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Zieht Rongen ins Neckartal?

Kritik an Gewerbeflächen-Plänen · Au-Brunnen-Gutachten im Winter

Der Acker zwischen Hornbach und B 27 könnte das neue Quartier für Natursteine Rongen werden. Noch sind die Flächen in Privatbesitz, doch der Planungsausschuss stimmte am Montag für die Aufstellung eines entsprechenden Bebauungsplans. Biobauer Joachim Schneider, Pächter von 70 Hektar Ackerland im Neckartal, kritisiert „die Salamitaktik der Stadt“ beim Thema Gewerbeflächen im Neckartal.

07.07.2015
  • Volker Rekittke

Tübingen. „Die Fläche beim Hornbach ist unsere letzte Hoffnung“, sagt Manuel Rongen. Bis spätestens 2019 muss er mit seinem Natursteinlager samt 14 Angestellten sowie einem halben Dutzend Steinmetze und Künstler aus dem Schindhau verschwunden sein, so wollen es die Behörden (wir berichteten mehrfach). 157 Standorte in der gesamten Region habe er sich angeschaut, mit unzähligen Bürgermeistern und Verwaltungsleuten gesprochen – immer Fehlanzeige. „Toll, was Sie machen“, habe er stets gehört – aber eben auch, dass sein Gewerbe sehr flächenintensiv sei und dafür zu wenige Arbeitsplätze habe.

Kritik an Gewerbeflächen-Plänen · Au-Brunnen-Gutachten im Winter
Manuel Rongen in seinem Natursteinepark im Schindhau.

Nun geht es um 1,8 Hektar im Neckartal, direkt an der B 27 gelegen. „Von den Flächen her würd’ das passen“, sagt Rongen, auch wenn ein Teil im Hochwassergebiet liegt. Er freut sich über die am Montag mit großer Mehrheit beschlossene Empfehlung des Ausschusses an den Gemeinderat. Der soll am 27. Juli über die Aufstellung eines Bebauungsplans für das Areal entscheiden, so Baubürgermeister Cord Soehlke. Dann erst gehe es um den Erwerb der Flächen, die laut Soehlke „in privatem Streubesitz“ sind.

Nicht jeder findet diese Idee gut. Die Debatte um den Au-Brunnen, um die Traufwiesen entlang der B 27, die Ansiedlung der Bäckerei Lieb – und nun die Fläche beim Hornbach: „Die Salamitaktik im Neckartal geht weiter“, befürchtet Joachim Schneider. Der Rottenburger Biobauer mit Hauptsitz auf dem dortigen Spitalhof ist seit 2008 Pächter des Sophienhofs im Neckartal – und von 70 Hektar „fruchtbarem Ackerland“ zwischen Tübingen und Kirchentellinsfurt: „Mit die besten Böden liegen hier.“ Etwa ein Drittel pachtet er von der Familie Zundel, den Rest von der Stadt und etwa 70 Privatleuten. Auch Schneider – der Nachfolger des langjährigen Sophienhof-Pächters Peter Bosch – setzt im Umland der für die Tübinger Trinkwasserversorgung wichtigen Neckartal-Brunnen auf eine Bewirtschaftung nach Bioland-Kriterien.

Kritik an Gewerbeflächen-Plänen · Au-Brunnen-Gutachten im Winter
Biobauer Joachim Schneider vor einigen seiner Äcker im Neckartal. Die Fläche „Vor dem Großholz“ (zwischen B27, links, und dem Hornbach-Baumarkt rechts hinten im Bild) ist als neues Domizil für die Tübinger Firma Natursteine Rongen im Gespräch, die ihr Lager im Schindhau bis 2019 räumen muss.

Schneider ist durchaus bewusst, dass Tübinger Betriebe teils händeringend nach Erweiterungsflächen oder Land für einen Neubau suchen: „Es ist ein Konflikt.“ Was er sich allerdings bei der Suche nach neuen Flächen fürs Gewerbe wünscht, ist „eine sorgsame Abwägung“. Es handele sich schließlich „um nicht vermehrbare Güter“ – einmal versiegelt, tauge Land nicht mehr zur Grundwasser-Neubildung.

