Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Schauspiel

Kristallglocken tönen im Holunderbusch

Und noch eine Ex-Stuttgarter Legende: Achim Freyer inszeniert E.T.A. Hoffmanns „Der goldene Topf“.

20.05.2019

Von OTTO PAUL BURKHARDT

Achim Freyer findet starke Bilder für Hoffmanns Märchen. Foto: Monika Rittershaus

Stuttgart. Volksfeststimmung schon im Foyer. Flotte Kirmesmusik schallt durch den Raum. Seltsame Wesen mischen sich unter die Premierengäste – kauzige Könige, skurril maskierte Damen mit Akkordeon, kurbelnde Leierkastenmänner. Vollends magisch wird es dann im prachtvoll illuminierten Theatersaal: Über den Zuschauern wölbt sich ein Sternenhimmel aus hunderten von Stablämpchen. Klar, dass auch Achim Freyer diesen Effekt nutzt und dieses Firmament leuchten lässt – passend zur wundersamen Welt in E.T.A. Hoffmanns Märchen „Der goldene Topf“. Am Samstag war Premiere im Stuttgarter Schauspielhaus.

In Fällen wie Achim Freyer ist das strapazierte Wort „Legende“ durchaus angebracht. Der heute 85-Jährige hat einst in Stuttgart 1977 Claus Peymanns „Faust“ und in den 80ern die damals kultige Glass-Operntrilogie um „Satyagraha“ bebildert. Jetzt ist er, der in Wien, Berlin und Salzburg gefeierte Fantasiewelten-Regisseur, noch einmal hierher zurückgekehrt, um einen Prosatext der Romantik fürs Theater zu inszenieren – ausdrücklich „nach“ E.T.A. Hoffmann.

Verfremdet durch Effekte

Denn Freyer, verantwortlich für Regie, Bühne und Kostüme, überschüttet das Märchen förmlich mit einer überbordenden Bilderfülle aus bizarr kostümierten Zauber-, Fabel- und Wunderwesen, noch zusätzlich verfremdet durch allerlei Spiegel-, Projektions- und Drehbühnen-Tricks. Ein Fantasy-Abend, der in nur 75 Minuten vorüberschwebt. Die eigentliche Geschichte? Scheint manchmal verloren gegangen zu sein, oder, genauer gesagt, untergegangen – in dieser allumfassenden Traumbilderflut. Denn Freyer erzählt nicht, er skizziert das ausufernde Märchen allenfalls in ausgewählten Kernsätzen.

Und im spielfreudigen Ensemble herrscht ständiger Rollenwechsel. Wie die Hauptfigur des Studenten Anselmus, der magische Kristallglocken im Holunderbusch tönen hört, findet sich bei Freyer auch das Publikum in einer Art Geisterbahn wieder. Menschen mit Kaffeekannen-Köpfen geistern herum, ein virtueller Drache speit Feuer, und eine Königin der Nacht kiekst eine schiefe Rachearie. Böser Humor blitzt auf, wenn ein possierlich hüpfender Kunstfrosch zerplatzt oder eine Pappgans mit Messer im Rücken die Szene quert.

Fast vergessen: Ein Spielzeug-Lkw feuert eine Rakete ab, ein leibhaftiger Hund schnappt sich eine Wurst, und eine Drehorgel-Frau im Parkett brüllt Heines „Im wunderschönen Mai“ in die Zuschauerreihen. Stark auch die Live-Musik des Neutöner-Profis Alvin Curran.

Das Märchen als Flucht aus der Realität, aus politisch desillusionierender Wirklichkeit? Vielleicht. Freyers widersprüchlicher, grotesker Fantasy-Rausch wirkt durchaus befreiend. Er zeigt uns die nächtliche Seite des Lebens. Das wilde Denken der Romantik. Otto Paul Burkhardt

Zum Artikel

Erstellt:
20. Mai 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
20. Mai 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. Mai 2019, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen