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Avira

Kostenloser Schutz im Internet-Krieg

Das Tettnanger Unternehmen ist mit seinem Gratis-Programm für IT-Sicherheit weltweit erfolgreich. Ausspähversuche werden künftig noch zunehmen, sagt Chef Travis Witteveen.

17.03.2018
  • THOMAS VEITINGER

Tettnang. Eigentlich ist das Gespräch schon vorbei. Da springt Travis Witteveen auf und holt sein Handy aus der Tasche. „Ich habe noch eine Präsentation“, sagt der Chef des Tettnanger Antiviren-Herstellers Avira. „Ich habe Google erlaubt, mich zwei Monate zu verfolgen. Dabei kam aber heraus, dass es mein Leben schon die vergangenen 15 Jahre protokolliert hat“, zeigt der in den USA geborene Niederländer auf den Smartphone-Bildschirm. „Danach war ich in 411 Restaurants, 112 Städten und 17 Ländern. Erlaubt habe ich das nie.“ Sogar die Namen der Restaurants seien aufgeführt.

Witteveen ist in seinem Element. „Es geht mir gar nicht so sehr um meine Privatsphäre. Da passe ich schon selbst auf und bin etwa nicht bei Facebook. Es geht darum, nicht manipuliert zu werden. Mein Fernseher übertrug ohne Streaming ungefragt 600 Megabyte Daten an koreanische Vermarktungsagenturen, Google und Pay-TV-Sender, die ich nicht abonniert habe. Das will ich nicht.“ Mit dem Internet der Dinge, das selbst Alltagsgegenstände wie Bohrmaschinen ans Internet anschließt, werde das Ausspähen künftig noch zunehmen. Und dadurch wachse die Gefahr von Viren-Attacken.

Das Unternehmen im Bodenseekreis kämpft gegen Schad-Programme, Erpresser-Software, Datenmissbrauch, -diebstahl und eben Ausspähung. Schon seit Ende der 80er-Jahre arbeiten die Tettnanger Experten an Sicherheitslösungen. „Virenfreie Zone Tettnang“ steht heute auf dem Titelblatt eines Firmenprospekts von Avira. Und wenig bescheiden darunter: „Das neue Domizil der IT-Sicherheitspioniere.“

Die 2012 gebaute Firmenzentrale ähnelt etwas einem geöffneten Schirm: dem Signet von Avira. Auf einem Google-Luftbild sind rote Sonnenschirme zu sehen und große Terrassen. Im Erdgeschoss ist ein Fitness-Studio eingebaut, das jedes Luxushotel neidisch machen dürfte. Es gibt auf die Stockwerke verteilte Strandkörbe, eine Küche zum Selbstkochen und eine online von Mitarbeitern gelobte Kantine. Selbst ein Physiotherapeut schaut vorbei. Der Wettbewerb um gute Mitarbeiter ist in der Software-Branche besonders hart, sagt Witteveen. „Wenn wir in Berlin wären, wäre die Konkurrenz wohl noch höher.“

Kein „War-Room“ wie in Fernsehfilmen mit großen Bildschirmen, blinkenden Lichtern und herumhastenden Menschen ist bei Avira zu sehen. Meist junge Männer sitzen dort im 1. Stock vor bis zu drei Bildschirmen in hohen Stühlen, die auch den Kopf abstützen. Von den weltweit mehr als 100 Mio. Anwendern werden bis zu 80 000 Dateien überprüft – täglich. „Das können wir nur maschinell bewältigen“, sagt der Direktor des Virenlabors Alexander Vukcevic. „Virenanalysten schreiben Abwehrmaßnahmen und pflegen sie mehrfach täglich in das Antiviren-Programm ein.“

Bei dem ewigen Kampf Hase gegen Igel liegen mal die Viren-Schreiber und mal die Antiviren-Schreiber vorne. „Gewinnen lässt sich der Kampf nie“, ist sich Vukcevic sicher. Erpresser-Programme, die Daten nur gegen Geld frei geben, sind für die Kriminellen attraktiv, sagt Witteveen. Ihnen gelte es immer einen Schritt voraus zu sein. „Always a step ahead“, heißt entsprechend ein Firmentmotto. In die Arbeit fießen auch Erfahrungen konkurrierender Antiviren-Hersteller aus aller Welt ein.

Das besondere an Avira: Das so aufwändig gepflegte Software ist kostenlos. Wer nichts zahlt, muss zwar ein täglich aufgehendes Werbefenster hinnehmen und bekommt keine telefonische und E-Mail-Unterstützung. Darüber hinaus fehlen Sicherheitsmodule für Online-Einkauf, Banking und E-Mails. Doch der Basis-Schutz ist derselbe wie für die Bezahl-Software.

450 Mitarbeiter

Mit diesem Geschäftsmodell ist Avira erfolgreich und schreibt schwarze Zahlen. Die 450 Mitarbeiter in Tettnang und in Büros in München, Rumänien und den USA werden in diesem Jahr 70 Mio. EUR Umsatz (Vorjahr 66 Mio. EUR) erzielen. „Dass wir unser Produkt gratis verteilen, macht uns bekannt, und wir erzielen einen großen Wissenspool durch die große Anzahl kostenloser Nutzer“, sagt Chef Witteveen. „Außerdem wird die IT-Welt sicherer.“

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17.03.2018, 06:00 Uhr

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