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Gegen jede Diskriminierung

Kreuzerfeld-Realschule will „Schule ohne Rassismus“ sein

Rund 750 knallrote Luftballons stiegen am Freitagmittag hinter der Festhalle in den Himmel. Ebenso viele Schüler waren zuvor dabei gewesen, als die Kreuzerfeld-Realschule das Siegel „Schule ohne Rassismus“ erhielt.

16.10.2010
  • willibald ruscheinski

Rottenburg. Erst zeigt eine Straßenumfrage als Großbild-Video , was erwachsene Rottenburger über Integration, Rassismus und Zivilcourage zu sagen wagen, dann zieht eine Schülerin hinterm Mikrofon scheinbar betulich Bilanz: „Das alles muss doch nicht sein. Wer jemanden wirklich nicht ausstehen kann, sollte ihm aus dem Weg gehen.“ Wenn es denn so einfach wäre, denn nun hat es sich mit den politischen Korrektheiten: Plötzlich wimmelt die Festhallen-Bühne von Jugendlichen, die sich gegenseitig als „Schlampe“ und „Fotze“ beschimpfen.

Sozusagen Reality-Theater spielten Kreuzerfeld-Realschüler gestern in der Festhalle, loteten unter unüberhörbarer Anteilnahme aus dem Publikum bis zur Schmerzgrenze aus, wie ihre 750 Mitschüler auf diverse Formen von Intoleranz reagieren. Ein Rentner am Rollator durfte über türkische Mädchennamen herziehen und sogar ein Neonazi treuherzig behaupten, Hitler sei „ein guter Mensch“ gewesen. Am Ende bekamen die schlimmsten Akteure eine „Pille gegen Rassismus“ verabreicht und verwandelten sich prompt in umgängliche Leute.

In der komplizierteren Wirklichkeit setzt die Kreuzerfeld-Realschule auf Erfolg versprechendere Mittel: Sie hat sich dazu verpflichtet „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ (SOR-SMC) zu sein, als dritte Schule im Landkreis übrigens nach der Geschwister-Scholl-Schule Tübingen und der Grund-m Haupt- und Werkrealschule Altingen. Gegründet wurde das gleichnamige Netzwerk 1988 in Belgien, damals als Reaktion auf das fremdenfeindliche Gebaren des Vlaams Blok, einer nationalistischen Partei in der nördlichen Landeshälfte.

Ein Siegel passend zum Schulprofil

1992 weitete sich die Bewegung auf die Niederlande aus, 2001 entstanden die ersten deutschen Projekte. Mittlerweile gehören SOR-SMC hierzulande über 750 Schulen an, die von mehr als 500 000 Schülerinnen besucht werden. Übergreifendes Ziel: Sich für eine „Welt der Gemeinsamkeit“ und gegen menschenverachtendes Denken und Handeln einzusetzen.

„Ab Montag hängt ein neues Täfele an unserer Schule“, sagte Rektor Rolf Pfeffer gestern vor der Übergabe, „und wir sind stolz darauf. Aber viele werden sich fragen: Was soll das eigentlich?“ Im Falle der Kreuzerfeld-Realschule, so Pfeffer, knüpft das Siegel nahtlos ans Schulprofil an. Alle Schüler bekommen, und zwar einmal in der Woche, eine Stunde mit dem pädagogischen Schwerpunkt „Soziales Lernen“. Seit 2004 arbeiten die Lehrkräfte mit diesem Sozialcurriculum, das Themen wie Gewaltprävention oder verschiedene kulturelle Hintergründe regelmäßig in den Unterricht hereinholt.

Außerdem sollen alle Schüler in den ersten vier Jahren einmal soziale Dienste an der Schule leisten, etwa als Streitschlichter oder Schulsanitäter. In Klasse 9 ist ein soziales Praktikum obligatorisch, und auch themenorientierte Elternabende mit fachkundigen Referenten gehören zum festen Programm. Auf rund ein Viertel schätzt Pfeffer den Anteil der Migrantenkinder an seiner Schule, der Staatsangehörigkeit nach sind 12 Prozent von ihnen Ausländer.

Vor diesem Hintergrund kam Lehrer Dennis Klein die Idee, die Kreuzerfeld-Realschule sollte sich dem SOR-SMC-Netzwerk anschließen. Voraussetzung dafür ist, dass sich – Lehrer und Schüler zusammengenommen – mindestens 70 Prozent der Schulangehörigen per Unterschrift dazu verpflichten, „sich künftig gegen jede Form von Diskriminierung an ihrer Schule aktiv einzusetzen, bei Konflikten einzugreifen und regelmäßig Projekttage zum Thema durchzuführen.“

„Dafür mag ich gerne das Maskottchen spielen“, sagte gestern LTT-Intendantin Simone Sterr, die sich spontan bereit erklärt hatte, die Projekt-Patenschaft zu übernehmen. Ihre Aufforderung, auch noch „die restlichen 30 Prozent herumzukriegen“, zog allerdings erklärende Worte des Rektors nach sich: Es seien tatsächlich nur die „Mindestzahl“ von 70 Prozent gesammelt worden; und dies bedeute keineswegs, dass der Rest der Lehrer- und Schülerschaft gegen eine „Schule ohne Rassismus“ sei.

LTT-Intendantin als Patronin

„Ich habe große Hochachtung vor eurer Leistung“, lobte die Schüler Initiator Dennis Klein: „Aber dieses Schild ist keine Auszeichnung, denn wir haben vorerst noch nichts dafür getan.“ Für die gestrige Übergabe des Siegels allerdings hatten sich die Kreuzerfeldianer schon mächtig ins Zeug gelegt. Nach dem unter Anleitung von LTT-Theaterpädagoge Volker Schubert er-improvisierten Stück trug eine Band um den Sänger Florian Scherzinger Songs vor, und die Breakdancer von der Funky Fly Kru legten halsbrecherisch verwirbelte Flares und Munchmills auf den Boden. Am Ende hieß es für die ganze Halle: „Handys hoch!“ Dann programmierten alle zusammen den Countdown zum abschließenden Luftballonstart vor der Halle.

Kreuzerfeld-Realschule will „Schule ohne Rassismus“ sein
Ein Schild, das eine Art Gelöbnis ist: Rektor Rolf Pfeffer (im Bild rechts) bekommt von Schirmherrin Simone Sterr (Mitte) und zwei maskierten Mimen das Siegel „Schule ohne Rassismus“ überreicht. Jeden Morgen soll es die Schüler künftig an ihre guten Absichten erinnern. Bild: Mozer

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16.10.2010, 12:00 Uhr

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