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Kroatien macht auf Ungarn
Kroatiens Präsidentin Kolinda Grabar Kitarovic liefert den Nationalisten verbale Unterstützung. Foto: afp
Rechte Regierung leitet "konservative Wende" ein - Gesellschaftlicher Zusammenhalt droht zu zerbrechen

Kroatien macht auf Ungarn

Kroatiens frisch gewählte Regierung will die konservative Wende: Der Zweite Weltkrieg wird umgedeutet, Minderheiten werden ausgegrenzt. Die Gesellschaft droht ihren letzten Kitt zu verlieren.

21.04.2016
  • NORBERT MAPPES-NIEDIEK

"Mitten in Zagreb spucken unbekannte Menschen mich an oder rufen mir zu: Du Tschetnik, geh nach Serbien!" So etwas, schrieb Milorad Pupovac seinem Staatsoberhaupt im Vertrauen, habe er selbst in den schlimmsten Kriegsjahren nicht erlebt. Schon nach wenigen Wochen habe sich "eine Atmosphäre der Intoleranz und des Hasses" im Lande breitgemacht, schrieb Pupovac - Hass nicht nur gegen ihn persönlich, sondern gegen Journalisten, Schauspieler, Regisseure, kirchliche Amtsträger, Menschenrechtler.

Kroatiens Gesellschaft droht ihren letzten Kitt zu verlieren: Die serbische Minderheit sowie der Verband der jüdischen Gemeinden wollen nun die jährliche nationale Feierstunde im KZ Jasenovac boykottieren. Grund sei die "Relativierung und Wiederbelebung der Ustascha", erklärt der jüdische Gemeindevorstand unter Ognjen Kraus.

Seit im Januar eine Regierung unter der Führung der nationalkonservativen HDZ antrat, ist die Stimmung extrem gespannt. Ein Teil der größten Partei schickt sich an, im Verbund mit rechtsradikalen Koalitionspartnern die kroatische Nation neu zu definieren. Die Propaganda gegen angebliche "Landesverräter" gewinnt an Fahrt.

Milorad Pupovac kennt in Kroatien jeder. Im Krieg der 90er Jahre gehörte der Zagreber Linguistik-Professor zu den "loyalen Serben" in Kroatien und verweigerte sich den Sirenengesängen des großserbischen Autokraten Slobodan Milosevic. Damals saß er zwischen allen Stühlen. Heute sitzt der 60-Jährige für die serbische Minderheit im kroatischen Parlament - für die einen als Säule des demokratischen, multiethnischen Kroatiens, für die anderen als lebendige Erinnerung an die serbischen Nachbarn.

Präsidentin Kolinda Grabar Kitarovic antwortete auf den Hilferuf mit einem offenen Brief. Unter den Angepöbelten seien solche, die "seit Jahren den größten Teil der kroatischen Öffentlichkeit provozieren, irritieren und sogar beleidigen", schrieb sie. Und ergänzte die Aufzählung um "solche, die den Vaterländischen Krieg falsch darstellen und sogar verspotten und damit implizit die Idee des kroatischen Staates selbst negieren". Eine Reaktion, wie er sie aus dem Kommunismus kenne, sagt der Politikwissenschaftler Zarko Puhovski: "Wenn immer eine Minderheit staatlichen Schutz suchte, hieß es: Ihr seid ja selbst Schuld. Ihr habt ja provoziert." "Wir sind auf dem Weg Ungarns, Polens und Mazedoniens", urteilte Jelena Berkovic, Vorsitzende der ebenfalls "irritierenden" Bürgerrechtsorganisation "Gong": Kroatien als einer der "illiberalen", von Rechtspopulisten geführten Staaten im europäischen Osten.

Klassisches Kampffeld ist die Geschichte des Zweiten Weltkriegs, das meistdiskutierte Thema im Land. Zwischen 1941 und 1945 führten die Ustascha unter den Fittichen der deutschen Wehrmacht ein mörderisches Regime und ermordeten hunderttausende Serben und Juden. Die Erinnerung an die Zeit befeuerte den Unabhängigkeitskrieg der 90er Jahre, als Kroaten und Serben einander vertrieben, und mischt sich heute unterschwellig in jeden Streit. Auf der einen Seite stehen nationalbewusste Kroaten, unterstützt von einer hier stramm konservativen katholischen Kirche. Auf der anderen stehen säkulare Liberale, Atheisten, klassische Linke - und die Serben, die vor dem letzten Krieg noch zwölf Prozent der Bevölkerung ausmachten.

In den 2000er Jahren kam es zu einer Annäherung: Historiker aus dem linken und liberalen Lager sowie Serben halfen, die Ermordung von kroatischen NS-Kollaborateuren, aber auch vieler Angehöriger und junger Rekruten durch die Kommunisten aufzuarbeiten. Besondere Verdienste erwarb sich Slavko Goldstein, ein jüdischer Publizist und kroatischer Patriot und auch international eine angesehene Autorität in Weltkriegsfragen.

Doch eine feierliche Premiere im Zagreber Kino "Europa" zerriss den dünnen Firnis wieder. Als wäre nichts gewesen, rechnete der Regisseur Jakov Sedlar in einer Dokumentation über das KZ Jasenovac vor der konservativen Elite die Opferzahlen eifrig herunter. Goldstein, der mit seinen 84 Jahren eigens gekommen war, schimpfte über "Halbwahrheiten, Lügen und Fälschungen". Kulturminister Zlatko Hasanbegovic, geistiger Anführer der ideologischen Wende, lobte dagegen den "Tabubruch".

Vielen Aktivisten der HDZ sei es "tief ernst" mit der konservativen Revolution im Land, vermutet der Politologe Puhovski. Was die Erfolgsaussichten angeht, ist er jedoch nicht so sicher. "Anders als in Ungarn oder in Polen kann die Rechte sich hier in Kroatien nicht von einer großen Mehrheit legitimiert fühlen." Tatsächlich gewann die HDZ gemeinsam mit einer Reihe Bündnispartner bei der Wahl nur 33 Prozent. Regieren kann sie nur in Koalition mit der liberalen "Brücke", einer Listenverbindung von Bürgerinitiativen. Zwei Gesetze hat die neue Regierung in den ersten 100 Tagen durchs Parlament gebracht. "Außer Ideologie hat die HDZ nichts anzubieten", schließt Puhovski. "Die dafür aber reichlich."

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21.04.2016, 06:00 Uhr

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