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Königliche Keilereien
Zwei Weltstars auf der Suche nach der Bestform: Zinedine Zidane, der Trainer von Real Madrid, und Torjäger Cristiano Ronaldo treffen im Viertelfinale der Champions League auf Bayern München. Foto: afp
Real Madrid

Königliche Keilereien

Superstar Ronaldo wirkt resigniert, Trainer Zidane steht in der Kritik, Präsident Perez grantelt: Vor dem Top-Duell mit dem FC Bayern sind Risse im Elitekader des spanischen Spitzenklubs zu erkennen.

11.04.2017
  • RAIMUND HINKO

Diesen Artikel schreibt einer, der seit Jahrzehnten mit Real Madrid sympathisiert. Der die Stadt liebt, die nie schläft. Und diesen hellwachen Klub, der noch mehr Geschichte geschrieben hat als der FC Bayern. Glorreiche Geschichten unsterblicher Helden von Alfredo di Stefano, Ferenc Puskas, Günter Netzer, Paul Breitner, Bernd Schuster, Emilio Butragueno, Hierro, Figo, Beckham, den beiden Ronaldos (die anderen wegzulassen ist eine Sünde) bis Raul, der am tiefsten im Herzen der Fans sitzt, den sie mit 39 am liebsten immer noch in der Mannschaft hätten.

Einen Klub zu lieben, der seit seiner Gründung am 6. März 1902 von autoritären Präsidenten geführt wird, fällt manchmal schwer, garantiert im Gegenzug aber Erfolge. Wie der amtierende Chef Florentino Perez, allein dessen Blick durch goldgerahmte Brillengläser Respekt einflößt. Er wird selten laut, was ihn gefährlich macht. Als er Cristiano Ronaldo anzischte: „Du hast auch schon mal öfter getroffen“, traf das den melancholischen Portugiesen durch Mark und Bein.

Das ist fast ein Jahr her und immer noch präsent als wäre es heute. Obwohl Perez meist auffallend freundlich ist zu Ronaldo. Der amtierende Weltfußballer des Jahres weiß sich von Neidern umzingelt, die nicht nur Barcelonas Lionel Messi für besser halten, sondern auch dessen Klubkameraden Neymar oder Suarez. Oder Toni Kroos. Oder Bayern-Torwart Manuel Neuer, der am Mittwoch im Champions-League-Viertelfinale gegen Ronaldo wieder im Tor stehen soll.

Der Modellathlet sehnt sich in trüben Stunden eine Rückkehr zu Manchester United herbei, wo ihn von 2003 bis 2009 Sir Alex Ferguson hätschelte. Auch weil in der künstlich hochgelobten Premier League wirklich niemand besser spielen würde als er. Perez wird trotzalledem um Ronaldo kämpfen. Er ist für ihn Gold und Bargeld zugleich. Für die weltweite Vermarktung von Real Madrid. Und für die weltweiten Bauvorhaben von Perez, der mit seiner Firma ACS zeitweise selbst den deutschen Bauriesen Hochtief schluckte.

Schlucken muss öfter auch Trainer Zinedine Zidane. Weil Perez verbreitet, dass der zwar die Champions League gewonnen hat, aber niemand auf der Welt erklären könne, für welchen Fußball Real Madrid stehe. Zumindest für keinen so zauberhaften wie der Spieler Zidane, der im Januar 2016 den Pragmatikern José Mourinho und Carlo Ancelotti, sowie dem überforderten Visionär Rafael Benitez folgte. Zidane, der heute noch selbstverliebt, wenn er sich unbeobachtet fühlt, seinen weltweit unübertroffenen 360 Grad-Trick übt.

Der Trainer ist enttäuscht, weil ihm Perez seinen Wunschspieler Paul Pogba verwehrte, der jetzt für angeblich über 100 Millionen Ablöse bei Manchester United eine klägliche Rolle spielt. Perez war kein Profifußballer, hat dennoch ein gutes Auge für Spieler. Nicht nur in seiner ersten von drei Amtszeiten, als er mit Stars wie Luis Figo, dem dicken Ronaldo und David Beckham die Galaktischen schuf. In 16 Jahren verschliss Perez zwar zehn Trainer, aber seit Jorge Valdanos Entlassung 2011 berief er keinen Sportvorstand mehr. Höchstens ein paar Vasallen. Der einstige Torjäger Emilio Butragueno spielt auch nur den Frühstücksdirektor. Perez macht es, wie Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge bei Bayern – am liebsten selbst.

