Horb · Landtagswahl-Kandidatur

Konstruktive Ungeduld

Viviana Weschenmoser tritt für die SPD im Wahlkreis Freudenstadt an. Sie ist noch jung an Jahren, hat aber in kommunalen Gremien schon einige politische Schlachten geschlagen.

22.01.2021

Von Manuel Fuchs

Wer die Kommunalpolitik in Horb und im Landkreis Freudenstadt auch nur mit einem halben Auge verfolgt, dem ist Viviana Weschenmoser ein Begriff. Die 33-Jährige hat in Tübingen Rechtswissenschaften studiert, war Vorsitzende des hiesigen SPD-Ortsvereins, steht dem Kreisverband vor, ist seit 2014 für die SPD im Horber Gemeinderat präsent und seit 2019 im Kreistag.

2021 kandidiert sie für den Landtag. „Die Mission ist, die Welt jeden Tag ein Stück besser zu machen“, erklärt sie. Allzu oft verharre man in Unzufriedenheit, beschwere sich über Missstände, unternehme aber nichts. „Ich habe irgendwann mal gelernt, mich dafür zu begeistern, politische Entscheidungen mitzugestalten.“ Das habe bei Jugendbeteiligungsprojekten wie der Schüler-Mitverwaltung und dem Mini-Rock-Verein begonnen und sich weiterentwickelt. Das Bemühen, dies künftig auf Landesebene zu tun, ist logisch. Sie selbst beschreibt sich als „wahnsinnig ungeduldig“, deshalb habe sie sich für die Politik entschieden. Die Ungeduld möchte sie nutzen, um Projekte voranzutreiben, die im ländlichen Raum Baden-Württembergs wichtig seien.

Medizin und Pflege

Ein großes Projekt ist die medizinische Versorgung im ländlichen Raum. Wohnortnahe Pflege werde immer schwieriger, Hausarztpraxen schließen ohne Nachfolger, und die einst romantisch verklärte Landarztpraxis ist unter Medizinern kaum mehr beliebt.

„Die Menschen wollen aber immer noch in ihrem Flecken alt werden“, glaubt Weschenmoser. „Es hängt ja alles mit allem zusammen.“ Seniorengerechte Wohnangebote könnten dazu führen, dass andere Wohnflächen wieder freiwerden, die Ortschaften nicht immer weiter Neubaugebiete ausweisen und dafür Flächen versiegeln müssten.

Der Ansatz der Landesregierung, um den Ärztemangel im ländlichen Raum in den Griff zu kriegen, geht nach Weschenmosers Einschätzung „völlig an der Realität vorbei“: Wer sich verpflichtet, nach seinem Studium für zehn Jahre als Landarzt zu arbeiten, soll einen Studienplatz bekommen, ohne dass seine Abiturnote eine Rolle spielt. Zum einen fange diese Idee erst in etwa 14 Jahren an, das Problem zu lösen. Zum anderen wisse doch kaum ein Abiturient, was er in zehn Jahren machen möchte.

Den ländlichen Raum als Lebensort auszubauen ist nach Weschenmosers Einschätzung eine geeignetere Lösung. „Wir sollen uns mit der Frage beschäftigen, wie wir Medizin aus dem Schmuddeleck ‚Wirtschaft‘ und ‚Schwarze Null‘ rausbringen“. Deshalb sei es auch richtig, am Landkreis als Träger der Krankenhäuser Landkreis Freudenstadt GmbH festzuhalten. Das Ärztehaus in Baiersbronn nennt sie als weiteres gutes Beispiel. Dort arbeiten Ärzte als Angestellte, was für viele attraktiver ist als die kostenintensive und risikobehaftete Übernahme einer Einzelpraxis.

Miteinander von Jung und Alt

Mit der Frage nach Gesundheit und Pflege eng verknüpft ist der demografische Wandel, „das Miteinander von Jung und Alt“, wie Weschenmoser es nennt. Der Altersschnitt der Bevölkerung steigt auf dem Land schneller als in Städten. „Man sieht’s doch am Bedarf und am Bau von Altersgerechtem Wohnen – grade im Vergleich zu Jugendhäusern“, sagt sie, um eilig zu ergänzen: „Das ist jetzt erst mal nicht Schlimmes.“ Horb habe sie früher oft als langweilig wahrgenommen, sie spricht von „Dürrephasen des Entertainments“, doch auch für älter werdende Menschen gebe es immer weniger spezifische Angebote.

