Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Christliche Arbeiterbauern

Kreisarchivar Wolfgang Sannwald über die politische Landschaft der Härten

Über die Zusammenhänge zwischen dörflicher Lebenswelt, Industrialisierung und Wahlverhalten der Härtenbewohner zu Beginn des 20. Jahrhunderts sprach Kreisarchivar Wolfgang Sannwald im Klosterhof vor 60 Zuhörern.

29.05.2008
  • Stefan Gokeler

Kusterdingen. Der Historiker und Landeskundler Sannwald bekannte zu Beginn seines Vortrags im Rahmen der Veranstaltungsreihe zur 900-Jahr-Feier Kusterdingens, dass die politische Landschaft der Härten für ihn einige Überraschungen bereitgehalten habe. So errang beispielsweise die Partei „Christlicher Volksdienst für Württemberg“ (CSV) bei den Reichstagswahlen 1930 in Kusterdingen mit einem Anteil von 30 Prozent die meisten Stimmen, während sie andernorts eine Randerscheinung blieb.

Weil es den Nationalsozialisten gelang, mit gezielt auf die ländlich-pietistische Anhängerschaft des CSV ausgerichteter Propaganda diese ab 1933 zu großen Teilen für sich zu gewinnen, blieb dieses spezielle Kusterdinger Wahlverhalten eine Episode.

Doch auch das Ergebnis der Wahl von 1933 lässt noch Besonderheiten erahnen: Mit 44 Prozent schnitt die NSDAP schwächer ab als im Durchschnitt der hiesigen ländlichen Arbeiterorte. Die SPD mit 25 Prozent bildete gemeinsam mit dem CSV (13 Prozent) und dem Bauern- und Weingärtnerbund (BWB), der noch 12 Prozent der Stimmen errang, ein laut Sannwald „atypisches Konglomerat“ als Widerpart der Nationalsozialisten.

Schon wenige Kilometer entfernt, in Wankheim und Immenhausen, fielen die Wahlergebnisse ganz anders aus. Für Sannwald drückt sich darin auch die jeweils vorherrschende Form des Broterwerbs aus. Während die Einwohner von Kusterdingen und Jettenburg dank räumlicher Nähe zu Kirchentellinsfurt und Reutlingen oder wie die Mähringer durch einen eigenen Bahnhof früh in der Industrie arbeiteten, blieben Wankheim, Immenhausen und auch Stockach sehr viel länger agrarisch geprägt, der BWB erzielte weitaus höhere Stimmenanteile.

Zum Glück nur sehr wenig Tanz

Doch die Industrie kam nicht auf die Härten, vielmehr mussten sich deren Bewohner Arbeitsplätze außerhalb suchen. So wurde Kusterdingen früh, was es heute noch ist: ein Wohnort für berufliche Auspendler. Eine Eigenheit der Härten zitierte Sannwald aus einer Beschreibung der örtlichen Verhältnisse aus der Zeit um 1900: „Bei jedem Haus“, heißt es dort, finde sich auch ein eigener Raum mit einem Webstuhl, „fast jeder ältere Mann“ verstehe sich aufs Weben, das ein verbreiteter Nebenerwerb war.

1935 gab es in jeder Kusterdinger Familie mindestens ein Familienmitglied, das zum Arbeiten „in die Fabrik“ ging. Zugleich war der landwirtschaftliche Kleinbetrieb ebenfalls noch die Regel und war im Bewusstsein der Menschen zumeist die Basis des Erwerbslebens. Während der ortsansässige Pfarrer über die sittlichen Begleiterscheinungen der Industrialisierung klagte, weil „ganze Tafeln Mädchen“ inzwischen das Wirtshaus besuchten, stellte er zufrieden fest, dass es zum Glück „sehr wenig Tanz“ in Kusterdingen gebe. Auch der Marxismus habe im Dorf „nur leichte Wellen geschlagen“, berichtete er 1935.

Eigenartiges stellte Sannwald bei der politischen Meinungsbildung der „Arbeiterbauern“ aus Kusterdingen fest: „Nach außen hin“, also bei Reichstagswahlen, erzielten die Arbeiterparteien SPD und KPD in der Weimarer Zeit auch auf den Härten respektable Ergebnisse, im dörflichen Innenleben hingegen existierten – ganz anders als etwa im Steinlachtal – keine typischen Organisationsformen wie Arbeitervereine. Die konservativen Strukturen des ländlichen Lebens blieben lange erhalten.

Spuren engagierter Linker fand der Kreisarchivar trotzdem: So wurden zwei Kusterdinger für mehrere Monate im „Umerziehungslager“ auf dem Heuberg interniert, nach der Gleichschaltung der gesellschaftlichen Gruppen durch die Nazis tauschte die Freiwillige Feuerwehr vier Zugführer aus. Was zum überragenden Wahlerfolg des CSV in Kusterdingen geführt hat, vermochte auch Sannwald nicht zu erklären. Er vermutet aber, dass die Evangelisation des Pietisten Eugen Zimmermann aus Korntal Anfang des 20. Jahrhunderts mit der Gründung von Hauskreisen in Kusterdingen besonders erfolgreich verlaufen sei.

Kreisarchivar Wolfgang Sannwald über die politische Landschaft der Härten
Der Kusterdinger Radfahrverein, auf dem Foto im Mai 1923 vor der Kolonialwarenhandlung im Haus Knoblich in der Kirchentellinsfurter Straße, existiert heute nicht mehr. Andere typische Arbeitervereine gab es trotz vergleichsweise früher Industrialisierung auf den Härten, anders als im Steinlachtal, nicht.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

29.05.2008, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball