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Kulturelle Unterschiede und Lebenswelten beachten

Kolloquium zur medizinischen Versorgung von Migranten

Wie gut ist die ärztliche Versorgung von Migranten? Führen schlechte Deutschkenntnisse und kulturelle Unterschiede zu Unterversorgung und Fehlbehandlung? Welche Maßnahmen schaffen Abhilfe? Diese Fragen stellen sich Ärzte und Migrantenselbstorganisationen in Tübingen. Erste Projekte sind bereits in die Wege geleitet, wie ein Kolloquium am Universitätsklinikum zeigte.

08.01.2015
  • Miriam Steinrücken

Tübingen. 1979 folgte Sakine Aslan ihrem Ehemann von Anatolien nach Deutschland. Sechs Monate später suchte sie mit Rückenschmerzen einen deutschen Arzt auf. Die fremde Sprache beherrschte sie kaum – ebenso wie andere türkeistämmige Gastarbeiter, die seit dem Anwerbeabkommen von 1961 nach Deutschland übergesiedelt waren. Viele verrichteten in der Landwirtschaft und Industrie unqualifizierte, schwere körperliche Arbeiten für geringe Löhne und wollten ursprünglich bald in die Heimat zurückkehren. Zum Arztbesuch begleitet wurde sie von ihrer Tochter Nurten, die übersetzte. Auch jetzt noch erzählt sie Deutschen die Geschichte ihrer Mutter.

Meine Blase wird von Nadeln zerstochen

Als der Arzt keine physischen Ursachen für die Beschwerden finden konnte, deutete er sie als psychosomatische Folgen einer Depression und verschrieb Antidepressiva. Aber die Schmerzen blieben und bildeten den Auftakt zu einer 35 Jahre währenden Odyssee durch das deutsche Gesundheitssystem: Sakine Aslan wurde von einem Arzt zum anderen weitergereicht. Aber keiner habe sie ernst genommen, beklagt sich die 72-jährige, alevitische Kurdin aus Böblingen heute. Keiner habe die Zeit aufgebracht, ihr geduldig zuzuhören.

Dabei beschrieb sie die Symptome präzise: „Meine Blase wird von Nadeln zerstochen“, erklärte sie. „Und meinen Rücken krabbelt etwas Lebendiges entlang.“ Doch die deutschen Ärzte verstanden die Metaphern nicht – so lang, bis es zu spät war. 1993 wurde ein Tumor aus dem Magen entfernt, 2000 eine Zyste aus dem Bauch und 2009 ein bösartiges Geschwür aus der Blase. 2012 lautete die Diagnose Knochenmarkkrebs. Solche ärztlichen Kunstfehler sind keine Seltenheit bei Migranten. 16,5 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund leben in Deutschland (20,5 Prozent). Die größte Gruppe bilden die Einwanderer aus der Türkei mit knapp drei Millionen.

Als ursächlich für Unterversorgung und Fehlbehandlung gelte die teilweise geringe Bildung der Patienten, referierte Dr. Kivanc Karacay bei einem Kolloquium zur Versorgungsforschung im Dezember am Universitätsklinikum Tübingen den aktuellen Forschungsstand. Weitere Gründe sind laut der Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie ein niedriger sozioökonomischer Status, sprachliche Defizite, fehlende Vertrautheit mit dem deutschen Gesundheitswesen und ein anderes Krankheitsverständnis.

„Wir riefen Arbeitskräfte und es kamen Menschen“, zitierte Karacay den Schriftsteller Max Frisch. Und diese Menschen wollten mit Respekt behandelt werden. Dazu gehöre, dass der Zugang zur medizinischen Versorgung erleichtert wird: Im Gespräch seien der Einsatz von türkischsprachigen Ärzten, Arzthelfern oder Dolmetschern und Schulungen deutscher Ärzte in interkultureller Kompetenz.

Hier sieht Basri Askin vom Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband Baden-Württemberg die Migrantenselbstorganisationen in der Pflicht. Bei dem Kolloquium umriss der Soziologe ihre Funktionen: Sie würden „Hilfe zur Selbsthilfe“ leisten, indem sie ein Forum für sozialen Austausch eröffneten und ihre Mitglieder in Gesundheitsfragen berieten. Anvisiert werde, sie künftig als Kooperationspartner der medizinisch-pflegerischen Dienstleister in das Gesundheitswesen einzubeziehen. Bedingung für den Erfolg sei, dass die Organisationen schon bei der Konzeption eines Projekts eingebunden würden, um den Bezug zur Lebenswelt der Migranten herzustellen. Außerdem müssten alle Beteiligten von der Zusammenarbeit profitieren.

