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Lindners Legende

Kritik an "Wutrede" des FDP-Chefs - Grüne: "Lehrbeispiel für Doppelmoral"

Für seine "Wutrede" im Landtag von Nordrhein-Westfalen wurde FDP-Parteichef gefeiert. Doch jetzt wird sie zum Bumerang - plötzlich holt ihn seine fragwürdige Vergangenheit als Start-up-Unternehmer ein.

12.02.2015
  • JOHANNES NITSCHMANN

Düsseldorf Zwei Wochen nach seiner sogenannten "Wutrede" im Düsseldorfer Landtag gerät FDP-Partei- und Fraktionschef Christian Lindner zunehmend in Bedrängnis. Lindners Darstellungen, sich zur Galionsfigur eines mutigen Unternehmertyps zu machen, brächen "wie ein Kartenhaus in sich zusammen", erklärte der Fraktionschef der Landtags-Grünen, Reiner Priggen, gestern gegenüber unserer Zeitung. Der 36-jährige FDP-Politiker sei bei seinem 2001 pleitegegangenen Internet-Unternehmen weder mutig gewesen, noch habe er Risiko getragen. Seit 15 Jahren bestreite Lindner seinen Lebensunterhalt als Parlamentarier und Parteifunktionär "ununterbrochen aus öffentlichen Geldern inklusive eines Dienstwagens".

Lindner hatte sich Ende Januar im NRW-Landtag als Märtyrer seiner eigenen Firmenpleite stilisiert. Gründungskultur sei "die Hefe im Teig" der Volkswirtschaft, sagte der wortflinke FDP-Politiker als Antwort auf einen SPD-Zwischenrufer, der ihn persönlich angegriffen hatte. Gründungskultur sichere den individuellen Aufstieg und schaffe Arbeitsplätze. Lindner beklagte, dass zu wenige Unternehmensgründungen mit Wagniskapital erfolgten, weil ein Scheitern oftmals zu einer gesellschaftlichen Stigmatisierung führe. Auch er selbst habe wegen seiner unternehmerischen Pleite viel Spott und Häme ertragen müssen.

Schnell machte die Volte Karriere im Internet. Alleine bei Youtube wurde die "Wutrede" hunderttausendfach angeklickt. Die "Bild"-Zeitung kürte Lindner auf der Titelseite zum "Gewinner des Tages". Auch etliche andere Medien griffen das Thema auf und kommentierten wohlwollend. "Jedes relevante Mitglied der deutschen Internetgemeinde hat Lindner inzwischen gelobt. So gut war seine Rede", jubelte die "Zeit", bei der zufällig Lindners Ehefrau arbeitet. Selbst die Chefredakteurin der linksalternativen "Taz", Ines Pohl, war entzückt: "So macht politische Debattenkultur nicht nur ihm Spaß."

Doch wie war das genau mit dem Gründer Lindner? 2001 war er mit dem Internet-Start-up Moomax in die Insolvenz gegangen. Die Firma hatte 1,4 Millionen Euro öffentliche Förderkredite der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) erhalten. Nach Recherchen dieser Zeitung lag der Eigenanteil von Lindner als finanzielle Unternehmens-Beteiligung bei lediglich 8000 Euro. Zugleich erhielt er als einer von drei Geschäftsführern der Moomax ein Monatsgehalt von 5000 Euro und bezog bereits zu dieser Zeit regelmäßige Landtagsdiäten in Höhe von etwa 6000 Euro.

Während der Landtagsdebatte hatte Lindner dem SPD-Zwischenrufer vorgeworfen, dieser habe sein ganzes Leben lang nur vom Staat gelebt statt unternehmerisches Engagement zu zeigen. Tatsächlich aber war der attackierte Sozialdemokrat selbst jahrzehntelang in der Privatwirtschaft tätig.

"Es ist schlicht dreist, einem Sozialdemokraten eine Daueralimentierung durch die öffentliche Hand zum Vorwurf zu machen, wenn man sein komplettes Erwerbsleben exakt so verfahren ist", sagte Priggen. Gleichzeitig habe sich Lindner sein unternehmerisches Risiko durch einen staatlichen Förderkredit absichern lassen, der dann letztlich "verbrannt worden" sei. Lindner habe sich "Zeit seines Lebens auf den starken Staat verlassen, den er und seine Partei permanent zu schwächen versuchen", kritisierte der Fraktionschef der Grünen. Der inszenierte Ausraster des FDP-Vorsitzenden im Parlament sei "ein Lehrbeispiel für Doppelmoral".

Kritik an "Wutrede" des FDP-Chefs - Grüne: "Lehrbeispiel für Doppelmoral"
Zürnender FDP-Chef: Christian Lindner während seiner "Wutrede" im Landtag von Nordrhein-Westfalen. Foto: dpa

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12.02.2015, 12:00 Uhr

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