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Kolumbus des modernen Seelenlebens
Cover Verlag Foto: Cover Verlag
Psychoanalyse

Kolumbus des modernen Seelenlebens

Peter-André Alt legt eine backsteinschwere und gewichtige Biografie Sigmund Freuds vor.

03.11.2016
  • GEORG LEISTEN

Wien. Wien im späten 19. Jahrhundert: Ein junger Arzt hat Schuldgefühle. Weil er als Jugendlicher onaniert hat, weil er zu viel raucht (25 Zigarren am Tag!) und weil ein Freund durch seine Schuld kokainsüchtig wurde und starb. Ein Fall für die Psychoanalyse, aber die gab es noch nicht. Darum musste er sie erfinden.

Als Vater der modernen Seelenheilkunde propagierte Sigmund Freud, verdrängte Ängste und unerfüllte Wünsche offenzulegen. Im Fokus: die Libido. Aus ihrer Unterdrückung resultierten für den Nervenarzt zahllose Krankheitsbilder. Das, was in den 60ern Jahren die sexuelle Befreiung genannt wurde, nahm in Freuds Praxis in der Wiener Berggasse seinen Anfang.

Dass es in der gewichtigen Biografie, die Peter-André Alt über den Psycho-Pionier vorgelegt hat, immer wieder um Geschlechtliches geht, erstaunt nicht. Wohl aber, wie konservativ Freud in Liebesdingen war. Eigentlich müsste der katholischen Kirche, die seine Lehren lange verdammte, Freuds private Sexualmoral imponieren. „Kein Sex vor der Ehe, keine Kondome, keine Masturbation“, predigte der Begründer der Psychoanalyse sich selbst. Auch sonst erfährt man in der Lebensgeschichte, die Alts backsteinschwere Biografie auf tausend Seiten erzählt, viel Unbekanntes. Die Couch etwa war das Geschenk einer Patientin.

1856 kam der Kolumbus des Unbewussten als Sigismund Schlomo Freud im mährischen Freiberg zur Welt. Die familiären Weichenstellungen waren nicht optimal: Der Vater, ein jüdischer Kaufmann, betrieb eher undurchsichtige Geschäfte, ein Onkel landete wegen Falschgeldbesitzes im Gefängnis. Doch Freud boxte sich durch Matura und Studium. Antisemitischen Anfeindungen wusste er ebenso zu trotzen wie dem verstockten Moralismus seiner Epoche und der Kritik des akademischen Establishments an seinen Theorien. Dass mit Alt, dem Präsidenten der Marbacher Schillergesellschaft, ein Philologe über den Psychoanalytiker schreibt, erstaunt nur auf den ersten Blick. Hat der Vielleser Freud doch zahllose Bausteine seines Denkgebäudes aus Literatur und Philosophie bezogen.

Dass Träume mehr als Schäume sind, lehrte ihn die deutsche Romantik, den berühmten Ödipuskomplex (die erotische Fixierung auf die Mutter) fand er in der antiken Tragödie vorgebildet.

Wie sich eine Idee durchsetzt

Überhaupt erscheint die psychoanalytische Praxis als Ausdeuten jener Geschichten, die der Patient erzählt. Anders als für seine positivistisch geprägten Kollegen war die Medizin bei Freud auch eine Geisteswissenschaft. Mit wachsender Popularität wurde er vom Therapeuten zum Welterklärer, um Geschichte, Religion und Kunst aus der Perspektive der Psyche zu betrachten.

Alt hat minutiös recherchiert und bettet Freuds Wirken ein in das intellektuelle Klima im Wien der Jahrhundertwende sowie am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Stets verknüpft er die Ereignisse in Freuds Leben mit der Entwicklung seiner Konzepte. Es ist erhebend mitzuverfolgen, wie sich eine revolutionäre Idee durchsetzt. Trotz seiner Gelehrigkeit hat das Buch nichts Erschlagendes, sondern etwas vorsichtig Annäherndes, wodurch der Mensch hinter dem Werk Konturen bekommt. Freud war hin- und hergeschleudert zwischen Selbstzweifel und Sendungsbewusstsein. Seinen Angehörigen gegenüber gab er sich oft abweisend, mit Schülern wie C. G. Jung oder Alfred Adler, die ihm nicht bedingungslos folgten, überwarf er sich. Der Mann, der einem Zeitalter ins Innerste zu blicken vermochte, erscheint in Alts großem Porträt als ein gebrochener Charakter. Georg Leisten

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03.11.2016, 06:00 Uhr

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