Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Eisenbahnbrücke gesprengt

Kriegsende in Mössingen: Bürgermeisterfrau mit Leintuch

Nachdem Tübingen am 19. April 1945 von französischen Truppen eingenommen war, rechnete man im Steinlachtal jeden Tag mit dem Einmarsch.

30.05.2011
  • Franziska Blum

Mössingen. Französische Flieger, die am 21. April Genkingen angriffen, bombardierten auf ihrem Rückflug kurz nach 11 Uhr auch Öschingen. Obwohl der Angriff für die Öschinger völlig überraschend kam, wurde nur eine Frau verletzt. Einige Häuser und Scheunen brannten ab. An diesem Tag brachte sich eine Artillerieeinheit am Mössinger Ortsrand in Stellung und feuerte gegen die zwischen Tübingen und Gomaringen heranziehenden Franzosen. Diese antworteten mit Granatenbeschuss, der glücklicherweise ins freie Feld ging.

Am selben Abend noch sprengte ein Mössinger Kommando die Eisenbahnbrücke über der Steinlach und einen mit Munition beladenen Eisenbahnwaggon am Bahnhof. Der örtliche Volkssturm erhielt den Befehl, sich in Melchingen zur Verteidigung des Albrandes zu melden. Dem Aufruf folgten jedoch nur wenige Männer, die meisten Volkssturmleute blieben lieber zu Hause oder setzten sich ab.

Übers Nehrener Gässle zogen sie kampflos ein

Am Morgen des 22. April ging den von Nehren heranziehenden Franzosen von Mössingen her ein Mann entgegen, um zu verkünden, dass der Ort keinen Widerstand leiste. Die Zeitung berichtete, dass der Mann ein französischer Kriegsgefangener war, während der Mössinger Wilhelm Essich die Tat für sich reklamierte.

Es war halb zwölf Uhr am Vormittag des 22. April, als die französischen Kolonialtruppen über das Nehrener Gässle kampflos in Mössingen einzogen. Etwa um 13.30 Uhr erreichten sie Öschingen, wo die Frau des Bürgermeisters ein weißes Leintuch vom Balkon ihres am Ortsrand gelegenen Hauses herunterließ. Um etwa 15.30 Uhr zogen die französischen Truppen in Belsen ein, ohne dass es zu Kampfhandlungen kam. Überall jedoch begannen Hausdurchsuchungen und Plünderungen.

Die Franzosen und Marokkaner prügelten die Einwohner, schossen in die Luft und vergewaltigten Frauen und Mädchen. Nach den amtlichen Angaben waren allein in Mössingen 220 Vergewaltigungen gezählt worden.

In Talheim kam es im Gegensatz zu den anderen Gemeinden zu einem mehrstündigen Straßenkampf, weil der Bürgermeister den Ort gegen den Willen der meisten Einwohner verteidigen lassen wollte. Volkssturmmänner fällten Bäume und errichteten Sperren. Am 22. April gegen 10 Uhr wurde die Hauptstraße gesprengt, um den Vormarsch der alliierten Truppen in Richtung Alb zu verhindern. Bereits gegen Mittag zogen die französischen Einheiten gegen Talheim und suchten das Dorf Haus für Haus zu erobern.

Kämpfe bis abends noch in Talheim

Zwischen den auf den Höhen positionierten deutschen Artilleristen und den Franzosen kam es zu Feuergefechten. Eine Reihe von Wohnhäusern sowie das Fabrikgebäude der Firma Hantzsche gingen in Flammen auf, die von der Feuerwehr während der Kämpfe nicht gelöscht werden konnten. Bei den bis in die Abendstunden dauernden Auseinandersetzungen kamen vier deutsche und zwei marokkanische Soldaten zu Tode. Talheim blieb zehn Tage lang besetzt, bis der Albaufstieg über die notdürftig wieder hergestellte Straße möglich war.

In der Mössinger Bahnhofstraße war am 24. April Karl Aheimer von den Franzosen erschossen worden, weil er noch in Uniform unterwegs war. Am selben Tag kehrten die Gemeindebediensteten bereits wieder ins Rathaus zurück, um die Arbeit aufzunehmen. Aus einer Reihe von Männern, die im Januar 1933 am Mössinger Generalstreik gegen Hitler beteiligt waren und wegen ihrer politischen Überzeugung in der Zeit des NS-Regimes verfolgt wurden, konstituierte sich ein Beratender Ausschuss, der bis 1946 bestehen blieb.

Eine Reparation der besonderen Art eignete sich ein französischer Zwangsarbeiter in Mössingen an. In der Textilfabrik Pausa gab es einen achtsitzigen Packard, den die ehemaligen jüdischen Besitzer des Unternehmens, die Gebrüder Löwenstein, bei ihrer Auswanderung 1936 zurückgelassen hatten. Dieses Auto diente nach dem Einbau einer Wasserspritze sogar als Feuerwehrauto.

Nach dem Einmarsch der Franzosen bestieg der französische Zwangsarbeiter den Packard – und fuhr zurück in seine Heimat. Das Auto tauchte nie wieder auf.

Kriegsende in Mössingen: Bürgermeisterfrau mit Leintuch
Typische Beschäftigung in der Nachkriegszeit: Hier Holzofenbäcker Adolf Wagner (rechts) aus der Mittelgasse mit Tochter Lina beim Brotmarken-Kleben. Archivbild: Röthenbach

Kriegsende in Mössingen: Bürgermeisterfrau mit Leintuch

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

30.05.2011, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball