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Ein Gewinn für beide Seiten

Kosovarinnen erarbeiten sich eine Perspektive in der Altenpflege

Der Kosovo ist das ärmste Land auf dem Balkan. Über 60 Prozent der jungen Leute sind arbeitslos. Besjana Radoniqi und Ardita Dedushi wollten nicht ohne Perspektive leben. Sie entschieden sich, über ein Modellprojekt der Diakonie legal nach Deutschland zu kommen. Nun absolvieren sie in Tübingen eine Ausbildung in der Altenpflege.

20.11.2015
  • Ute Kaiser

Tübingen. „Wir sind keine Flüchtlinge, wir sind legal und mit Vertrag hier“, sagt Ardita Dedushi. Das ist der 25-jährigen Altenpflege-Schülerin am Luise-Wetzel-Stift aus zwei Gründen wichtig. Sie hört viel Radio, um ihre Deutschkenntnisse zu verbessern, und verfolgt die aktuellen politischen Debatten. Die pharmazeutisch-technische Assistentin und ehemalige Dramaturgie-Studentin weiß aber auch aus eigener Erfahrung, wie frustrierend es ist, nach immer neuen befristeten Arbeitsverhältnissen ohne soziale Absicherung dazustehen.

Besjana Radoniqi sah für sich nach der Mittelschule im Kosovo keine Chance auf eine verlässliche berufliche Perspektive. Auf Rat ihrer Familien bewarben sich die beiden jungen Frauen für das Projekt der Diakonie (siehe Info). In der Hauptstadt Priština besuchten sie einen siebenmonatigen Sprachkurs. Im Juni machten sie ein zehntägiges Praktikum im Luise-Wetzel-Stift. Danach entschieden sie sich, „in Tübingen von null und ohne Familie anzufangen“, sagt Ardita Dedushi aus Lipjan bei Priština. Das sei nicht einfach, aber „wir haben unsere Familie im Herzen“, so die 25-Jährige. Besjana Radoniqi, die aus der 40 000-Einwohner-Stadt Gjakova zwei Stunden entfernt von Priština stammt, war beim Deutschkurs erstmals ohne ihre Familie. Die 19-Jährige vermisst sie sehr. Kontakt mit der Heimat halten die Schülerinnen über Internet und Handy.

Heike Zinser, die Hausdirektorin des Luise-Wetzel-Stifts, hatte schon beim Praktikum im Juni einen „sehr guten Eindruck“ von Besjana Radoniqi und Ardita Dedushi: „Sie waren sehr motiviert und sehr offen.“ Beide haben eine eigene Mitarbeiterwohnung im Luise-Wetzel-Stift. Damit sie sich dort wohlfühlen, hat Zinser sie mit Möbeln, Geschirr und Besteck ausgestattet. Sie ist Ansprechpartnerin für die Kosovarinnen. Außerdem steht ihnen ein Mentor zur Seite. Hans Kleine begleitete sie beispielsweise zur Anmeldung, zur Krankenkasse und half bei der Eröffnung eines Kontos.

„Die Bewohner sind lieb und die Mitarbeiter freundlich“, sagt Ardita Dedushi über erste Erfahrungen. Sie sei bisher von niemandem abgelehnt worden. Beide sind seit Ende September im Land. Die Ausbildung begann am 1. Oktober. Noch ein bisschen schwer tun sich die Auszubildenden mit der Sprache, speziell mit dem Schwäbischen.

Die praktische Ausbildung bekommen die jungen Frauen im Luise-Wetzel-Stift, die theoretische im Diakonischen Institut für Soziale Berufe im Mühlenviertel. Der Blockunterricht fordert sie sehr. Besjana Radoniqi nennt als Stichworte Pflege, Rechtskunde, Krankheitslehre, Anatomie und Religion.

Mit Psychologie und Einfühlungsvermögen

„Religion und Psychologie sind wichtig“, findet Ardita Dedushi, „wir sollen die Bewohner nicht nur körperlich pflegen, wir lernen auch, uns in sie hineinzuversetzen.“ Damit kennt sich die ehemalige TV-Mitarbeiterin, die schon Film-Drehbücher und Skripte fürs Theater verfasst hat und dichtet, aus. „Alles, was sie fühlt, schreibt sie auf“, sagt Besjana Radoniqi über ihre Kollegin.

Die beiden Altenpflege-Schülerinnen müssen noch viele (Fach-)Begriffe im Wörterbuch nachschlagen und sich eine Menge an Wissen erarbeiten. Das tun sie gemeinsam nach der Schule. Deshalb hatten beide bisher kaum Zeit, sich in Tübingen umzusehen. Ihr erster Eindruck, es sei „eine schöne Stadt, ähnlich wie Prizren“, so Ardita Dedushi.

Das Luise-Wetzel-Stift gehört zu den größeren Altenpflege-Einrichtungen in Tübingen. 120 Bewohner/innen leben im Pflegeheim. Außerdem gibt es 84 Appartements für betreutes Wohnen. Dedushi und Radoniqi haben den selben Arbeitsvertrag wie alle Altenpflege-Schülerinnen im Haus. Im ersten Jahr verdienen sie monatlich gut 900, im dritten knapp 1200 Euro.

Nach der Ausbildung können sie entscheiden, ob sie in Deutschland bleiben oder in ihr Heimatland zurückkehren wollen. Der Kosovo leidet noch immer unter den Folgen des Kriegs 1998/99, und es gibt nur ein Altenheim in der Hauptstadt. „Hier“, sagt Ardita Dedushi zu ihren Perspektiven in Deutschland, „gibt es auch die Möglichkeit, dass wir uns weiterbilden.“

Kosovarinnen erarbeiten sich eine Perspektive in der Altenpflege
In ihrer Heimat Kosovo haben die 19-jährige Besjana Radoniqi (links) und die 25-jährige Ardita Dedushi keine Chance, einen sicheren Arbeitsplatz zu finden. Deshalb haben sie dort zunächst Deutsch gelernt und machen jetzt im Tübinger Luise-Wetzel-Stift eine dreijährige Ausbildung in Altenpflege – mit Bleibeperspektive. Bild: Metz

Das Modellprojekt der Diakonie in Württemberg bietet 27 jungen Leuten aus dem Kosovo eine Ausbildung in der Altenpflege. Heike Zinser, Hausdirektorin im Tübinger Luise-Wetzel-Stift, sieht darin „einen guten Weg, um beiden Seiten zu helfen“. Lern- und arbeitswillige junge Menschen, so die Diakonie, würden unterstützt, „ihre Gaben zu nutzen und ihr Leben gestalten zu können“. Gleichzeitig helfe das Projekt, den Bedarf an Fachkräften zu sichern. Die Diakonie hatte sich dafür entschieden, nachdem sich wegen des Mangels neue Möglichkeiten legaler Einwanderung auch für Auszubildende ergaben.

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20.11.2015, 12:00 Uhr

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