Weschenmoser schwebt ein landesweites Programm für eine älter werdende Gesellschaft im ländlichen Raum vor, das junge Familien nicht aus den Augen verliert. Hier sei Diversität kein Selbstzweck, sondern wirke sich auf die Kaufkraft aus. Der Erfolg, „hängt auch davon ab, was wir an Angeboten hier schaffen“. Es gebe zwar vielfältige Fördermöglichkeiten, aber der Weg dorthin sei bürokratisch überladen, erklärt Weschenmoser. Die verfügbaren Mittel würden oft nicht beantragt und daher auch nicht eingesetzt.

In den landesweiten Ansatz „gehört auch der ÖPNV rein“, betont die SPD-Kandidatin. Horber Jugendliche lernten heute schnell, dass Busse und Bahnen hier – anders als in Ballungsräumen – häufig keine nützliche Option seien. So verankere sich das „In der Stadt ist es besser“-Denken nachhaltig, was den ländlichen Raum ideell schwäche. Einen konkreten Nachteil sieht sie im „Kleinklein der Tarifverbünde“, das die Verkehrswende zusätzlich erschwere.

Bildungs- und Klimapolitik

Großen Nachholbedarf erkennt Weschenmoser auch in der Bildungspolitik. „Das Problem der Digitalisierung hat ja nicht erst mit Corona begonnen“, schon lange hinkten die Schulen in puncto Ausrüstung und Weiterbildung des Lehrpersonals der Entwicklung hinterher. „Macherinnen und Macher von morgen können nicht in den Schulen von gestern lernen“, formuliert sie kernig und liefert zur Verdeutlichung eine Anekdote aus ihrer Schulzeit: „Ich erinnere mich an den Fernseher auf Rollen. Der Lehrer, dem damals ein Schüler helfen musste, den Videorekorder einzustöpseln, soll jetzt Digitalunterricht machen.“

Bei allem Fokus auf die Region behält Weschenmoser globale Probleme im Blick: Um dem Klimawandel entgegenzuwirken, müssen „wir unsere wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturen neu denken, damit alle bereit sind, da mitzumachen“, sagt sie. Das werde unstrittig „unbequem für uns alle“ und sollte in der politischen Kultur vorgelebt werden. Das bedeute, die Auswirkungen jeder Entscheidung auf das Klima mitzudenken: „Wenn man sich dazu bekennt, dass wir mehr Wohnraum brauchen – okay. Aber dann bitte energieeffizient bauen.“

Worauf sie bei der Landtagswahl hofft? „Ziel der SPD ist natürlich, zu regieren. Das sind demokratische Wahlen, da geht es am Ende darum, mitentscheiden zu können.“ Das baden-württembergische Ein-Stimmen-Wahlrecht bezeichnet sie als „äußerst antiquiert“. Es bringe vor allem Frauen „in eine ganz miese Situation“, weil es Machtstrukturen fördere: „Wer im Sattel sitzt, ist im Vorteil.“ Noch ein Punkt, an dem die Welt ein Stück besser werden kann.

12 Fragen an Viviana Weschenmoser

Welches Buch liegt auf Ihrem Nachttisch?

„Nie wegsehen – Vom Mut, menschlich zu bleiben“ (Harald Roth) und „Zieht euch warm an, es wird heiß!“ (Sven Plöger).

Welche Musik, Podcasts oder Hörbücher hören Sie unterwegs?

Am liebsten lebensbejahende Musik aus den Kategorien Rock, Hip Hop und R’n’B. Bei Fachbüchern höre ich gerne bei Blinkist rein, und Podcasts laufen vor allen in den Bereichen Politik und Gesellschaft.

Wer ist Ihr politisches Vorbild?

Erhard Eppler mit seiner vorausschauenden Umwelt- und Entwicklungspolitik, Willy Brandt in Bezug auf seine Friedens- und Entspannungspolitik, und meine Oma Hilde, eine der ersten Gewerkschafterinnen im Südschwarzwald, die für Frauenrechte gekämpft hat.