Zuletzt herrschte Schweigen

Er ist stolz auf die Verpflichtung des Kroaten Luca Modric, des Andalusiers Isco, der, fast schon verkauft, zum Publikumsliebling wurde. Und natürlich auf Toni Kroos, den Regisseur, den er aus München weglockte.

Wenn nicht gerade Kapitän Sergio Ramos rumkrakeelt, ist es in der Kabine nicht zu überhören, dass der Deutsche eine neue Sprache spricht. So flachsen die Kameraden. Sie waren Tonis gutes Englisch gewöhnt. Obwohl Kroos Sprachunterricht ablehnte („Das lerne ich doch im täglichen Umgang sowieso“) konnte er plötzlich Spanisch.

Zuletzt herrschte zunehmend Schweigen in der Kabine. Der immer gut aufgelegte, höchst beliebte Alvaro Morata aus dem Real-Internat mit der Zwischenstation Juventus Turin, spricht kein Wort mehr mit Karim Benzema. Der Franzose, immer noch im Verdacht krimineller Machenschaften, ist zwar ein sehr guter Fußballer. Aber den Stammplatz hat er erst wieder zurück, seitdem Morata Anfang der Saison in der internen Torjägerliste vor Cristiano Ronaldo lag, was einer Majestätsbeleidigung gleichkam.

Zur Strafe sah Morata kaum noch Bälle. Es sei denn, Ronaldo war nicht dabei, wie vorige Woche beim 4:2 gegen Leganes, als dem Edeljoker ein Hattrick gelang. Benzema, eher lauffaul, arbeitet Ronaldo treu zu. Morata, der gemessen an der Spielzeit häufiger trifft als Ronaldo, spricht von Abschied. Genauso wie der Kolumbianer James Rodriguez, der die Eifersucht der Mitspieler spürt, weil er seine 80 Millionen Ablöse nicht rechtfertigen kann, Zidane vergangenen Mittwoch bei der Auswechslung den Handschlag verweigerte. Die nur noch durchschnittlichen Abwehrrecken Pepe und Varane fehlen gegen Bayern verletzt, was Ramos‘ Sturmdrang bremst. Erste Risse werden sichtbar.

Da Benzema der Lieblingsspieler des Präsidenten Florentino Perez ist, außerdem die Sympathie seines französischen Trainers und Landsmanns genießt, entstand eine hochexplosive Gemengelage. Auch Sergio Ramos wird nicht geliebt, zumal sich der Andalusier offen zum Stierkampf bekennt. Was im zunehmend liberalen Madrid immer mehr Gegner findet.

Real war in Champions-League und in der Primera Division zuletzt oft auf den Brechstangenfußball der letzten Minuten angewiesen. Auf die Kopfbälle des Abwehr-Rambos Sergio Ramos. Wahlweise auf die Eckbälle von Toni Kroos, die präzise getimt wie ein Schweizer Uhrwerk auf dem Kopf von Ramos landen.

Die beiden Torhüter Keylor Navas und Kiko Casilla gelten nicht als Helden, mit denen man Schlachten gewinnt. Natürlich hat der Präsident längst ein Auge nach München geworfen. Für Manuel Neuer würde er locker den Superweltrekordpreis von 150, vielleicht sogar 200 Millionen Ablöse zahlen. Da würde seine persönliche Freundschaft zu Rummenigge und Hoeneß auf eine harte Probe gestellt.

Wobei, dies scheint unabhängig vom Ausgang der beiden Duelle in Stein gemeißelt: Real Madrid bleibt wohl noch lange die Nummer eins und Bayern die Nummer zwei der Fußballwelt. Streit, Reibereien, Zwistigkeiten sind leistungssteigernd. So oder so haben die Chinesen keine Chance. Die chronisch planlos spielenden Engländer – armer Pep Guardiola – sowieso nicht.

Kommt Guardiola?

Deshalb ist es keine abwegige Prognose, dass der bekennende Katalane Guardiola zur Krönung seiner Trainerlaufbahn bei den politischen Gegnern in der spanischen Hauptstadt einläuft. Und noch ein von Perez oft Geschmähter steht bereit. Spaniens Weltmeistermacher Vicente del Bosque, den er als Trainer feuerte, weil er zu wenig Glamour hatte, soll Manager, Sportdirektor oder Vorstand werden.

Den Fans ist das egal. Millionen sitzen am Mittwochabend gebannt vor den Fernseher. Im Real- oder Bayern-Fieber.

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11.04.2017, 06:00 Uhr

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