt: Ja, auch Zeitarbeiter.

Er kennt die Debatten um das Thema und führt zwei Gründe dafür an: Es gibt Produktionsspitzen und Zeiten, in denen viel weniger läuft: „Die Schokoladensaison geht bis zum Muttertag, dann ist sie vorbei.“ Zweitens: Etliche Zeitarbeiter hätten bei Klett eine feste Anstellung gefunden, nachdem ältere Angestellte in den Ruhestand gegangen waren. So muss es laufen, findet Ulf Baum. Wobei es recht selten ist, dass Stellen frei werden – Fluktuation gebe es praktisch nicht. Existiert ein Betriebsrat, bei so vielen Angestellten? Nein – „den brauchen wir auch nicht“, findet Baum: Es herrsche ein „echt gutes Verhältnis“ zwischen Chefetage und den Mitarbeiter(inne)n: „Das A und O ist eine gewisse Ehrlichkeit.“

1953 in einer Doppelgarage gegründet, zog das Unternehmen, als es immer weiter wuchs, schrittweise von der Ortsmitte ins Industriegebiet. Seit 2002 sind dort alle Geschäftsbereich untergebracht. Inhaber und Geschäftsführer Walter Klett, 82, schaut immer noch jeden Tag vorbei. Jeden zweiten rollt ein Laster mit 24 Tonnen Flüssigschokolade an – daraus entstehen jährlich 30 Millionen Weihnachtsmänner und 40 Millionen Osterartikel. Was im Schnitt einen Jahresumsatz um die zehn Millionen Euro ergibt.

Aber natürlich: Einfach ist das Geschäft nicht. Ulf Baum kam 1991 zum Unternehmen – damals hatte die Firma noch 1500 Kunden, darunter sehr viele kleine. Heute sind es nur noch zehn in Deutschland, lauter große: drei Discounter, Supermarkt- und ein paar Feinkostketten. „Die Entwicklung im Handel find’ ich nicht unbedingt gut. Der Preisdruck ist natürlich auch hoch.“ Umgekehrt gibt es mittlerweile nurmehr wenige „Hohlfiguren“-Fabrikanten – neben den renommierten Namen fünf, sechs unbekanntere wie Klett.

Der 6. Dezember übrigens ist für Schoko-Klett ein wichtiger Stichtag: Der Nikolaus bedeutet sozusagen sein eigenes Ende – ab dann ist endgültig Schluss mit der Weihnachtsproduktion. Statt dessen kommt die Osterhasen-Fertigung richtig in Fahrt. Und so kommt es, dass Ulf Baum vor Tausenden Weihnachtsmännern in Stanniolpapier steht und sagt: „Gedanklich sind wir längst bei Ostern.“

Klett in Nehren produziert Millionen Schoko-Figuren
In der neuen Lagerhalle: Ulf Baum mit einigen Weihnachtsmännern. Bild: Rippmann

Klett in Nehren produziert Millionen Schoko-Figuren
Jetzt mit barrierefreiem Zugang: Das neue Klett-Verkaufsgebäude samt zusätzlichem Lagerraum – entworfen vom Büro Hank + Hirth. Der frühere Laden war zu klein geworden. Bilder: Rippmann

Utz ist ein Nachhaltigkeitslabel, das besonders für Kaffee- und Kakaobohnen, aber beispielsweise auch für Tee verwendet wird. Gegründet wurde es in den 1990er-Jahren von einem belgisch-guatemaltekischen Kaffeeanbauern, Nick Bocklandt, und einem niederländischen Kaffeeröster, Ward de Groote. Der Label-Name leitet sich aus der Maya-Sprache Quiché her – „Utz Kapeh“ bedeutet „guter Kaffee“. Nach eigenen Angaben legt Utz Certified Wert auf
soziale Standards in den Unternehmen, Schulungen der Mitarbeiter und umweltschonenden Anbau. Im Unterschied zu Fair-Trade-Labeln ist Utz Certified stärker auf Wirtschaftlichkeit ausgerichtet und kooperiert – anders als viele Fair Trade-Organisationen, die kleinbäuerliche Strukturen unterstützen – auch mit größeren Unternehmen. Während etwa die Gepa feste Abnehmerpreise mit den Bauern vereinbart, zahlen die Röster für das Utz-Label einen Aufschlag, der individuell ausgehandelt wird. Weil die zahlreichen Labels oft für Verwirrung sorgen, haben Fairtrade International, das Sustainable Agriculture Network, die Rainforest Alliance und Utz Certified im vergangenen Jahr eine gemeinsame Erklärung herausgegeben: Darin ist die Rede von unterschiedlichen, aber sich ergänzenden Herangehensweisen und Schwerpunkten – man schätze sich gegenseitig trotz aller Unterschiede. Schoko-Klett produziert etwa zehn Prozent seiner Schokolade mit Utz-zertifizierten Kakaobohnen. Etwa fünf Prozent seiner Ware sind bio, davon ist ein Teil mit dem Fairhandels-Logo Gepa versehen.

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03.11.2012, 12:00 Uhr

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