Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Im Zweifel Finger davon lassen

Knollenblätterpilze haben Hochsaison / Ihr Gift greift die Leber an

Im Schönbuch und Rammert sprießen sie wieder: Knollenblätterpilze. Sie sehen harmlos aus, sind aber hochgiftig. Eine Mutter und ihr Sohn landeten deshalb im Tübinger Uniklinikum. Beide hatten Glück, die Therapie griff. Mutter und Sohn kamen um die oft notwendige Lebertransplantation herum.

04.09.2014
  • Ute Kaiser

Tübingen. „Für den Menschen, gegen den Pilz“: Auf diese Formel brachte Spezialistin Dr. Claudia Görke von den Pilzfreunden Stuttgart gestern bei einem Pressegespräch im Klinikum ihren Rat: Sammler, die sich bei einem Pilz nicht hundertprozentig sicher sind, sollten ihn stets stehen lassen.

Eine 74-jährige Frau, die als erfahrene Sammlerin galt, und ihr Sohn irrten sich. In ihrem Korb und später auf ihren Tellern landete ein Knollenblätterpilz. So etwas hat heftige Folgen: Ungefähr sechs bis zehn Stunden nach der Mahlzeit leiden Vergiftete an Brechdurchfällen und Koliken. Die Giftstoffe hatten schon einige Zeit, sich im Verdauungstrakt auszubreiten.

Wenn das Pilzgift lange genug wirkt, sagte Prof. Nisar P. Malek, Ärztlicher Direktor der Medizinischen Klinik 1, „ist die Leber nicht mehr zu retten“. Dann muss transplantiert werden. Kann Eurotransplant nicht binnen 48 Stunden ein Organ zur Verfügung stellen, sterben die Patienten in der Regel.

Malek, unter anderem Experte für Lebererkrankungen, rät allen Pilzsammlern, die einige Stunden nach dem Essen Symptome zeigen, sich so schnell wie möglich in ein Krankenhaus zu begeben und zu sagen, was sie gegessen haben. Die Pilzsachverständige Claudia Görke empfiehlt, falls vorhanden, auch Reste vom Reinigen der Pilze oder der Mahlzeit mitzubringen. Das erleichtert die Suche nach den verursachenden Toxinen. Beim Knollenblätterpilz ist es das Amanitin, das selbst durch Kochen oder Braten nicht zu zerstören ist.

Oberarzt Christoph Berg hat auch die vergiftete Mutter und ihren Sohn behandelt. Nur der Mittfünfziger wies bei einem bestimmten Leberwert, der normalerweise bei 50 liegt, 12 000 aus. „Die Leber“, sagte Berg, „ist dem Toxin am meisten ausgesetzt.“ Die Werte der Mutter entsprachen der Norm.

Kommen die Patienten sehr früh, kann versucht werden, durch massives Abführen oder eine Art Dialyse das Gift aus dem Körper zu bekommen. Ist es dafür zu spät, zielt die Therapie darauf ab, das Pilzgift im Körper zu binden – etwa mit Kohle. Außerdem erfolgen Infusionen mit einem Medikament, das einen Inhaltsstoff der Mariendistel enthält. Seither sei die Todesrate auf unter fünf Prozent zurückgegangen, sagte Berg.. „Zum Glück“, so der Oberarzt über seinen Patienten, „hat sich die Leberfunktion wieder erholt.“ Ist die Vergiftung überstanden, bleiben keine dauerhaften Schäden.

Gemeinsam gegessen, gemeinsam vergiftet

Im vergangenen Jahr starben bundesweit fünf Menschen an Knollenblätterpilz-Vergiftung, sagte Claudia Görke. Finger weg! Das empfiehlt sie bei allen nicht eindeutig zu identifizierenden Pilzen. Der junge grüne Knollenblätterpilz, den sie im Rammert gefunden hatte, ähnelt einem Champignon. Allerdings weist auch er weiße Lamellen, eine zwiebelförmige Knolle und eine lappige Scheide als eindeutige Merkmale auf.

„Wir sehen oft ganze Familien, die sich vergiften“, sagt Nisar P. Malek. Beispielsweise Zuwanderer aus Osteuropa. Sie wüssten nicht, ergänzt Claudia Görke, dass es tödliche Pilze gibt. Die „schmecken angeblich alle gut“. Deshalb haben die Pilzfreunde ein Info-Poster auf Russisch erstellt. Bei der Familie, an die sich der Ärztliche Direktor erinnert, hat die Mutter als einzige überlebt, andere Familienmitglieder starben an Leberversagen: „Es ist schwierig, viele Lebern auf einmal zu bekommen.“

Knollenblätterpilze haben Hochsaison / Ihr Gift greift die Leber an
Sieben Exemplare des hochgiftigen grünen Knollenblätterpilzes in verschiedenen Stadien sammelte die Pilzsachverständige Claudia Görke im Rammert. Hat sich jemand beim Essen vergiftet, kommt er in Obhut von Oberarzt Christoph Berg (links) und Prof. Nisar P. Malek, dem Leiter der Medizinischen Klinik1. Bild: Metz

Die nächstgelegene Pilzberatung ist in der Sammelsaison jeweils sonntags von 15 bis 16.30 Uhr im Reutlinger Naturkundemuseum, Am Weibermarkt 4. Die Pilze sollten in luftigen Behältern wie Körben mitgebracht werden, weil sie in Plastiktüten schnell schimmeln. Bei der Deutschen Gesellschaft für Mykologie (www.dgfm-ev.de) finden sich Verhaltenstipps bei Vergiftungen und die Telefonnummern von zwei Pilzsachverständigen in der Region – in Gomaringen und Weil im Schönbuch.
Claudia Görke rät, möglichst aktuelle Pilzbestimmungsbücher zu benutzen. Denn es gibt immer wieder neue Erkenntnisse. Etwa über krebserregende Stoffe in bisher als unbedenklich eingestuften Pilzen.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

04.09.2014, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball