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Fernsehen

Knochenjob vor Traumkulisse

Die ARD lässt ihre neue Vorabendserie „WaPo Bodensee“, die nächste Woche startet, an einem schmucken Drehort spielen. Der freilich hat seinen Preis. Ein Besuch am Set.

13.01.2017

Von GUDRUN SOKOL

Sommer am Set: Das Drehteam hatte bis in den Herbst hinein bestes Wetter erwischt. Foto: Saxonia Media

Radolfzell. Kommt eine unscheinbare Frau in die Polizeistation und sagt mit leiser Stimme: „Mein Sohn ist weg. Ich bin seine Mutter.“ Vier-, fünfmal hat das knapp 30-köpfige Filmteam diese Szene schon geprobt; jetzt ist sie nach der dritten Klappe abgedreht. Doch der Mann an Kamera Nummer zwei hält inne: „Moment mal, ,mein Sohn ist weg, ich bin seine Mutter?“, wiederholt er die Worte der Frau, „das ist doch totaler Quatsch?– natürlich ist sie die Mutter, wenn ihr Sohn weg ist.“ Einige nicken; brummeln zustimmend. „Nein, das ist ein super Satz, ein richtig super Satz. Der bleibt – und zwar genauso“, beschließt der Regisseur energisch die aufkeimende Diskussion beim Dreh zur neuen ARD-Vorabendserie „WaPo Bodensee“. Für den Boss des Wasserpolizei-Drehteams, Patrick Winschewski, steht an diesem herrlichen Spätsommertag fest: Dieser Satz ist perfekt, weil er eben so nicht im Drehbuch steht. Und welche Mutter, die um ihr Kind bangt, spricht schon druckreif. Basta!

Der Reiz des Nicht-Perfekten

Auch für „WaPo“-Produzentin Kerstin Lipownik macht gerade das Nicht-Perfekte den Reiz einer Vorabend-Serie aus: Außer einem schönen Umfeld (hier: „Berge und Wasser, was braucht man mehr?“) und einer spannenden Geschichte, die nicht allzu komplex erzählt sein darf, wollen die Zuschauer nämlich Identifikations-Muster, weiß die 42-Jährige. „Figuren, an denen man andocken kann.“ Idealerweise ist diese Figur in Vorabend-Serien im Allgemeinen und in der „WaPo Bodensee“ im Besonderen eine Frau mittleren Alters, die ihre Stärken und ihre Schwächen hat, aber eben „ein ganzer Mensch“ ist. So beschreibt die Schauspielerin Floriane Daniel (45) ihre Hauptrolle als Kommissarin Nele Fehrenbach.

Der Inhalt der Serie ist schnell erzählt: Die Kommissarin aus Hamburg ist an den Bodensee gezogen, um in ihrer alten Heimat die Leitung der Wasserschutzpolizei zu übernehmen. Nebenzu ist sie alleinerziehende Mutter zweier pubertierender Kinder. Unterstützt wird sie von ihrer Mutter Mechthild, die von Diana Körner gespielt wird. Unter den Darstellern ist die 72-Jährige das einzig wirklich bekannte Gesicht im Stab.

Etwa 70 Prozent einer Folge sind Krimi, der Rest Familien- und Liebesgeschichte, beschreibt Produzentin Lipownik die Machart der Serie. Diese besondere Mischung soll den Unterschied zu anderen Vorabend-Reihen ausmachen, die in aller Regel entweder Krimi- oder Familien- beziehungsweise Liebesgeschichten sind. Private Handlungsstränge ziehen sich über mehrere Wochen, der jeweilige Kriminalfall wird mit jeder 48-Minuten-Folge abgeschlossen. Der Zuschauer soll nicht den Faden verlieren, wenn er einmal aussetzt.

Acht Folgen umfasst die erste Staffel von „WaPo Bodensee“. Gedreht wurde an 57 Tagen von Mitte Juli bis Mitte Oktober in Konstanz, Überlingen, Radolfzell und Unteruhldingen. In stattlichen Miet-Anwesen direkt am See, in einem zur Polizeistation umfunktionierten Jacht-Club und natürlich auf dem See.

Bei bestem Wetter, überraschenderweise jeder Menge Lärm (Motorboote, Flugzeuge, Züge, Autoverkehr und Touristen) und unter erschwerten logistischen Bedingungen: Den Sommer über ist der Bodensee bekanntlich voll, Quartiere sind kaum zu bekommen oder haben ihren Preis. Das ist auch der Grund, warum die Bodensee-„Tatorte“ mit Klara Blum immer zur grauen Jahreszeit gedreht wurden und daher ziemlich düster und depressiv schienen. Eine „Tatort“-Folge durfte bis vor wenigen Jahren nicht viel mehr als eine Million Euro kosten – eine SWR-Vorgabe, die sich während der Sommermonate am See praktisch nicht erfüllen ließ. „Wir hatten schon überlegt, einen Camping-Platz zu mieten“, erzählt Lipownik, „aber auch die waren natürlich ausgebucht.“

Schließlich wurde die Crew für die dreieinhalb Monate Drehdauer in kleineren Unterkünften rund um den Bodensee einquartiert. „Logistisch eine echte Herausforderung“, sagt die Produzentin. Dafür hatten die Mitarbeiter, die?– weil die Produktionsfirma dort ihren Sitz hat?– überwiegend aus Leipzig kamen, eine schmucke Arbeitsumgebung. Von der sie mehr oder weniger mitbekommen haben. „Schlafen und Texte lernen“, sagt Floriane Daniel, „für mehr blieb einfach keine Zeit“. Der Preis für das Spielen der Serien-Hauptfigur.

„Vorabend ist ein richtiger Knochenjob“, betont auch Regisseur Winschewski. Er scheint nicht nur die Texte sämtlicher Darsteller im Kopf zu haben, sondern auch noch ganz genau zu wissen, wo in der Wache die junge Polizistin ihre Bürotasse abzustellen hat, wie schnell sie Richtung Kollege gehen muss („das ist doch Routine!“) und welchen Gesichtsausdruck sie dabei aufzusetzen hat („ich habe es dir doch vorgespielt“).

Geduldige Komparsen

Immer und immer wieder lässt Winschewski die Szene spielen. Als der Komparse in Polizei-Uniform zum gefühlt zehnten Mal geduldig von links nach rechts durchs Bild läuft (damit der Zuschauer auch ganz gewiss weiß, wo die nächste Szene spielt) ruft der Regisseur: „Okay, lasst es uns tun!“ „Alles auf Position“, weist der Aufnahmeleiter die Crew an, dann „Ton ab“, schließlich „Kamera läuft“, „und bitte“. Während gedreht wird, ist Winschewski hochkonzentriert. Am Ende stehen die Darsteller nicht exakt auf der richtigen Position. „Lasst es uns nochmal tun!“ Und nochmal und nochmal. Endlich gibt sich der Regisseur zufrieden: „Das war's, besser kriegen wir das heute nicht mehr hin.“ Sieben Minuten Film pro Drehtag – diesen Schnitt hinbekommen sei die „Quadratur des Kreises“, sagt er. Da dauere ein Arbeitstag auch mal 14 Stunden.

Zum Serienstart am Dienstagabend laufen im ZDF gleichzeitig „Die Rosenheim-Cops“. Natürlich hoffen alle im Team, dass sich die „WaPo“ gegen die ebenfalls öffentlich-rechtliche, aber eben schon etablierte Konkurrenz aus Südbayern durchsetzen kann. Ab einem Marktanteil von acht bis neun Prozent wird es eine zweite Staffel geben, sagt Lipownik, die die Ausstrahlung der ersten Folge zu Hause in Berlin mit ihren Freunden vor dem Fernseher feiern will. „Dafür haben wir hier doch monatelang gearbeitet, gelacht, gestritten und auch die ein oder andere Träne verdrückt.“

Für einen richtig guten Cliffhanger am Ende der ersten Staffel, der den Zuschauern Lust auf mehr machen soll, sei jedenfalls gesorgt, verrät die Produzentin. Bis dahin bietet die „WaPo Bodensee“ einen überschaubaren Satz an nicht ganz perfekten Figuren, Kriminalfälle, die allesamt am Wasser spielen, ansonsten aber nicht allzu sehr in die Tiefe gehen dürfen, und mehr oder minder geistreiche Dialoge.

Im Fall des verschwundenen Jungen sagt Wasserschutzpolizist Pirmin Spitznagel (Simon Werdelis) über eine Karte gebeugt unheilschwanger: „Der See ist an dieser Stelle 150 Meter tief.“ Ein Satz, wie er in Drehbüchern von Vorabend-Serien nun einmal stehen muss.

Info Serienstart der „WaPo Bodensee“ ist am 17. Januar. Die Folgen laufen immer dienstags, 18.50 Uhr in der ARD.

Die Stammbesetzung im neuen Wasserpolizeirevier (von links): Wendy Güntensberger, Simon Werdelis, Floriane Daniel und Ole Puppe. Foto: Saxonia Media

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Erstellt:
13. Januar 2017, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
13. Januar 2017, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 13. Januar 2017, 06:00 Uhr

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