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Routen und Räder: Ministerpräsident Kretschmann in Mössingen

© Wegner 02:01 min

Einbürgerungsfeier im Landratsamt

Kretschmann wirbt für bessere Integration

Winfried Kretschmann fordert eine „Willkommenskultur“. Am Dienstag rief der Ministerpräsident im Landratsamt dazu auf, sich einem internationalen Wettbewerb um Köpfe und Fachkräfte zu stellen.

26.07.2012
  • Renate Angstmann-Koch

Tübingen. „Wir müssen uns daran gewöhnen, um Menschen aktiv zu werben“, betonte Winfried Kretschmann am Dienstag vor Vertretern des öffentlichen Lebens und weiteren geladenen Gästen. Der fünfte Jahresempfang des Kreises in der Glashalle des Landratsamts war erneut mit einer Einbürgerungsfeier verbunden (wir berichteten). „Ohne Zuwanderung aus anderen Teilen Deutschlands und aus dem Ausland wären wir längst ein schrumpfendes Bundesland“, stellte Kretschmann klar.

Migration sei so alt wie die Menschheit, erinnerte er daran, dass „wir alle Nachfahren von Afrikanern sind“. Vielfalt gehöre zum menschlichen Dasein. Es gebe eine Vielzahl von Subkulturen, zumal die Freiheit, seinen Lebensstil zu wählen, Kern einer modernen, pluralen Gesellschaft sei. Auch das Judentum und der Islam gehörten zum Land und genössen Religionsfreiheit. Er sei froh, dass der Bundestag die Beschneidung Minderjähriger gesetzlich regeln wolle, bekannte Kretschmann. Noch lieber wäre ihm jedoch, wenn es „eine höchstrichterliche Entscheidung“ im Sinn der Religionsfreiheit gäbe.

„Toleranz macht nur Sinn, wenn wir das ganz andere tolerieren, aushalten und annehmen“, sagte der Ministerpräsident. Ein Viertel der Bewohner des Bundeslandes hätten einen Migrationshintergrund. Zuwanderer offen willkommen zu heißen, sei bedeutend für den Wirtschaftsstandort: „Wir brauchen gut ausgebildete Menschen“. 26 Prozent der Studierenden an baden-württembergischen Hochschulen hätten außerhalb des Landes Abitur gemacht, sieben Prozent im Ausland. Es sei wichtig, sie auch nach dem Studium zu halten. Überzogene bürokratische Regelungen könnten abschreckend wirken: „Wir konkurrieren mit englischsprachigen Ländern wie den USA und Kanada.“

Man müsse Bildungsabschlüsse leichter anerkennen und ergänzende Zusatzqualifikationen ermöglichen. Das Integrationsministerium arbeite an einem entsprechenden Gesetz. Es müsse aber auch ein Ende mit der hohen Zahl von Menschen mit Migrationshintergrund ohne Berufsabschluss haben. Das Land bezuschusse Kindertagesstätten, Schulsozialarbeit und Sprachförderung. „Jeder Euro, den wir in dieser Phase in Bildung stecken, hat mehr Effekte als später“, betonte Kretschmann. Auch Flüchtlingen und Asylsuchenden sollten Bildungs- und Sprachlern-Chancen eröffnet werden.

„Sie haben sich nicht zu Opfern machen lassen“, lobte er die Neubürger, die ins Landratsamt gekommen waren. „Lassen Sie sich nicht von fremden und eigenen Vorurteilen entmutigen“, rief er allen Anwesenden zu.

„Gelungene Integration ist unverzichtbar für Demokratie und Toleranz“, nahm Landrat Joachim Walter den Ball auf, ehe er den neuen Staatsbürgern zu ihrer Entscheidung gratulierte und das Wort an den zweiten Redner des Abends weitergab. „So wie’s klingt, wär scho älles gschwätzt“, begann der gebürtige Ire Paul Prunty eine Ansprache voller Erinnerungen, Anekdoten und Beobachtungen. Das Ländle ist ihm in 24 Jahren längst „Home“ geworden, sagte Prunty in seiner temperamentvollen Liebeserklärung an Land und Leute – vor allem an seine Familie. „Ik been inzwischen ein Swabian“ stellte der 43-Jährige klar, der mit seiner Frau und zwei Kindern in Dettenhausen lebt. Aus seinem Haus, dem zweiten, das die Familie umbaute, wolle er nur mit den Füßen voran hinausgetragen werden.

Als er mit 19 Jahren als Sohn einer kinderreichen Familie aus Dublin nach Deutschland kam, wollte er eigentlich nur Geld verdienen und dann weiter nach Südamerika. Doch er blieb und freute sich, dass Bier billiger war als Milch und die irischen 5-Pence-Stücke in die deutschen Zigarettenautomaten passten. Dem Ministerpräsidenten empfahl Prunty einen neuen Slogan für das Bundesland: „Mir könnet älles. Außer o-gebe.“ Nur die Furcht vor der bürokratischen Prozedur habe ihn von einer früheren Einbürgerung abgehalten. Doch die, lobte er die Zuständigen im Landratsamt, erwies sich als gänzlich unbegründet.

Kretschmann wirbt für bessere Integration
Ministerpräsident Winfried Kretschmann hielt die Festrede, und das Verbandsjugendblasorchester mit Dirigent Arno Hermann gab dem Jahresempfang des Kreises einen festlichen Rahmen. Später machte Igor Omelchuk mit dem Akkordeon die passende Hintergrundmusik zum geselligen Teil des Abends. Bild: Metz

Der Kreis lud erstmals bei seinem Jahresempfang im Juli 2008 zu einer Einbürgerungsfeier mit Singen der Nationalhymne ein. Beim Jahresempfang mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann erhielt der Ire Paul Joseph Prunty jetzt offiziell die Urkunde.
Im Jahr 2011 wurden 262 Menschen im Kreis eingebürgert (2010: 268). Davon kamen 184 aus Europa. Die Türkei (44 Personen), Griechenland (19) und Serbien (19) lagen an der Spitze; Asien: 40; Afrika: 24, Amerika: 24
Einbürgerungen im Regierungsbezirk Tübingen im Jahr 2011: 1793; bundesweit gab es im vergangenen Jahr 106 897.

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26.07.2012, 12:00 Uhr

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