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Krise mit langem Vorlauf
Es ist zum Verzweifeln: VW-Chef Matthias Müller kämpft wie ein Wolf - aber die Probleme werden nicht weniger. Foto: afp
Zwischenbilanz des VW-Skandals: Noch wenig strukturelle Veränderung

Krise mit langem Vorlauf

Volkswagen und kein Ende. Der Autobauer bewegt sich seit Monaten in einer Art Dauerkrise. Die Bilanz ist tiefrot, die Zukunft unsicher.

26.04.2016
  • THOMAS VEITINGER

Ulm. Ein Katalysator, so sagt es das Lexikon, erhöht die Geschwindigkeit einer chemischen Reaktion. Von daher ist die Hoffnung von VW-Chef Matthias Müller vielleicht sogar berechtigt, die derzeitige Krise als "Katalysator für den Wandel" von Volkswagen zu sehen. Ein Wandel, da sind sich Experten einig, ist bei dem Autobauer dringend nötig. Allerdings ist ein Katalysator auch ein Stoff, der selbst nicht verbraucht wird, nicht verschwindet. Eine Krise also, die nie endet?

Fast scheint es so. Seit September vergangenen Jahres fährt VW in einer Art Dauerkrise, die nur eine Entwicklung kennt: immer schlimmer. Hatte sich auf der Automesse IAA der damalige Vorstandschef Martin Winterkorn gerade noch die Antriebe als "Quantensprung für unsere Industrie" gepriesen, musste er wenige Tage später nach Auffliegen des Skandals Abbitte leisten und dann "fassungslos" zurücktreten.

Fassungslos starrten auch Kunden, Mitarbeiter, die Öffentlichkeit und selbst das Ausland auf die Betrügereien der Deutschen. Made in Germany? Geniale Ingenieurskunst? Qualität deutscher Autos? Alles scheint seitdem verpestet zu sein durch eine Software, die Abgasuntersuchungen erkennt und Dieselautos entsprechend manipuliert.

Bereits 2005 begann das Desaster, als VW eine Diesel-Offensive in den USA beschloss, die strenge US-Umweltvorschriften genügen und gleichzeitig preiswert sein sollte. Weil dies schwierig war oder sich gegenseitig ausschloss, wurde vermutlich betrogen.

Jetzt, elf Jahre später, hagelt es Milliardenausgaben für Umrüstungen und Rückkäufe, drohen Millionenklagen, sind Arbeitsplätze in Gefahr, sind die Verkaufszahlen mies, ist die Dividende geschrumpft, die Zukunft schwierig - weil es an Geld für Zukunftsforschung mangeln könnte - und gestaltet sich der Rückruf von Autos teuer und kompliziert. Für die Folgen des Diesel-Skandals stellt der Konzern für 2015 rund 16,2 Mrd. EUR zurück. In den USA bekommen Kunden großzügige Entschädigungen, hierzulande schauen Käufer bislang in die Röhre und sind enttäuscht. Das Image der Marke leidet.

Dazu kommt, dass VW auch vor September 2015 nicht gerade auf der Siegerstraße war. Zwar schickten sich die Wolfsburger in der ersten Jahreshälfte des vergangenen Jahres an, Toyota beim Verkauf links liegen zu lassen. Aber die VW-Produktion ist im Vergleich zu Konkurrenten zu teuer, der Absatz in China nur mäßig und in den USA - ein Grund für den Diesel-Vorstoß - sogar katastrophal.

Hinzu kommen die üblichen Probleme der Branche wie Rückrufaktionen, schwierige Absatzmärkte, zu hohe Rabatte. Und spezifische störende Großaktionäre. Konkurrenz aus dem eigenen Konzern etwa durch Skoda und unzeitgemäße Hierarchien und unglückliche Krisenbewältigung packt man obendrauf. Kurz: VW braucht keinen Katalysator zum Wandel, sondern eine Implosion. Den dafür notwendigen Außendruck, der höher ist als der Innendruck, gibt es schon: Immer mehr Politiker und Experten fordern andere Strukturen im Konzern. Nur - es tut sich wenig.

Hat VW überhaupt eine Chance? Müssen Töchter verkauft werden? Bei Audi und Porsche dürften viele Verantwortliche die Hände über den Köpfen zusammenschlagen. Bereits vor dem Skandal mischten sich die Wolfsburger dem Vernehmen nach vehement in ihr Tagesgeschäft ein. Jetzt werden wohl mehr Gelder aus Ingolstadt und Zuffenhausen nach Wolfsburg fließen. Der Rattenschwanz der Folgen des Abgas-Skandals wird lang und länger.

Prof. Willi Diez sieht aber nicht durchweg schwarz. "Wolfsburg weiß, dass die Starken im Konzern nicht schwächer machen dürfen, sonst werden alle krank." Für den Direktor des Instituts für Automobilwirtschaft der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen ist es "schon faszinierend, dass die Konzernmutter alles abbekommt". Dagegen liefen die Geschäfte bei Audi, Skoda und Porsche gut. Eine Voraussage, welche Auswirkungen der Skandal haben wird, sei schwer zu treffen. "Wichtig ist, wie die Übereinkunft zwischen VW und Behörden in den USA ist, das strahlt auf andere Länder und den Kapitalmarkt ab." Auch wenn das Krisenmanagement immer noch nicht rund laufe, glaubt Diez: "Existenzbedrohlich ist es nicht."

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26.04.2016, 06:00 Uhr

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