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Mobilität

Kommt die Bahn, steigen die Mieten

Ein Anschluss an den Nahverkehr verändert Städte. Sie wachsen, die Kosten schießen in die Höhe. Zwei Beispiele aus der Region Stuttgart sind Remseck am Neckar und Kirchheim/Teck.

08.04.2017
  • UWE ROTH

Remseck. Unterschiedlicher können Städte kaum sein: Kirchheim unter Teck im Landkreis Esslingen ist über 1000 Jahre natürlich gewachsen, hat Flair und rund 40 000 Einwohner. Die etwa 25 Kilometer südöstlich von Stuttgart gelegene Stadt ruht in ihrer Mitte: Der historische Ortskern zieht seit jeher Touristen an. Das alte Rathaus gehört zu den schönsten Gebäuden im Fachwerkensemble. Ende 2009 kam der Anschluss ans S-Bahnnetz. Die S 1 bringt seither viele neue Menschen in Kirchheims Mitte.

Die Stadt Remseck im Landkreis Ludwigsburg ist erst dabei, ihre Mitte zu finden. Von Touristen spricht hier niemand. Auf dem Gelände des Rathauses, ein Zweckbau aus den 1970er Jahren, den sich die Verwaltung mit der Feuerwehr teilt und der zum Abriss vorgesehen ist, sind die Bäume gefällt. Dort entsteht in nächster Zeit, was man in der Nachbarschaft eines Rathauses erwartet: Läden, ein Café oder ein Ärztehaus. Aktuell gehört die Gegend dem Verkehr.

Remseck entstand mit der Gemeindereform 1975. Fünf, zum Teil weit auseinanderliegende Orte wurden zusammengefügt. Heute sind es sechs. Die Patchwork-Stadt liegt nun eingebettet zwischen Ludwigsburg, Winnenden und Bad Cannstatt im Stuttgarter Nordosten. Doch auch heute noch gilt: Wer in Remseck nach dem Weg in die Stadtmitte fragt, bekommt eine Gegenfrage: „Welche Mitte meinen Sie jetzt?“

Dass sich der Gemeinderat 40 Jahre nach der Reform auf eine Mitte für alle in Remseck einigen kann, hängt mit dem Stadtbahnanschluss zusammen. Die Endstation der U14 liegt in der Nachbarschaft des Rathauses – verbunden mit einer Fußgängerbrücke über den Neckar. 1999 wurde die Linie der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) nach 20-jähriger Planungszeit eröffnet. Seither ist man in einer halben Stunde am Stuttgarter Hauptbahnhof. Zuverlässig, denn die Bahn fährt durchgängig auf einer eigenen Trasse.

„Remseck hat sich seither gewaltig verändert“, sagt Karl-Heinz Balzer. Der Erste Bürgermeister ist Zeitzeuge, seit 1992 bei der Stadt. Auf seinem Schreibtisch stehen als Symbol der Zeitenwende zwei Stadtbahnmodelle. „Die neueste Baureihe ist ein Geschenk des SSB-Vorstands zu meinem 60. Geburtstag“, sagt er nicht ohne Stolz. „Wir haben damals lange um den Anschluss gekämpft“, erinnert er sich. Die Stadt habe sich mit über elf Millionen Euro an den Kosten der Stadtbahnverlängerung beteiligt und zeitgleich Stadtbuslinien eingerichtet. Die bringen Fahrgäste aus allen Ortsteilen an die Endhaltestelle der Stadtbahn.

Der Landeshauptstadt nah

Die Investition hat sich ausgezahlt: Fast 5000 Personen sind heute täglich zwischen der letzten Haltestelle auf Stuttgarter Gemarkung, Mühlhausen, und Remseck unterwegs. Als 1999 die letzten Busse diese Route befuhren, waren es gerademal 600 Fahrgäste. In 16 Jahren stieg die Bevölkerung von knapp 20 000 auf aktuell 26 000 Einwohner. Das Wachstum wird befördert durch eine große Fläche, die die US-Armee 1993 freigemacht hat und die bis heute stark verdichtet mit Wohnungen bebaut wird. Die Bewohner von „Pattonville“ haben die Wahl zwischen Stadtbus und Stadtbahn oder Bus und S-Bahnanschluss in Kornwestheim. Vor allem junge Familien fühlen sich so der Landeshauptstadt nah.

Eine direkte Verbindung nach Stuttgart oder Ludwigsburg ist ihnen wichtig, weiß der Bürgermeister. Remseck selbst hat wenig zu bieten – außer schöner wohnen. Denn eines ist auch festzustellen: Der Stadtbahnanschluss hat dem Einzelhandel in der Stadt zu keiner Blüte verholfen. Es gibt ihn nicht. Was die neue Mitte bringt, wird sich zeigen. Die Gewerbeflächen sind überschaubar. „Die Stadt lebt von der Einkommensteuer“, bestätigt Balzer. Die reicht für moderne Schulzentren und Kita-Angebote. Remseck ist eine Schul- und in manchen Ortsteilen recht teuer gewordene Schlafstadt. In Neubauten werden für den Quadratmeter bis zu elf Euro Kaltmiete bezahlt. Remseck befindet sich unter den 20 teuersten Städten Deutschlands.

In Remseck kennt der Strom der Stadtbahnpendler nur eine Richtung: morgens nach Stuttgart – abends zurück. „Bei uns in Kirchheim ist die Situation eine andere“, sagt dagegen Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker (SPD). Seit dem S-Bahnanschluss vor acht Jahren habe sich die Zahl der Fahrgäste, die täglich über den Schienenverkehr nach Stuttgart fahren, von einstmals unter 3000 Personen mehr als verfünffacht, teilt sie mit.

Die Zahlen belegten aber auch, dass die Fahrgäste verstärkt aus der Region Stuttgart nach Kirchheim unter Teck einreisten. Demnach sind 2011 rund 9700 Einpendler gezählt worden, im Jahr 2015 etwa 11 900. Arbeitsplätze sind entstanden. „32 Jahre für den S-Bahnanschluss zu kämpfen, hat sich gelohnt“, sagt die Rathauschefin heute. Auch der Einzelhandel habe profitiert. „Wir haben viele kleine Läden. Auf engstem Raum bekommt man alles.“ Ihr seien sogar schon Besucher aus München begegnet, die eigens zum Shoppen in die Stadt gekommen seien.

So unterschiedlich sie sein mögen, einen Trend teilen sich Kirchheim und Remseck: „Kirchheim ist teuer geworden. Die Mieten sind explodiert – wie überall in der Region.“ Daher sei ihre oberste Aufgabe, neuen Wohnraum zu schaffen, sagt Matt-Heidecker. Denn die Nachfrage ist vorhanden. Die beste Werbung kommt schließlich von der S-Bahn, wenn am Stuttgarter Hauptbahnhof die Ansage ertönt: „S 1 nach Kirchheim fährt ein.“

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08.04.2017, 06:00 Uhr

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