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Fledermäuse ausgeflogen?

Kolonie im Schloss „signifikant geschrumpft“

Was machen eigentlich die Schloss-Fledermäuse? Ihre Kolonie sei erheblich geschrumpft, verriet Boris Palmer kürzlich. Muss man sich um Tübingens heimliches Wappentier Sorgen machen?

25.08.2012
  • Ulla Steuernagel

Kolonie im Schloss „signifikant geschrumpft“
Fledermauskolonie im Tübinger Schlosskeller im Jahr 2003

Tübingen. Die Große-Mausohr-Kolonie, ursprünglich mal um die 700 Tiere sei mittlerweile auf etwa 100 zurückgegangen, diese Information gab Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer bei einem TAGBLATT-Besuch. Möglicherweise, so seine Vermutung, habe es mit den Bäumen zu tun, die 2009 am Nordhang des Schlosses gefällt worden waren. Damit wurde zwar der Blick zum Schloss freigeschlagen und die Stadt erfüllte ihre Verkehrssicherungspflicht, aber es habe sich möglicherweise auf Leben und Flugbahn der Tiere ausgewirkt.

Der Naturschutzbeauftragte des Regierungspräsidiums Dietrich Kratsch sieht darin nur eine Möglichkeit unter mehreren: Genauso gut wie die veränderten Lichtverhältnisse an den Ausflugöffnungen eine Rolle spielen könnten, hat sich möglicherweise ein Teil der Kolonie woanders angesiedelt oder haben sich Fressfeinde, wie Marder und Schleiereulen, vermehrt. „Schon 2010 hatte man“, so Kratsch, „im Verhältnis zu den Vorjahren signifikant weniger Ausflüge pro Nacht registriert“. Ingrid Kaipf von der Arbeitsgemeinschaft Fledermausschutz (AGF) und Expertin für die Schlosstiere ist derzeit in Urlaub. Prof. Ewald Müller, ebenfalls aktiver Fledermaus-Schützer und Tierphysiologe an der Tübinger Uni, hält für möglich, dass ein Teil der Kolonie sich andere, unbekannte Quartiere gesucht hat. Auch er weiß vom veränderten Ausflugverhalten der Tiere, die nun zum Hasengraben hin ihre nächtliche Jagd beginnen. Alles sei halb so wild, sagt der Fledermausschützer. Er gibt sogar zu: „Wir wären selber auch nicht unfroh, wenn das Theater um die Fledermäuse aufhören würde.“

Die Kellertiere sind keine Kulturverhinderer

Die Fledermäuse im Schloss gelten nämlich für manche als Kulturverhinderer. Vor der Schlossrenovierung hatten die Großen Mausohren ihre Behausung im Südflügel des herrschaftlichen Daches. Anfang der 80er-Jahre mussten sie sich vor den Bauarbeiten in den Keller flüchten. Dieses Notquartier war ihnen dann sogar lieber als eine Rückkehr ins Dachgeschoss. Das Dach war nämlich mit Holzschutzmitteln behandelt worden, die Lindan und Pentachlorphenol (PCP) enthielten, also gleichermaßen ungesund für Mensch wie Tier. Der Keller des Hauses ist für Fledermaus-Geschmack eigentlich zu feucht. Ihr Dasein hier war jahrelang nur mit viel menschlichem Pflegepersonal aufrechtzuerhalten.

Kolonie im Schloss „signifikant geschrumpft“
Früher flogen die Mausohren in nördlicher Richtung aus ihrem Notquartier zur nächtlichen Jagd. Nun aber beginnen ihre Ausflüge Richtung Hasengraben. Bild: Steuernagel

Nach 16 Jahren hingebungsvoller Pflege warfen die Freunde der Schlossfledermäuse allerdings 2003 das Handtuch. Diplom-Geografin Ilona Bausenwein gehört zu denen, die den Tieren jahrelang jeden Urlaub opferte und zeitweilig zwei Mal täglich die schiefe Schlosskellertreppe hinunterkletterte, um gefallene Jungtiere vom feuchten Boden aufzuklauben. Mit Wärmflaschen wurden diese aufgepäppelt und dann in einer Art „Jungtierbörse“ von den Müttern zurückgeholt. „Wir haben so die Jungtierverluste auf Null gebracht“, sagt Bausenwein. Die Kolonie war allmählich von 80 auf über 600 Tiere angewachsen.

Doch 2003, als das erste Sommertheater im Schlosshof stattfinden sollte, gaben die Fledermausfreunde die Schlosstierpflege genervt an die AGF ab. „Wir gucken nicht zu, wie die Arbeit von 16 Jahren kaputt gemacht wird“, beschreibt Bausenwein das damalige Gefühl. Auch der Schlosshof mit seinem Kiesbelag wurde für die Freunde zum „Drama pur“, denn die Knirschgeräusche versetzen den Tieren einen derartigen Schrecken, dass sie von der Decke fallen.

Bausenwein hat ihr Leben den kleinen Viechern gewidmet und unterhält in ihrer Wohnung ein regelrechtes Fledermaus-Hospiz. Sie ist nicht gut auf die AGF zu sprechen. „Da ist keine Fledermausliebe, da ist nur wissenschaftliches Interesse“, sagt sie. Sie fände es wenig verwunderlich, wenn die Kolonie mittlerweile auf dem Stand zurückgefallen sei, den sie vor ihrem Pflegeeinsatz hatte. Ihrer Ansicht nach sind aber nicht die Tiere Schuld daran, dass das Schloss im Dornröschenschlaf schlummert und kulturell so wenig genutzt wird. Die Kulturverhinderer wohnten nicht im Keller. „Da muss man bei der Uni anfangen.“

Bernd Selbmann, Leiter des staatlichen Bau- und Vermögensamts, gibt zu, dass ihm gerade recht ist, „dass das Schloss so ist wie es ist“. Die Uni brauche die Räume für eigene Zwecke, die interessierte Öffentlichkeit habe das Museum als Anlaufstelle. Gegen kulturelle Events führt er die Duisburger Love-Parade an. Bei einer Panik säße man im Schlosshof mit zwei viel zu engen Öffnungen in der Falle: „Ich kann da keine Verantwortung übernehmen.“ Ein Cafébetrieb im oder vor dem Schloss rechne sich betriebswirtschaftlich nicht, und das touristische Aufmotzen der Schlösser im Land – siehe Schwetzingen und Heidelberg – missfällt ihm ebenfalls: „Der Verschleiß nimmt zu. Wir müssen nicht mit allen unseren Kulturgütern an die Öffentlichkeit gehen.“

Lesen Sie dazu auch das Übrigens in der Samstagsausgabe des SCHWÄBISCHEN TAGBLATTS

Nicht nur die Tübinger Linke macht sich Gedanken um die Erschließung des Schlosses Hohentübingen. Auch das TAGBLATT beschäftigt sich in lockerer Folge mit diesem Bauwerk, das zwar die Silhouette der Stadt bestimmt, aber außer dem Museum wenig Anreize für einen Aufstieg bietet.

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25.08.2012, 12:00 Uhr

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