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Geld soll keinen ausschließen

Kosten von Klassenfahrten sorgen für Diskussionen

Klassen- oder Studienfahrten bringen viele Familien nicht nur in finanzielle Nöte. Um Hilfe zu bitten – das wird alsbeschämend empfunden. Wir hakten bei Schulen nach.

12.10.2010
  • Ute Kaiser

Kreis Tübingen. Das katholische St. Meinrad-Gymnasium in Rottenburg hat „ausführlich über die Kostenfrage diskutiert“, sagt Schulleiter Anton Hofmann. Allerdings sei es schwierig, unter 400 Euro zu bleiben, wenn man für Studienfahrten in der Oberstufe öffentliche Verkehrsmittel brauche – „ein Betrag, der nicht leicht zu stemmen ist“. Kostengünstige Fahrradtouren oder Wanderungen fanden nur Eltern gut. „Von den Schülern“, so seine Erfahrung, seien diese Vorschläge dagegen „nicht angenommen worden“.

Niemand soll aus finanziellen Gründen zu Hause bleiben. Dieser Satz ist so oder ähnlich von allen befragten Schulleitungen zu hören. Die Tübinger Werkrealschule Innenstadt und das Tübinger Wildermuth-Gymnasium haben viel Mühe auf ihre Informationsbriefe zu Klassenfahrten verwandt. Eltern können detailliert nachlesen, an welchen Stellen es welche Unterstützung gibt (siehe Kasten). „Wir wollen, dass es bei niemandem an den Finanzen scheitert“, so Martin Ulrich Merkle, Lehrer und Zweiter Vorsitzender des Wildermuth-Fördervereins.

Bei der „Aktion Sahnehäubchen“ wird die Nachfrage nach finanzieller Unterstützung von schulischen Fahrten seit zwei Jahren immer größer, wie Heike Schmid sagt. Die Aktion unterstützt Kinder und Jugendliche „aus finanziell und sozial schwachen Familien“ bei Sport und Bildungsangeboten. In einem Brief an Schulleitungen im Kreis bat das Kuratorium jüngst, bei Klassenfahrten und Studienreisen umzudenken – auch was die Ansprüche angeht, damit niemand ausgeschlossen wird.

Auch 100 Euro können zu viel sein

Die Rudolf-Leski-Schule in Tübingen, eine Schule für Erziehungshilfe, achtet sehr auf die Kosten. Eine fünftägige Fahrt ins Allgäu oder an den Bodensee mit Sozialtraining, Erlebnispädagogik und Selbstversorgung kostet um die 100 Euro. Die Erfahrung zeige, so Schulleiter Albrecht Müller, „dass auch das oft zu hoch ist“. Die Eltern können sich an die Schulleitung wenden. Die legt Wert darauf, dass die Familien einen Eigenanteil von 50 Prozent tragen, „um zu zeigen, dass es ihnen wichtig ist“. Die Neuntklässler, die nach London fahren wollen, erarbeiten einen Großteil der Fahrtkosten selbst – etwa auf dem Weihnachtsmarkt.

Die Werkrealschule Innenstadt (WSI) plant keine Fahrten ins Ausland, sagt Schulleiter Fritz Sperth. Pädagogische Ziele wie „als Gruppe zusammenzufinden und neue Erfahrungen zu machen“, etwa beim Besuch eines Museums, ließen sich auch beim Zelten auf der Alb erreichen. Die WSi hilft Schülern und Eltern, die öffentlichen Zuschussmöglichkeiten zu nutzen. In machen Fällen müssen individuelle Lösungen gefunden werden. Wer älter als 14 Jahre ist, kann über das Projekt „Bezahlte Arbeit“ einen Eigenanteil beisteuern – etwa gegen einen vereinbarten Betrag mit dem Hausmeister einen Flur im Schulhaus streichen. Achte Klassen verdienen gerade durch den Verkauf von gesundem Pausenfrühstück Geld für ihre Reise. Die Obergrenze für die Abschlussfahrt liegt an der WSI bei 250 Euro.

Kosten von 250 bis 300 Euro für eine fünftägige Klassenfahrt (ohne Taschengeld und eventuell notwendigen Anschaffungen) kommen nach unseren Recherchen vor allem an Gymnasien vor. Das sei ein Betrag, „den viele Familien – auch mit durchschnittlichem Einkommen – derzeit nicht mehr selbstverständlich ausgeben können“, mahnt die „Aktion Sahnehäubchen“. Um Hilfe zu bitten, empfänden Kinder und Eltern „als beschämend“. Und sie sorgen sich, dass es öffentlich werden könnte: „In der Regel sind gerade diese Familien sehr darauf bedacht, nach außen nicht aufzufallen.“

„Wir finden individuelle Lösungen“, sagt Ute Leube-Dürr, die Schulleiterin des Uhland-Gymnasiums. Die Kosten für den Schüleraustausch mit Frankreich, das Schullandheim oder die Studienfahrt in der Kursstufe liegen zwischen 150 und unter 300 Euro pro Schüler/in. Der Förderverein leiste unbürokratisch finanzielle Unterstützung. Um sie zu beantragen, „muss sich niemand entblößen“, so Leube-Dürr.

Von Jobcenter bis Förderverein: Wo es Unterstützung gibt

Bei Beziehern von Arbeitslosengeld II oder Sozialhilfe werden die Kosten von mehrtägigen Klassenfahrten von Jobcenter oder Sozialamt voll übernommen. Wie viele Anträge gestellt werden, weiß Horst Bokma, der Leiter des Tübinger Jobcenters, nicht. Es führt keine Statistik. Tübinger Familien, die eine Bonus-Card haben, bekommen 8 Euro pro Tag Zuschuss zur Klassenfahrt. Die Stadt zahlte im vergangenen Jahr rund 2600 Euro aus. Es gingen 66 Anträge ein. In diesem Jahr beantragten bis 30. September 49 Berechtigte Zuschüsse. Sie beliefen sich auf rund 1800 Euro, sagt Heinrich Kallenberg von der Abteilung Schule und Sport. Auch die „Aktion Sahnehäubchen“ fördert Klassenfahrten. Sie ist unter Telefon 0 70 71 / 7 96 20 zu erreichen. Unterstützung leisten zudem die jeweiligen Schul- oder Fördervereine.

Kosten von Klassenfahrten sorgen für Diskussionen
Klassenfahrten, wie hier der 5d des Tübinger Wildermuth-Gymnasium im Mai auf Amrum, stärken die Gemeinschaft und ermöglichen andere Erfahrungen als im Schulalltag. Allerdings fällt die Finanzierung nicht allen Familien leicht. Je nach persönlicher Situation gibt es Unterstützung – vom Jobcenter bis hin zu Fördervereinen.Bild: Merkle

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12.10.2010, 12:00 Uhr

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