Welches Getränk macht gute Laune?

Tee (außer Rooibusch), Spezi und wenn’s passt eine Weißweinschorle.

Wie entspannen Sie sich am liebsten?

Ich koche und backe sehr gerne, dabei kann ich abschalten und meinen Gedanken nachhängen.

Wo auf der Welt
– außerhalb des Landkreises Freudenstadt– gefällt es Ihnen besonders gut?

Meine Wurzeln liegen in Süditalien, wo ich mich ebenso zuhause fühle wie in unserem wunderschönen Schwarzwald.

Was ist Ihr wichtigster persönlicher Wunsch für sich selbst?

Ich möchte mein Zeitmanagement optimieren, damit ich mehr Zeit für meine Familie und Freunde habe.

Was wünschen Sie dem Landkreis?

Vielfältige und flächendeckende medizinische Versorgung, ebenso wie wohnortnahe Pflegemöglichkeiten. Mehr Beteiligungsmöglichkeiten, Eventoptionen und ein ausgebautes ÖPNV-Netz für junge Menschen. Und eine intakte Umwelt- und Natur.

Welche Fähigkeit hat Ihnen im zurückliegenden Jahr besonders geholfen?

Kommunizieren, Netzwerke knüpfen und Projekte gestalten fällt mir leicht, egal ob analog oder digital.

Was möchten Sie noch dazulernen

– außerhalb der
Politik?

Ich spreche gerne, deswegen möchte ich Spanisch lernen. Englisch, Italienisch und Französisch sind bereits im Repertoire.

Woran erkennen Sie, dass eine Diskussion nicht weiter lohnt?

Wenn die Argumente sich im Kreis drehen. Oder schlimmer noch: Wenn es keine Argumente mehr gibt und eine persönliche Ebene erreicht wird. Mein Motto lautet: Kompromisse suchen, statt spalten.

Würden Sie lieber in die Vergangenheit reisen oder in die Zukunft– und warum?

Aus der Vergangenheit lerne ich und die Zukunft gestalte ich mit. Aber leben tu ich im Hier und Jetzt.

Parteiämter und Gremien:

Seit 2013 stellvertretende Vorsitzende des Juso-Kreisverbands FDS

2013–2018 Vorsitzende des SPD-Ortsvereins Horb

Seit 2014 Mitglied des Stadtrats Horb und stellvertretende Vorsitzende der SPD-Fraktion

Seit 2015 Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF) in Freudenstadt und Beisitzerin im ASF-Landesvorstand

2016–2020 Besitzerin im SPD-Landesvorstand

Seit 2018 Mitglied im Vorstand des Landesfrauenrats BW

Seit 2018 Vorsitzende des SPD-Kreisverbands Freudenstadt

Weitere Mitgliedschaften und Beteiligungen (alphabetisch):

AWO Ortsverband Horb (Beisitzerin)

Deutscher Mieterbund Landkreis Freudenstadt e. V. (Beisitzerin)

Bündnis gegen Rechtsextremismus, für Toleranz und Vielfalt im Kreis Freudenstadt

Europa Union e. V.

Forum Demokratische Linke 21 e. V.

FK Asyl Horb (Mitbegründerin)

Freundeskreis Nationalpark e. V.

Haus der Jugend Marmorwerk e. V. (Vorsitzende)

Mini-Rock-Festival Horb am Neckar e. V.

Narrenzunft Horb e. V.

SJD – Die Falken

Tierschutzverein Horb e. V

Ver.di

Weihnachten Schenken Horb

WeltbürgerInnen Horb

Vorstellungen der Landtagskandidaten des Wahlkreises Freudenstadt in der NECKAR-CHRONIK: Viviana Weschenmoser (SPD)Winfried Asprion (Grüne)Dr. Timm Kern (FDP)Katrin Schindele (CDU)Dr. Uwe Hellstern (AfD)Niko Kulisch (Die Linke)

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Erstellt:
22. Januar 2021, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
22. Januar 2021, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 22. Januar 2021, 01:00 Uhr

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