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Komisches Gefühl

Künstler Gunter Demnig verlegte Stolpersteine für Deportierte

Vor 70 Jahren wurden die Rottenburger jüdischen Familien Horkheimer und Berlizheimer verschleppt. Seit gestern erinnern Stolpersteine vor ihren ehemaligen Wohnhäusern an die Deportierten.

26.06.2014
  • Martin Zimmermann

Rottenburg. „Es betrifft mich, wenn ich vorbei laufe“, sagt der 15-jährige Ruben Tejada. „Ich finde die Stolpersteine wichtig, weil mich das Thema jetzt mehr betrifft und interessiert“, bestätigt auch die gleichaltrige Paula Birger. Beide sind Schüler des Eugen-Bolz-Gymnasiums. Zwar waren beide mit der Klasse in Dachau und Grafeneck, aber dass auch aus Rottenburg Menschen deportiert wurden, wussten sie bisher nicht.

Dort, wo heute die Turnhalle des Gymnasiums steht, wohnten einst fünf Mitglieder der jüdischen Familien Bauer und Horkheimer. Gestern verlegte der Künstler Gunter Demnig Stolpersteine mit den Namen der Deportierten in das Pflaster. Schüler von Eugen-Bolz-Gymnasium, Paul-Klee-Gymnasium und St. Klara-Progymnasium lasen Biografien der insgesamt zehn Deportierten. In der Eberhardstraße wohnten Ferdinand und Jenny Horkheimer, mit deren Leben sich Maddalena Barth beschäftigt hatte: „Es ist schon ein komisches Gefühl, weil wir bisher nicht wussten, dass das so nah war.“ Barth und ihre Mitschülerinnen von der 9 b des St. Klara-Progymnasiums erinnerten daran, dass das Unternehmer-Ehepaar Horkheimer einst zur angesehenen Rottenburger Gesellschaft gehört hatte und für sein soziales Engagement bekannt war.

Neben der Polizeiwache in der Königstraße wohnte Albertine Dierberger, die das KZ Theresienstadt überlebte und als einzige Rottenburger Jüdin zurückkehrte. Weil die Behörden ihr nicht halfen ihr Eigentum zurückzubekommen, starb sie 1948 völlig mittellos im Altersheim.

Im Erdgeschoss des Hauses in dem Dierberger wohnte, ist heute eine Döner-Imbiss. Recep Marik, der Imbiss-Betreiber, wusste bis vor kurzem nichts von Abertine Dierberger. „Ich bin Moslem, aber das Andenken an diese Leute ist eine gute Sache. Es geht da nicht um Religion, sondern um Menschlichkeit“, sagte Marik dem TAGBLATT.

Vor der Imbissbude musste Demnig – ebenso wie vor dem Haus der Schwestern Berlizheimer in der Königstraße 73 gegenüber der Moriz-Apotheke – mit Hilfe des Rottenburger Bauhofs den Asphalt auffräsen und mit dem Presslufthammer ein Loch machen, um die Stolpersteine zu setzen. In der Mechthildstraße genügte es, die Pflastersteine herauszustemmen und durch Messingsteine zu ersetzen.

Demnig entwickelte das Konzept der Stolpersteine, als in einer Arbeit über die Deportation von 10 000 Sinti in Köln den Satz las: „Hier hat es nie Zigeuner gegeben.“ Demnig bemüht sich, auch für nicht-jüdische Opfer Steine zu verlegen. „In manchen Städten wie Köln habe ich neben den Juden auch alle anderen Opfergruppen wie Sinti, Schwule, Deserteure, Kriegsgefangene und Zeugen Jehovas beisammen. Aber da gibt es noch viel zu tun“, sagte Demnig.

Stolperstein-Initiator Andreas Kroll bedankte sich in seiner Ansprache auch bei „den ewig Gestrigen, auch Rottenburger/innen, für ihren Widerspruch, der mich darin bestärkt, dass noch so manche stolpern müssen über ihre Schwierigkeiten des Erinnerns, über ihre Intoleranz, ihre Gewalt, ihren Rassismus und ihre Nazi-Ideologie“. Er verlas zudem einen Brief der 83-jährigen Lilian Barber, an die einer der Stolpersteine erinnert. Unter ihrem Mädchennamen Bauer lebte sie in der Mechthildstraße und floh 1939 nach England, später in die USA. „Ich bedauere, heute nicht zur Stolperstein-Zeremonie kommen zu können“schrieb Lilian Barber. „Gerne wäre ich in Rottenburg aufgewachsen, wenn diese schrecklichen Dinge nicht passiert wären. Die Stolperstein sind ein wichtiger Schritt, dass man sich an uns erinnert und dass die jüdischen Familien in Rottenburg nicht vergessen werden.“

Künstler Gunter Demnig verlegte Stolpersteine für Deportierte
Gunter Demnig verlegt vor dem Eugen-Bolz-Gymnasium Stolpersteine (unten großer Ausschnitt). Bilder: Zimmermann

Künstler Gunter Demnig verlegte Stolpersteine für Deportierte

Seit 1993 verlegt Gunter Demnig Stolpersteine im Gehweg vor den Wohnhäusern aus denen Menschen von den Nationalsozialisten deportiert wurden. Familien werden dabei zusammen angeordnet, Ehepaare nebeneinander, Generationen übereinander.
Insgesamt verlegte der Kölner Künstler Gunter Demnig in den letzten 20 Jahren 47 000 Stolpersteine in 18 Staaten. In Deutschland ist Rottenburg die 955. Kommune, die von Demnig Stolpersteine bekommt.

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26.06.2014, 12:00 Uhr

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