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Liederhalle

Klingt auch gut

Alle Welt spricht von der Elbphilharmonie. Stuttgart hat ein viel beachtetes Konzerthaus aus den 50er Jahren und braucht noch ein weiteres.

21.01.2017
  • JÜRGEN KANOLD

Stuttgart. Sie klingt – die Stuttgarter Liederhalle. Und zwar ausgezeichnet. Nach der Eröffnung der spektakulären Hamburger Elbphilharmonie und der deutschlandweiten Akustik-Debatte geht das Klassik-Publikum ja mit anderen Ohren ins Konzert: hört neu hin, vergleicht. Doch, der Beethovensaal ist eine feine musikalische Adresse, zumindest auf einem Platz im vorderen Parkett. Das SWR Symphonieorchester unter Christoph Eschenbach tönte am Donnerstagabend warm und hell, ausgewogen, mit gediegenem Nachhall.

Tzimon Barto, ein Schrank von einem Pianisten, spielte gleich drei Werke hintereinander: Mozarts Rondo KV 386, dann Wolfgang Rihms Klavierkonzert Nr. 2, das so schön romantisch zeitgenössisch, so aggressiv klangmalerisch daherkommt, als hätte der gute alte Rachmaninow eine Uraufführung für Donaueschingen komponiert. Schließlich noch die höllisch schwere, den Tastenlöwen wie den feinsinnigen walzernden Musikanten fordernde „Burleske“ von Richard Strauss.

Barto tritt mit breiter Brust auf wie ein Bodybuilder, er kann mit Muskelkraft die Tasten traktieren wie ein Schlagzeuger, aber auch mozartisch humorvoll die Töne perlen lassen, zart hinhauchen. Doch wenn ein Zuhörer mit seinen offenbar noch nicht eingelaufenen Unecht-Lederschuhen wippend quietscht und konsequent im Pianissimo-Finale des Rihm-Klavierkonzerts ein Bonbon auspackt, sind akustische Raumfragen sowieso obsolet.

Die Stuttgarter sind aber zufrieden mit ihrer Liederhalle von 1956. Schuhkarton oder Weinberg? So lautet der Glaubensstreit in der Konzertsaal-Welt. Rolf Gutbrod und Adolf Abel bauten damals noch was anderes: einen von der Bühne aus sich muschelförmig ausbreitenden, asymmetrischen großen Hauptsaal (mit 2100 Plätzen). Und aus dem Parkett steigt eine weit geschwungene, elegante Empore auf.

Eine mit Goldlinien durchzogene breite Betonwand steht im Kontrast zur Teakholz-Auskleidung, das sorgte für den Spitznamen „Musikbunker“. Geigen-Legende Yehudi Menuhin freilich schwärmte einst von dem „ersten modernen Saal, der mir gefällt“. Die organisch gebaute Liederhalle am Berliner Platz mit ihren expressionistischen Stein-Mosaiken war in den 50ern natürlich ein Statement gegen die monumental-bleierne Architektur des untergegangenen Nationalsozialismus. Längst steht der Klassiker, in dem nicht nur Klassik gespielt wird, unter Denkmalschutz. Ein Event-Bau ist die Liederhalle wirklich nicht mehr. Die Stuttgarter aber kommen gerne, der Musik wegen; die Foyers atmen gleichwohl verblasst spießige Nierentischmentalität.

Neue Kulturmeile?

Aber das ist nicht das Problem. Im Gegenteil, die Liederhalle ist überbucht. Nicht nur Veranstalter Michael Russ (Südwestdeutsche Konzertdirektion) fordert seit vielen Jahren einen Neubau. Und dass der Südwestrundfunk das fusionierte SWR Symphonieorchester in Stuttgart angesiedelt hat, verschärft noch die Situation – es geht nicht nur um Konzerte, sondern um Probentermine.

Jetzt aber hat die Diskussion eine neue Dynamik gewonnen. Denn die Staatsoper sucht dringend eine Interimsspielstätte für die Sanierung des Littmann-Baus, und zwar im Innenstadtbereich. Könnte also nicht ein entsprechend konzipiertes neues Stuttgarter Konzerthaus zunächst für drei bis fünf Jahre als Opern-Ausweichquartier dienen? Damit wären zwei Probleme auf einmal gelöst. Der Clou: Diese zweite Konzerthalle könnte sogar an einem Standort zwischen Schauspielhaus und Schillerstraße entstehen, also mit direkter Anbindung an das im Zuge der Opernsanierung zu realisierende neue Kulissengebäude der Staatstheater.

Für Wieland Backes, den beliebten früheren „Nachtcafé“-Moderator, wäre ein solches Bauvorhaben wiederum „das Startsignal“ für den herbeigesehnten Rückbau der Verkehrsschneise Konrad-Adenauer-Straße in einen Straßenboulevard. Nicht zu vergessen: Vom künftigen Stuttgarter Hauptbahnhof aus wäre das Konzerthaus in ein paar Gehminuten zu erreichen.

„Von der PS-Meile zum lebendigen Kulturviertel“ ist eine Podiumsdiskussion mit Backes, dem Architekten Arno Lederer und anderen am 26. Februar im Hospitalhof überschrieben. Visionen für Stuttgart. Für Martin Rivoir, SPD-Landtagsabgeordneter im Verwaltungsrat der Staatstheater, hätte ein neues Konzerthaus mit hochwertiger Architektur an diesem Standort „das Potenzial, Stuttgart zum kulturellen Zentrum mit europäischem Anspruch werden zu lassen“.

Zukunftsmusik. In der Liederhalle steht einstweilen in dieser Saison noch Schuberts „Unvollendete“ auf dem Programm – aber auch Mahlers „Auferstehungssinfonie“. Klingt verheißungsvoll.

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21.01.2017, 06:00 Uhr

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