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Komma

Vier Schülerkritiken über den belgischen Film bei der "Semaine de la Critique".

Vier Schülerkritiken über den belgischen Film bei der "Semaine de la Critique".

KOMMA
Belgien

Regie: Martine Doyen
Mit: Arno Hintjens, Valérie Lemaitre

- ab 0 Jahren

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24.11.2015

Ein Film der Kontraste

Weiß und Schwarz. Kalt und Heiß. Feuer und Wasser. Vergessen und Erinnerung. Zärtlichkeit und Gewalt – Aspekte, die im Film „Komma“ von Martine Doyen gegenübergestellt werden. Der Film beginnt und endet im weißen Nichts.

Dazwischen: Dunkelheit – „ich hasse Dunkelheit“, sagt Peter de Wit, der von Arno Hintjens einfühlsam verkörperte Protagonist. Dieser erwacht in einem kalten Leichenzimmer und kehrt ins Leben zurück. „Ich bin ein lebender Toter“, so bezeichnet Peter selbst seine Situation.

Zufällig macht er Bekanntschaft mit einer Künstlerin, nachdem er ihren Schuh wie im Märchen Aschenputtel auf der Treppe einer Metrostation findet. Die unter Amnesie leidende junge Lucy (Valérie Lemaître) ist ebenfalls Beispiel der Kontraste, der Lebenskontraste.

Ein Kontrast auch zwischen Gefühlen wie Verfolgungswahn und Geborgenheit, zwischen Angst und Liebe. Ein Spiel mit reeller und fiktiver Identität, mit Wahrheit und Märchen. Wenn Lucy sich mit einer Nadel in den Finger sticht und das skurrile Paar eine Reise zum Schloss Neuschwanstein unternimmt, fühlt sich der Zuschauer an das Grimmsche Märchen Dornröschen erinnert.

Doch bei diesem Aufenthalt treten trotz ihrer Amnesie plötzlich Kindheitserinnerungen zutage und Lucy wird von ihren Gefühlen überwältigt. Detail- und Totalansichten, gestochene Schärfe und verschwommene Lichtflecken wechseln sich ab und untermalen sehr eindrucksvoll den bewegten Gefühlszustand der Protagonistin. Trotz ihrer äußerlichen Unnahbarkeit wird der Zuschauer durch die filmischen Mittel von ihren Emotionen bis zum Schwindel mitgerissen.

Ida Mederos Leber, Amnueporn Wiegandt, Lessing-Gymnasium, Frankfurt am Main

Les souvenirs n’ont pas de sens

„Wo bin ich?“- mit dieser Frage fühlt sich der Zuschauer in der ersten Szene des Films „Komma“ konfrontiert.

Der Film erzählt die Geschichte zweier Menschen, die ihr eigenes Leben vergessen wollen und sich wie lebendige Tote fühlen.

Peter De Wit wacht, von einem weißen Leinentuch bedeckt, in der Leichenhalle eines Krankenhauses in Brüssel auf. Er schlägt einen Angestellten bewusstlos und besorgt sich eine neue Identität. Peter De Wit wird zum Schweden Lars Ericsson.

Seine Vergangenheit bleibt offen. Ein Mann voller Geheimnisse, die der Zuschauer zu lüften versucht. Wie in einem Märchen begegnet er eines Nachts Lucie, eine von ihrer schlimmen Vergangenheit verfolgte Frau, die ihre Erinnerungen an ihr früheres Leben versucht zu verdrängen. Ihre künstlerischen Werke spiegeln diesen Kampf wieder. Auch sie verfolgt das Ziel ihre bisherige Existenz auszulöschen.

In ihrem ersten Spielfilm bringt die belgische Regisseurin Martine Doyen in vielen Kameraeinstellungen das Publikum nah an die Protagonisten. Der Wechsel zwischen scharfen und verschwommenen Bildern zeigt besonders gut das bewusste Ausblenden ihrer beider Vergangenheit. Durch die Detailaufnahmen legt die Regisseurin ein besonderes Augenmerk auf die Personen und ihre Gefühle in diesem Augenblick. Geschickt benutzt Martine Doyen zudem die Schnitttechnik um auf überflüssige Dialoge zu verzichten.

Kann man sein Leben vergessen und die Erinnerungen an negative Erlebnisse auslöschen? „Komma“, ist ein Film, der zur Beantwortung dieser Frage dem Zuschauer viel Interpretationsfreiraum bietet.

Sabine Pietruske, Kevin Heinken (Altes Gymnasium Bremen)

Tanz des Untoten

Obwohl Lars Erickson die Dunkelheit hasst, ist es gerade nachts, als sich sein neues Leben grundlegend verändert: Auf der Treppe eines menschenleeren Einkaufszentrums findet er einen Schuh und bald darauf auch dessen Besitzerin in einer Ecke kauernd. Diese an Aschenputtel erinnernde Begegnung ist die erste zwischen Erickson und der jungen Künstlerin Lucie.