Denkbar wäre etwa, dass ein Krankenhaus einer muslimischen Gruppierung einen Raum für die rituelle Totenwaschung zur Verfügung stellt. Die Gruppierung bietet im Gegenzug religiöse Seelsorge für die Patienten an. Ein erster Schritt ist bereits getan: Im Auftrag der Alevitischen Akademie leitet Askin ein Pilotprojekt, bei dem Mitglieder alevitischer Ortsgemeinden zu Seelsorgern ausgebildet werden. Teil nimmt auch Nurten Aslan, die gemeinsam mit ihrer Mutter Sakine regelmäßig das Alevitisch-Bektaschitische Kulturzentrum in Böblingen besucht.

Nach Monaten auf der Flucht oft schwer krank

An einer ähnlichen Aufgabe hat sich Ramazan Sünbül versucht – zu seinem großen Bedauern vergeblich. Denn das Universitätsklinikum kann kein Zimmer erübrigen. Gerne würde der zweite Vorsitzende des Türkischen Vereins Tübingen und Umgebung stattdessen Raum in einem Bestattungsinstitut anmieten und auch die muslimischen Patienten im Krankenhaus von einem Imam betreuen lassen. Diese Leistungen kann der Verein finanziell aber nicht stemmen.

Heute, über 50 Jahre nach der Ankunft der ersten türkeistämmigen Gastarbeiter in Deutschland, steht eine andere Migrantengruppe im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit: die Asylsuchenden aus arabischen und afrikanischen Ländern. „Was die Generation meiner Eltern in der Vergangenheit durchgemacht hat, steht jetzt den Flüchtlingen bevor“, befürchtet Nurten Aslan.

Dass es nicht so weit kommt, dafür sorgt das Asylzentrum Tübingen. Hier arbeitet Angela Zaschka. Sie spricht mit den Asylsuchenden Französisch und Arabisch. Ihr Kollege beherrscht zusätzlich alle drei kurdischen Sprachen. Für Somali müssen sie einen Dolmetscher bestellen. Sie erklären ihren Schützlingen das deutsche Gesundheitssystem und begleiten sie als Übersetzer zum Arzt. „Wir holen die Menschen dort ab, wo sie stehen“, verkündet die zierliche und doch so energische Frau das Credo des Vereins. Die meisten Ankömmlinge seien nach monatelanger Flucht krank und benötigten dringend die Hilfe von Allgemeinmedizinern und weiteren Fachärzten.

Offen sein und nachfragen

Dr. Christian Mickeler gehört zu dieser Gruppe. Der Tübinger Hausarzt und Internist zählt Flüchtlinge aus Afghanistan, Pakistan und Syrien zu seinen Patienten. Für sie fordert er eine niederschwellige erste Anlaufstelle, bei der sie kurzfristig einen Termin und unbürokratisch Hilfe erhalten. Diese Lücke müssten die Hausärzte schließen, so Mickeler. Akute Beschwerden behandelten sie selbst und Patienten mit komplexeren Erkrankungen überwiesen sie gezielt an den zuständigen Facharzt. „Hausärzte stärken, Fachärzte und Klinikambulanzen entlasten“, lautet Mickelers Devise. So könne man sich auch unnötige, teure Untersuchungen ersparen.

Einer dieser Fachärzte ist Dr. Alexander Marmé. In seiner Tübinger Praxis behandelt der Frauenarzt Asylsuchende aus Kamerun, Nigeria und Somalia. In zahlreichen früheren Kolonien ist Englisch oder Französisch Amtssprache, in der er sich nun mit seinen Patientinnen verständigen kann. Als sehr unkompliziert, ehrlich und direkt hat er sie kennen gelernt. Sein Erfolgsrezept heißt: „Interesse haben am Anderen, offen sein für seine kulturelle Identität und nachfragen“. Dann teilten die Afrikanerinnen ihre Traditionen gerne mit den Menschen im Gastland, versichert er und weist stolz auf das Geschenk einer Patientin: eine mit hellen und dunklen Holzintarsien verzierte Milchflasche.

Kolloquium zur medizinischen Versorgung von Migranten
International und multilingual: Der Tübinger Frauenarzt Dr. Alexander Marmé hält seine Sprechstunde für afrikanische Flüchtlinge auf Englisch und Französisch.

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08.01.2015, 12:00 Uhr

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