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Klassenübergreifender Klassikerkult: Schiller-Feiern 1905

Konfekt für die Jungfrau

REUTLINGEN. „Allenthalben in deutschen Landen wurde in diesen Tagen die Wiederkehr der Stunde gefeiert, in der vor 100 Jahren einer der größten Geister aller Zeiten dahinging.“ Solch salbungsvolle Worte bildeten 1905, vor nun wiederum 100 Jahren, den Beginn einer Festrede. Gehalten wurde sie vom Direktor des Reutlinger Technikums, Prof. Otto Johannsen, Gegenstand seiner Verehrung: Friedrich Schiller.

10.05.2005
  • Harald Kronberger, Stadtarchiv Reutlingen

In dem im Stadtarchiv erhaltenen mehrseitigen Redemanuskript ist weiter zu lesen: „Die wahre Größe zeigt sich an dem Maßstabe, mit dem die erkennende Nachwelt mißt.“ Mit seiner Bewunderung für einen der „edelsten und vorbildlichsten Menschen“ stand der Direktor nicht allein – nicht im wilhelminischen Kaiserreich, schon gar nicht im württembergischen Königreich, woher der am 9. Mai 1805 verstorbene Dichterfürst stammte.

Auch in der Region Reutlingen entfaltete sich 1905 die Schillerbegeisterung in unzähligen Aktivitäten und Festivitäten, deren Kennzeichen keineswegs immer genialische Originalität war. So vermeldete die hiesige Tagespresse aus Anlass des 100. Todestages die „Pflanzung“ und für Pfullingen die „Widmung“ einer „Schillerlinde“, für Eningen dagegen die Pflanzung einer „Schillereiche“.

Am 9. Mai 1905 selbst traten in den Reutlinger Schulen „auf Anordnung der Oberschulbehörde besondere Schillerfeiern an Stelle des gewöhnlichen Unterrichts“. Schon im Vorfeld dieses Tages hatte es unter der Achalm mächtig geschillert: Im Saale des Gasthofs zum Falken (Katharinenstraße 8) fand am 4. Mai eine öffentliche Schiller-Feier des Liederkranzes statt. Und der Oratorien-Verein veranstaltete bereits am 1. Mai eine Feier; zum Vortrag kam unter anderem eine Vertonung vom „Lied von der Glocke“. Mit Rücksicht auf die am Maiwochenende „in Aussicht genommenen Schillerfeiern“ hatte im übrigen die Reutlinger Arbeiterschaft ihre Maifeier 1905 auf den 30. April vorverlegt.

Bei so viel hehrer, sogar Klassenschranken sprengenden Begeisterung verstand es sich von selbst, dass auch die Stadt nicht zurückstehen wollte. Im März 1905 genehmigte der Gemeinderat außerordentliche Ausgaben in Höhe von 1600 Mark. Die Summe war mehr als ein zehnfaches dessen, was in Reutlingen alljährlich „für die Feier des Geburtsfestes der Königlichen Majestät“, also Wilhelms II. von Württemberg, im geschmückten Rathaussaal aufgewendet wurde. Auch dass die Schiller-Gesamtausgaben am Ende schließlich deutlich über 1800 Reichsmark betragen sollten, hat keine erhitzte Ratsdebatte ausgelöst.

Die „städtische Hauptfeier“ im bunten Reigen der Reutlinger

„Schillerfeiern“ fand am 9. Mai, 17 Uhr, auf dem Marktplatz statt. Ein halbe Stunde zuvor hatten sich die Ratsmitglieder (“bürgerlichen Kollegien“) am Karlsplatz eingefunden und waren „unter Vorantritt der Stadtmusik“ durch die Wilhelmstraße zum Marktplatz gezogen. Dort stand vor dem damaligen – im Zweiten Weltkrieg zerstörten – Rathaus eine „prächtige“ Bühne, die eigens aus diesem Anlass errichtet worden und mit Lorbeerbäumen, -kränzen und Rosenbuketts geschmückt war. Auf diesem Podium nahmen die Stadtkapelle sowie eine aus allen hiesigen Gesangvereinen zusammengesetzte Sängerschar Platz.

Was folgte, war die Bemühung, dem großen Klassiker gerecht zu werden, der in seinem „Festgesang an die Künstler“ gefordert hatte: „Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben. Bewahret sie! Sie sinkt mit euch! Mit euch wird sie sich heben!“ Dieser Festgesang wurde in Liedform und zusammen mit weiteren Musikstücken vorgetragen. Laut Tagespresse muss dabei die „Masse ausgezeichneter Stimmen auf dem weiten Platz von einer mächtigen, unbeschreiblich großartigen Wirkung“ gewesen sein.

Nach einer Begrüßung durch Oberbürgermeister Hepp ergriff Gymnasialprofessor Strölin das Wort und hielt eine Festrede (“Hochansehnliche Festversammlung! Andächtige Schillergemeinde!“), deren intellektueller Tiefgang in Zeiten vor Erfindung des Mikrofons mit Sicherheit nur die ersten Reihen der dicht gedrängten, vielhundertköpfigen Zuschauermenge erreichte. Den Abschluss der städtischen Feierlichkeiten bildeten nächtliches Höhenfeuer sowie bengalisches Feuerwerk auf dem Gipfel der Achalm, das entsprechende Illuminationen auf den umliegenden Anhöhen wirkungsvoll ergänzte.

Mit einer kleinen Ausstellung erinnert das Stadtarchiv bis Ende August (Öffnungszeiten der Rathauseingangshalle) an die Reutlinger Schillerfeiern vor 100 Jahren, die Ausdruck eines überschäumenden Schillerkults waren und ein herausragendes Ereignis im Kulturleben der Achalmstadt darstellten. Zu sehen sind Fotos der Veranstaltung auf dem Marktplatz, das im Amtsblatt abgedruckte Programm (“Es wird gebeten, während der Vorträge völlige Ruhe zu bewahren“), aber auch Rechnungsbelege für einen Ausflug auf den Lichtenstein inklusive Bewirtung Aufschnitt und Brot, Salat und Eier, Kaffee und Konfekt), mit dem die Stadt das Laienensemble belohnte, das sich an vier Abenden unter Anleitung von Volksschullehrer Weit im Saal der Bundeshalle mit „prächtigen Kostümen und Dekorationen“ um die Aufführung der „Jungfrau von Orleans“ verdient gemacht hatte.

Konfekt für die Jungfrau
Die Haupt-Schillerfeier vor dem Reutlinger Rathaus wurde 1905 zur Massenveranstaltung.

Konfekt für die Jungfrau
Die Theateraufführung der „Jungfrau von Orleans“ durch ein Ensemble Reutlinger Lehrer wurde im Amtsblatt angezeigt.

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10.05.2005, 12:00 Uhr

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