Erickson, der eigentlich Peter de Wit heißt, kommt zu Beginn des Films „Komma“ von Martine Doyen in einer Leichenhalle in einen Leichensack gehüllt zu sich. Von dort geflohen nutzt er die Chance mit den Papieren eines anderen Toten eine neue Identität anzunehmen. Als er einige Zeit danach Lucie begegnet und sie nach Hause begleitet, missbraucht er ihre scheinbare Amnesie, um sie als seine Geliebte in die neue Identität zu integrieren.

Die filmische Darstellung in „Komma“ bietet die Möglichkeit, in das Leben und die Situation der beiden Hauptfiguren einzutauchen; die äußerst drastische Kameraführung mit vielen verschwommenen Einstellungen und übertriebenen Verzerrungen des Bildes bis zu unkenntlichen Lichtkreisen lässt dazu allerdings wenig Lust aufkommen. Auch die Musik nimmt erst mit steigender Harmonie zwischen den Charakteren erträgliche Formen an.

Obwohl sich die Teile der Handlung gleichmäßig über den Film erstrecken, ist er schwer zu verfolgen. Dies mag daran liegen, dass ein Leitfaden fehlt, der die Geschichte durchgängig macht, aber auch an den teilweise abstrakten Bildern, die den einheitlichen Verlauf zerrütten. Dass außerdem die genial-verrückte Idee, die der Handlung zugrunde liegt, bereits ihre eigenen Schwierigkeiten birgt, ist vielleicht einer der Gründe für das offene Ende. Dieses ist der Höhepunkt einer langen Reihe von schwer verfolgbaren Entwicklungen.

Trotz aller Ungereimtheiten und mühsam anzuschauenden Szenen über Verwirrung und Orientierungslosigkeit ist „Komma“ ein modernes Märchen, das versteckt die Motive seiner großen Vorgänger einbindet und auch Stellen zum herzlichen Lachen bietet.

Manuel Klein, Europagymnasium Wörth

Ein modernes Märchen

Mit einem nicht wirklich in Worte zu fassenden, ungewissen Gefühl verlässt der Kinogänger den Saal, denn er kann nicht sagen, welches Fazit er mit nach Hause nehmen soll.

Eingepackt in einen Leichensack und ohne Erinnerung an den Grund für seinen „Tod“, wacht Peter auf; schon diese Tatsache lädt ein nach der Logik dessen zu fragen. Mit der Geldbörse eines Toten aus der Leichenhalle begibt er sich wieder zu den Lebenden.

Durch einen verlorenen Schuh begegnet er Lucie, die in einer Ecke kauert und sich an nichts erinnern kann. Ihr verheimlicht er seine wahre Identität und erfindet sich mit Hilfe des gestohlenen Passes neu. Er heißt nun Lars Ericsson und Lucie sagt er sie seien schon seit 2 Jahren zusammen.

Nach näherem Kennenlernen fährt er mit ihr ins bayerische Neuschwanstein, an einen Ort, an dem sie schon einmal war – als kleines Mädchen. Provoziert durch die ihr bekannte Umgebung, durchlebt sie noch einmal die traumatische Situation ihrer Kindheit, in der sie versucht einem Mann das letzte Stück eines Puzzles zu entreißen. Ihre Erinnerung kehrt – nicht eindeutig erkennbar warum – zurück, worauf Peter davonfährt und sich von einem Berg stürzt, allerdings ohne zu sterben. Er bleibt an einem Ast hängen und die Frage nach dem Ausgang für die beiden Personen bleibt ungeklärt.

Martine Doyens Film „Komma“ lässt kein eindeutiges Ziel erkennen. Der Zuschauer weiß nicht was der Film ihm vermitteln soll. Das Zusammentreffen zweier Menschen, deren Erinnerung ganz oder nur zum Teil erloschen ist? Die moderne Geschichte von Dornröschen, in der der Prinz die Frau erlöst, indem er sie zum Schloss Neuschwanstein bringt? Oder einfach die Geschichte eines lebenden Toten, der die Möglichkeit nutzt sein Leben neu zu erfinden?

Es fehlt dem Film an Eindeutigkeit und Lösungen, er lässt damit zwar individuelle Interpretation zu, aber bleibt ein Mysterium, das vielleicht gar nicht gelöst werden will.

Simon Oldenbruch, Gymnasium Gonsenheim

Spielplan

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24.11.2015, 12:00 Uhr | geändert: 07.08.2009, 12:00 Uhr

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