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Das Lied von der Glocke

Kreuzglocke der Nehrener Veitskirche ist 500 Jahre alt

Die Veitskirche zu Nehren: Der Fachwerkturm gehört zum Ortsbild. Die Kreuzglocke darin kann nun ein Jubiläum begehen. Fünf Jahrhunderte läutet sie für den Ort, zu Wallfahrten, für Pesttote, ruft bis heute zum Gottesdienst. Am Wochenende ist sie Teil des Dorffests.

14.07.2012
  • Jürgen Jonas

Nehren. Die Kreuzglocke. „Ihre Stimme ist angenehm, aber auch nicht zu überhören.“ Schreibt die evangelische Kirchengemeinde über die uraltehrwürdige Nachrichtenspenderin auf ihrer hochmodernen Homepage. 500 Jahre ist es her, dass die große Glocke auf dem Turm der Veitskirche gegossen wurde, von dem Reutlinger Glockengießer Hans Egen.

Wer die Kirche erbaut hat, ist nicht bekannt. Der Dorfchronist der 1950er Jahre, Schullehrer Berner, meinte in einem Vortrag über die Kirche: „Unsere Vorfahren hatten eine feine Nase dafür, wo der Platz für religiöse Kultstätten war.“ Im Jahr 1275 ist sie, aus der Spätgotik stammend und damit ältestes Bauwerk im Ort, erstmals urkundlich genannt: im „liber decimationis cleri Constanciensis pro Papa de anno 1275“, als zur Pfarrei Huhelingen gehörig, die wir als Hauchlingen kennen, das 1504 mit dem direkten Nachbarn Nehren kirchlich vereinigt wurde.

Friedrich August Köhler vermeldete seinem Pfarrers-Vater in seiner Nehrener Chronik aus dem Jahre 1838: „In dem viereckigen kaum 50 Fuß hohen Thurme hängen zwei Glocken, deren größere 1512, die kleinere 1556 in Stuttgart laut ihrer Inschriften gegossen wurde.“ Dann gab es noch „auf dem Dache des Thurmes ein kleines Glöckchen, weil die Bewohner des oberen Dorfes wegen des niederen Standpunktes der Kirche nicht läuten hören.“

Viel gäbe es zu berichten aus den Jahrhunderten. In einer Ausgabe des Steinlachboten von 1950 lässt der Autor seine Phantasie spielen: „Es muß ein mächtiges Geläute gewesen sein, das sich in jenen alten Zeiten weithin über das Steinlachtal und über den Rammert ergoß.“ Und weiß Sagenhaftes: „Die Sage erzählt, dass, nachdem Christophorus Scheydeck die 1537 die Lehre Luthers von der Hauchlinger Kanzel verkündete, den Rottenburgern die ketzerischen Glocken bös in den Ohren geklungen haben sollen, und sie hätten die Nehrener gezwungen, das westliche Schalloch zuzumauern.“

Außer dem Wind aus Rottenburg ging manch anderer Sturm um den Turm. Im Jahr 1678 zum Beispiel. Da zog ein schreckliches „Hochgewitter“ über den Flecken, und es ist, wie Kirchenakten verzeichnen, „ein solcher Hagelstreich geschehen, wodurch die eine Glocke gesprungen, so dass sie nimmer gebraucht werden kann, sondern notwendig umgegossen werden muss.“

Die Alte blieb dabei verschont. Ihre in Mönchslatein verfasste Umschrift lautet in der Übersetzung: „O Christus, König der Herrlichkeit, komme mit Frieden im Jahre des Herrn 1512.“ Sie hat die Pesttoten und die Opfer des Dreißigjährigen Krieges auf den letzten Wegen begleitet. Und auch für Wallfahrer geläutet: Alljährlich zogen am St. Veits-Tag die Gläubigen aus der engeren und weiteren Umgebung nach Hauchlingen, um beim wundertätigen Bild des Veit Schutz und Heilung gegen den damals weit verbreiteten Veitstanz (corea) zu erlangen. Erst ein strenges Edikt vom 17. August 1554 der Stuttgarter Kirchenbehörde unterband den Wallfahrtsbetrieb.

In den Glockentabellen war die Muhme stets mit zwölf Zentnern verzeichnet. Die Computerwaage eines Kranwagens maß das genaue Gewicht: die Glocke wiegt 700 Kilogramm. Im Jahr 1999, als der Turm renoviert wurde, holte man die g-Glocke zur Reparatur herunter, auf Wiederherstellung des alten Volumens hoffend.

Als ihr Klöppel erneuert wurde, hatte man zur Befestigung Löcher gebohrt, die den Klang mit der Zeit stark beeinträchtigten. Die Glockengießerei Bachert in Heilbronn führte den Auftrag aus, gemeinsam mit Zimmerleuten der Firma Stähle aus Bondorf. In gemeinsamer Arbeit wurde die Glocke mit einem Flaschenzug aus dem Stuhl geholt und Stück für Stück vorbewegt – bis zum Turmfenster auf der Eingangsseite, von dem der Schallladen entfernt worden war.

Ein Riesenkran aus Filderstadt bugsierte das schwere Teil nach unten auf den Asphaltweg. Eine Speditionsfirma führte es nach Nördlingen, wo Experten der Firma Lachenmayer sie mit einem patentierten Spezialverfahren schweißten und in den alten Klangstand zu versetzen versuchten.

1917 war die Patriarchin dem Eingeschmolzenwerden zu Mordverlängerungszwecken entgangen, im Gegensatz zu den zwei anderen Glocken. Ihre Partnerinnen haben über die Jahrhunderte gewechselt – die sagenhaft alte Urahne hilft jedoch noch heute wacker mit, den Täuflingen den Weg ins Leben festlich zu bereiten.

Kreuzglocke der Nehrener Veitskirche ist 500 Jahre alt

Zu Ehren der ehrwürdigen Kreuzglocke wird am Sonntag um 10 Uhr im Zelt beim alten Schulhaus ein ökumenischer Gottesdienst gehalten. Um 13.30 Uhr Jubiläumsläuten. Der Posaunenchor bläst vom Kirchturm herab. Um 14 Uhr kommen Grußwortredner, die Glockentorte wird angeschnitten. 17.30 Uhr Luftballonstart mit Grußkarten, 18 Uhr Abendläuten mit Andacht und Glockenliedern. Während der ganzen Zeit von 14 bis 18 Uhr alle halbe Stunde Turm- und Glockenführungen. Kinder können Tonglocken bemalen. Eine kleine Ausstellung zeigt zeitreisend Fotos und Bilder von Glocke, Turm und Kirche. Kaffee und Kuchen im Zelt neben der Kirche. Und oben drauf gibt es noch einen Kutschenservice zwischen dem alten Schulhaus und dem Veitskirchlein.

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14.07.2012, 12:00 Uhr

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