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Kommt der „Zementmord“-Täter frei?
Freunde des ermordeten Yvan Schneider bei einer Mahnwache vor dem Landgericht 2008. Foto: Bernd Weissbrod/dpa
Justiz

Kommt der „Zementmord“-Täter frei?

Zehn Jahre nach der Bluttat soll Deniz E. in Sicherungsverwahrung. Er hält das Verfahren für eine „Frechheit“.

06.03.2018
  • ROLAND MÜLLER

Stuttgart. Deniz E. spricht so leise, dass er im Saal des Stuttgarter Landgerichts trotz Mikrofons kaum zu verstehen ist. „Keine Angaben“, sagt er, er wolle im Verfahren nichts sagen. Das Geschehen verfolgt er regungslos. Also werden andere über ihn sprechen müssen – JVA-Angestellte, Mithäftlinge, Psychiater –, um die entscheidende Frage zu klären: Ist der 29-jährige Mörder nach zehn Jahren hinter Gittern zu gefährlich, um ihn freizulassen?

Das Verfahren ist in vieler Hinsicht außergewöhnlich. Da ist die Sinnlosigkeit und Brutalität der Tat, die als „Zementmord“ das Land erschütterte: 2007 hatte Deniz E. mit Mittätern und Helfern den 19-jährigen Yvan Schneider erschlagen, zerstückelt, in Blumenkübeln einbetoniert und im Neckar versenkt. Tatwerkzeuge wie Axt und Säge liegen heute im Stuttgarter Polizeimuseum. Auch juristisch ist der Fall besonders: Die Staatsanwaltschaft hat nachträgliche Sicherungsverwahrung beantragt – obwohl Deniz E. 2008 nach Jugendstrafrecht verurteilt worden war. Die nachträgliche Verwahrung ist eine Ausnahmeerscheinung im Strafrecht – eigentlich wurde sie vom Bundesverfassungsgericht 2011 sogar abgeschafft. Für „Altfälle“ ist sie jedoch noch möglich – wenn aus „konkreten Umständen in der Person“ eines Häftlings „eine hochgradige Gefahr schwerster Gewalt- oder Sexualstraftaten“ abzuleiten ist und zudem eine psychische Störung vorliegt.

Ob Deniz E. freikommt, wird also davon abhängen, wie das Gericht seine Psyche einschätzt. Die Staatsanwaltschaft hält die Gefahr für zu groß: „Er hat sich in all den Jahren der Therapie verweigert und sich nie mit der Tat auseinandergesetzt“, sagt Sprecher Jan Holzner. Doch werde den Meinungen zweier psychiatrischer Experten besonderes Gewicht zukommen: Erstmals seit Jahren hat der 29-Jährige sich begutachten lassen. Parallel läuft zudem noch ein Verfahren zur Unterbringung in der Psychiatrie.

Im Urteil 2008 war das Gericht von einer wahnhaften psychotischen Störung ausgegangen; der Mord geschah aus übersteigerter Eifersucht. Spätere Psychiater sahen eher eine narzisstische Störung, die sich in einem von Großartigkeit geprägten Selbstbild und fehlendem Mitgefühl äußere. In einer Anhörung, die gestern verlesen wurde, nannte Deniz. E. das aktuelle Verfahren „eine Frechheit“. Dass er in Haft bleiben solle, obwohl er seine Strafe abgesessen habe, empfinde er als „Folter“. Alle Mittäter seien längst frei, auch er habe „eine zweite Chance verdient“.

Selbst wenn es dazu kommt, wird der Neuanfang anders ausfallen als er sich das wünscht: Gegen ihn besteht eine rechtskräftige Ausweisung. Sollte er freikommen, wird der gebürtige Stuttgarter in die Türkei abgeschoben.

Roland Müller

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06.03.2018, 06:00 Uhr

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