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Das Geschichtsportal sucht: Zeit-Zeugnisse aus den Nachkriegsjahren

Klick in den Alltag

Französische Panzer rollten, vom Westen kommend, am 19. April 1945 in Richtung Innenstadt. In Tübingen war damit der Krieg zu Ende. Wer erinnert sich noch daran?

21.05.2011
  • Hans-Joachim Lang

Tübingen. „Seit 6 Uhr früh stehen die ersten vorgestoßenen französischen Feindpanzer auf dem Marktplatz“, notierte am Donnerstag, 19. April 1945, Dr. Luise Guffarth, Ärztin an der hiesigen Hals-Nasen-Ohrenklinik, in ihr Tagebuch. „Nach dem Eingang der Feindpanzer haben Ausländer viele Geschäfte geplündert – vor allem Konfektions- und Schuhgeschäfte – und haben sich neu eingekleidet. Leider hat sich auch ein Teil der deutschen Bevölkerung daran beteiligt. Eine Schande!“

Detailliert beschreibt die Medizinerin etwa zehn Wochen lang den Übergang von der Kriegs- in die Friedenszeit. Ihr Tagebuch ist erhalten geblieben und wird als Original im Tübinger Stadtarchiv aufbewahrt. Ausschnitte daraus sind im Internet nachzulesen, siehe die Artikel hinter den Links.

Auch Hermann Werner hat Buch geführt, seine Erinnerungen reichen noch wesentlich weiter. Sie sind in einer überarbeiteten Fassung veröffentlicht worden („Tübingen 1945. Eine Chronik von Hermann Werner“) und unterstützen das schwache Vorstellungsvermögen der Nachgeborenen, das sich ohne Überlieferungen aus der Nahwelt nur an Geschichtsbuchwissen halten kann. Französische Soldaten besetzten Stadt und Land, installierten eine Militärverwaltung, gaben anstelle der „Tübinger Chronik“ ein Nachrichtenblatt heraus.

Oberbürgermeister Ernst Weinmann flüchtete aus der Stadt, führende Vertreter von Stadt und Universität tauchten ab und/oder wurden entlassen. Höhere Nazis wurden in ein Internierungslager nach Balingen gebracht.

Im Nachhinein erscheint es so, als hätte sich alles neu finden müssen. Große Probleme gab es bei der Versorgung mit Lebensmitteln, Geschäfte hatten zunächst gar nicht, dann nur an wenigen Tagen geöffnet, Verpflegungsstellen für Bedürftige mussten eingerichtet werden. Ein demokratisches Leben begann sich zaghaft zu regen, in der Tübinger Gaststätte „Pflug“ konstituierte sich eine „Demokratische Vereinigung“ mit Vertretern aus einem breiten politischen Spektrum von Kommunisten und Sozialdemokraten, Liberalen und früheren Zentrum-Wählern.

Erste Theateraufführungen gehören ebenso wie große Kunstausstellungen zu dem neuen Leben, das aus den Ruinen erblühte und von den Alliierten kräftig gefördert wurde. Unter dem Dach der Militärs entwickelte sich eine Zivilverwaltung, aus der ein Staatswesen hervorging: Württemberg-Hohenzollern, mit Carlo Schmid als erstem Staatschef und Tübingen als Landeshauptstadt.

Nur wenige Fotos, die den Alltag in der unmittelbaren Nachkriegszeit dokumentieren, sind erhalten. Nicht nur, weil Filme knapp waren, sondern auch, weil es nur wenige Fotoapparate gab. Ohnehin konnte es sich nicht jede Familie leisten, eine Exakta, eine Agfa oder gar eine Hasselblad zu Hause zu haben. Und wer eine hatte, der musste sie schon am Ankunftstag der Franzosen abliefern.

„Gegen 18 Uhr wollte ich – laut Befehl – Photo, Feldstecher und Waffen aufs Rathaus bringen. Bin aber wieder umgekehrt, da ab 18 Uhr Ausgangsverbot bekannt gegeben war“, schrieb Luise Guffarth in ihr Tagebuch. Sie hat die Ablieferung am nächsten Tag nachgeholt.

Es gab viele Zeitgenossen, die sich über die Aufforderung der Militärverwaltung hinwegsetzten und manchen Klick riskierten, der zum Zeitdokument geworden ist. Solche raren Überbleibsel sind es wert, der Nachwelt erhalten zu bleiben.

Klick in den Alltag
Am 15. März 1944 fiel eine Bombe aufs Uhlandhaus, die Ruinen standen noch in der Nachkriegszeit.

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21.05.2011, 12:00 Uhr

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