Die von OB Boris Palmer 2012 vorgestellte (und vom Gemeinderat verabschiedete) „Gewerbeflächenstrategie 2020“ hält Schneider für „zu kurz gedacht: 2020 ist in fünf Jahren.“ Vom grünen Oberbürgermeister erwartet er „langfristige Ansätze“ zu den Themen Flächenfraß, Versiegelung, Trinkwasser. Ansätze, die über eine Wahlperiode hinausreichen. „Wir müssen nachdenken, was danach passiert.“ Deshalb: „Tübingen braucht eine Gewerbeflächenstrategie 2050.“

Zumal die Universitätsstadt stark wachse. Baubürgermeister Soehlke nannte unlängst im TAGBLATT die Einwohner-Grenze von 95 000, das wären aber immer noch 10 000 mehr als heute. Hinzu kämen die boomenden Betriebe – die alle Trink- oder Nutzwasser bräuchten. Auch das gelte es zu bedenken, etwa bei der Diskussion um die mögliche Stilllegung des Au-Brunnens.

Das 12,2 Hektar große Au-Brunnen-Areal an der Eisenbahnstraße könnte zum Gewerbegebiet werden – so steht es in der „Gewerbeflächenstrategie 2020“. Können die Stadtwerke Tübingen (SWT) auf ihren Reservebrunnen verzichten, falls das Bodenseewasser einmal ausbleiben sollte? Diese Frage hätte eigentlich bis Juli beantwortet werden sollen. Doch das von den Stadtwerken beauftragte Stuttgarter Ingenieurbüro wird noch länger brauchen: Bis zum Jahresende soll das Tübinger Leitungsnetz nun sehr viel genauer auf Herz und Nieren untersucht werden, als zunächst angenommen. Die Leistungsfähigkeit des Netzes müsse in weiteren Simulationen überprüft werden, sagt der Technische SWT-Geschäftsführer Wilfried Kannenberg: „Der Worst Case – also der Ausfall der Bodensee-Wasserversorgung – wurde bisher noch nie durchgerechnet.“

Voraussichtlich im Dezember werden die Ergebnisse zunächst dem SWT-Aufsichtsrat (Vorsitzender: Boris Palmer) präsentiert. Von dort wird es dann eine Empfehlung an den Gemeinderat geben – der letztlich entscheiden muss. Immer vorausgesetzt, die Tübinger Kreisbehörde genehmigt einen Antrag der Stadt (siehe Kasten „Landratsamt wäre zuständig…“).

Und der Wasserverbrauch? „Der wird durch die Klimaerwärmung steigen“, sagt Kannenberg. Doch zugleich sinkt der Pro-Kopf-Verbrauch bundesweit wie in Tübingen durch effizientere Geräte wie Waschmaschinen, Geschirrspüler, neuartige Duschköpfe oder moderne Armaturentechnik. Eine Tübinger Besonderheit: Laut dem SWT-Technik-Chef wird hier der sinkende Wasserverbrauch durch Einwohnerzuwachs und Wirtschaftswachstum wieder kompensiert.

Der Au-Brunnen liege in einem ausgewiesenen Wasserschutzgebiet, so Martina Guizetti, Sprecherin des Tübinger Landratsamts. Wenn die Nutzung des Brunnens aufgegeben werden soll, dann müsse jenes Wasserschutzgebiet sowie die dort bestehende „Schutzgebietsverordnung“ ebenfalls aufgehoben werden. Die zuständige Behörde ist das Landratsamt, Rechtsgrundlage das Wasserwirtschaftsgesetz. Die Stadtwerke Tübingen müssten einen Antrag auf Aufhebung stellen. Guizetti: „Wir werden dann prüfen, ob wir diesem Antrag stattgeben können.“ Voraussetzung sei, „dass die Versorgungssicherheit der Bevölkerung gewährleistet sein muss“.

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07.07.2015, 12:00 Uhr

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