Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Lernspielzeug

Klötzchen für Kinder und Professoren

Die Arbeitswelt von morgen wird in Kinderzimmern geprobt. Das Material dafür macht Fischertechnik – und das interessiert auch Forscher.

03.01.2017
  • KATHARINA LÖFFLER

Salzstetten. Hartmut Knecht steht an einem Schreibtisch im Nordschwarzwald und schaut in die Zukunft. Die Zukunft ist grasgrün, aus Biokunststoff und kommt aus dem 3D-Drucker. Sie hat die Form eines Einkaufswagenchips. Auch Stiftehalter oder Miniaturwerkzeug kann das Gerät auspressen. Vielleicht geht irgendwann Größeres, Filigraneres. „Visionen sind erlaubt“, sagt Knecht.

Der studierte Maschinenbauer ist Entwicklungsleiter beim Lernspielzeughersteller Fischertechnik in Salzstetten. Der Drucker ist sein ganzer Stolz. Er besteht aus einer Computersoftware, Motor, Schlauch, Düse – und hunderten kleiner Spielzeugbausteine. Seit diesem Jahr ist er auf dem Markt. Und er ist das bisher Spannendste, was sich Profibastler zuhause aus Fischertechnik-Baukästen zusammenstecken können. 699 EUR kostet so ein 3D-Ducker zum Selberbauen.

Seit über einem halben Jahrhundert bringt Fischertechnik den Fortschritt ins Kinderzimmer. Mit dem Dübel hat es angefangen. Artur Fischer ist mit seiner Erfindung Ende der 1950er Jahre berühmt geworden, daneben entwickelte der Waldachtaler 1100 Patente. Dem Tüftlergeist war es irgendwann zu einfallslos, seinen Kunden immer nur Kirschwasser und Schwarzwälder Schinken zum Weihnachtsfest zu überreichen. Also dachte sich Fischer ein Präsent für deren Nachwuchs aus: Aus dem Dübelmaterial Polyamid goss er kleine Steine mit Zapfen und Rillen. Die ließen sich zu allen möglichen dreidimensionalen Gebilden ineinanderschieben. Die Idee überzeugte auch auf der Spielwarenmesse, 1965 gingen die Baukästen in Serie. Bis heute ist das Prinzip der Grundbausteine gleich geblieben – nur, dass diese inzwischen auch in bunt und nicht mehr nur in dübelgrau zu haben sind.

Fischertechnik macht Baukästen für verschiedene Modelle und Altersklassen. Einsteiger konstruieren einfache Bagger, Fittere trauen sich an komplexere Riesenräder. Verkaufsschlager ist die Kugelbahn. Die schießt einen Silberball durch Serpentinen und Loopings. Laut Knecht begeistert das Modell geschlechterübergreifend. Ansonsten sei die Fischertechnik-Klientel „schon eher jungslastig“.

Nur ums Spielen geht es aber nie. Sondern immer auch ums Lernen. „Unser Spielzeug erklärt, wie technische Sachverhalte funktionieren“, sagt Knecht. Der einzige Wettbewerber im Baukastensegment, Lego, setzt auf ein breiteres Spektrum und mehr auf fantastische Spielewelten. Fischertechnik-Baukästen zeigen speziell den Einsatz von Druckluft, optische oder elektromagnetische Phänomene. Mitte der 80er Jahre brachte das Unternehmen das erste Baukastensystem heraus, das sich per Computer programmieren ließ. Heute können Jungingenieure Solarboote nachbauen und testen, was erneuerbare Energien leisten. Und Roboter aus Fischertechnik-Steinen machen das abstrakte Thema Industrie 4.0 greifbar. 50 Jahre Fischer-Spielzeug spiegeln auch 50 Jahre Technologiegeschichte und Innovationskultur. Pressereferentin Sandra Roth: „Wir versuchen seit jeher, Entwicklungen der Zukunft in unseren Baukästen abzubilden.“

Deswegen sind die Baukästen von Fischertechnik auch in Lehrwerkstätten und im Unterricht im Einsatz – weltweit. Sogar amerikanische oder chinesische Schüler üben Naturwissenschaften mit Klötzchen aus dem Schwarzwald. Und am Lehrstuhl für Informatik der Hochschule Würzburg zum Beispiel wird gerade an einer Software zur Steuerung von Hochregalen gearbeitet – das Trainingsmodell dafür kommt von Fischertechnik.

Die Bausteine stellen Zulieferer aus der Unternehmensgruppe Fischer her: etwa vier Kilometer weiter in Tumlingen, wo 100 Spritzgießanlagen stehen. In Salzstetten werden sie in Kästen gepackt, großteils von Hand. In der Hochsaison vor Weihnachten beschäftigt das 60 Mitarbeiter, zum Entwicklungsteam gehören fünf.

Der Fischertechnik-Fanclub vereint rund 30 000 junge Leute mit Faible für Zahnräder und Kompressoren. Beim Fanclub-Tag im vergangenen Juli entstand eine Schrägseilbrücke aus 53 000 Fischertechnik-Bausteinen. 45 Meter lang, sechs Meter hoch, Weltrekord. Außerdem präsentieren die jungen Kunden bei solchen Treffen eigene Entwürfe.

Für Knecht sind sie neben Spielwarenhändlern und Messen wichtige Inspirationsquelle für neue Trends. Alle macht er nicht mit. Drohnen etwa gebe es „schon wie Sand am Meer.“ Apropos Trend: Wieviel Konjunktur hat Spielzeug zum Anfassen überhaupt noch in einer Zeit, in der schon Sechsjährige Smartphones beherrschen? Knecht: „Das Geheimnis ist, Internet und Technik zu verbinden.“ Fischertechnik-Roboter nehmen Befehle natürlich schon vom Mobiltelefon entgegen.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

03.01.2017, 06:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball