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Kuhn: Wir stehen zusammen
OB Fritz Kuhn gedachte gestern auf dem Weihnachtsmarkt gemeinsam mit Stuttgartern der Opfer von Berlin. Foto: Ferdinando Iannone
Anschlag

Kuhn: Wir stehen zusammen

OB wirbt nach Berlin für die offene Gesellschaft. Die Polizei verschärft indes die Sicherheitsmaßnahmen – auch an Silvester.

21.12.2016
  • DOMINIQUE LEIBBRAND

Stuttgart. Gerade hat die Frau an einem der Stände eine Wurst erstanden. „Spüren Sie was von Berlin?“, fragt sie die Verkäuferin. Die schüttelt den Kopf. „Dafür ist gar keine Zeit.“ Die Kundin guckt ungläubig. „Wissen Sie, man muss einfach positiv bleiben“, sagt die Verkäuferin. Verdrängen, was man sowieso nicht beeinflussen kann – eine Taktik, die am Dienstag, dem Tag nach dem Anschlag in Berlin, in der Landeshauptstadt offenbar viele fahren. Das Grundrauschen in den Gassen des Weihnachtsmarkts wirkt gedämpfter als sonst, doch die Innenstadt ist voll wie eh und je, zur Mittagszeit bilden sich Schlangen an den Essensständen. „Es scheint so, dass sich die Menschen dem Terror und der Angst nicht beugen wollen – trotz aller Betroffenheit“, sagt Jörg Klopfer, Sprecher der städtischen Veranstaltungsgesellschaft „in.stuttgart“. „Das Leben geht weiter.“

Den Terroristen nicht beugen

Und so war am Dienstag schnell klar, dass auch der Stuttgarter Weihnachtsmarkt nicht abgesagt werden würde – er soll, wie geplant, bis Freitag dauern. Mit seinen 285 Ständen gehört der Markt zu den größten Europas. OB Fritz Kuhn teilte dazu mit: „Wenn wir jetzt den Weihnachtsmarkt absagen, geben wir gegenüber Terroristen nach. Unsere offene Gesellschaft braucht den zugänglichen öffentlichen Raum.“ Der Rathauschef kündigte gleichzeitig an, dass die Sicherheit weiter erhöht werde. Darauf hatte sich Kuhn am Morgen mit Polizeipräsident Franz Lutz verständigt.

Konkret bedeutet das: noch mehr Polizeipräsenz. Außerdem bewachen seit Dienstagvormittag Polizisten mit Maschinenpistolen die Eingänge zum Weihnachtsmarkt. Bislang habe man davon Abstand genommen, weil man finde, dass es nicht zur besinnlichen Stimmung auf dem Markt passe. Doch nach Berlin sei es notwendig und die Gründe würden von den Besuchern verstanden, sagte Polizeisprecher Stefan Keilbach. Auch wurden am Nachmittag verschiedene Zufahrtsstraßen zur Innenstadt, darunter am Schlossplatz, mit Absperrungen aus Beton abgeriegelt, um zu verhindern, dass jemand mit einem Fahrzeug in die Menschenmassen rasen kann. Bereits zum Cannstatter Wasen im Herbst hatte die Polizei nach den Erfahrungen von Nizza zwei Zufahrten mit Betonpollern blockiert.

Schon bislang sei das Sicherheitskonzept für den Weihnachtsmarkt gut gewesen, so Keilbach. „Ich bin mir sicher: Wir hätten ein ähnliches Szenario wie in Berlin ein Stück weit bewältigen können.“ Nun aber habe sich das Sicherheitsbedürfnis der Menschen verändert, und darauf reagiere man. Einen Hinweis auf eine konkrete Gefahrenlage gebe es für Stuttgart nach wie vor nicht.

Auf Videoüberwachung oder ein Rucksack-Verbot will die Stuttgarter Polizei unterdessen nach wie vor verzichten. Das zu überwachen, sei schlicht nicht möglich. „Da müssten wir einen Zaun um den gesamten Weihnachtsmarkt ziehen.“ Die Leute müssten aber mit Taschenkontrollen rechnen. Auf dem Gelände seien speziell geschulte Beamte unterwegs, die ein Auge dafür hätten, wenn sich jemand auffällig verhalte.

Auch das Sicherheitskonzept für Silvester will die Polizei modifizieren – und starke Präsenz in der Stadt zeigen. Unter anderem soll der Schlossplatz, an dem sich zum Jahreswechsel traditionell viele Menschen treffen, mit Kameras überwacht und ausgeleuchtet werden.

Anlaufstellen in Neujahrsnacht

„Licht an“ lautet auch der Appell an die Einzelhändler in der Innenstadt. Sie sollen zum Jahreswechsel Lampen in Läden und Hinterhöfen angeschaltet lassen. Die Idee dahinter: Kriminelle sollen in der City keine dunklen Schlupfwinkel finden. „Die Ereignisse von Köln und anderen Großstädten dürfen sich nicht wiederholen“, heißt es in einem Schreiben der Polizei an die City-Initiative, der Vertretung der Einzelhändler, das am Dienstag verschickt wurde. Um die ganze Nacht ansprechbar zu sein, richtet die Polizei im Innenhof des Neuen Schlosses, am Schlossplatz und am Bahnhof zudem Anlaufstellen ein.

Gegen 18 Uhr am Dienstag weicht das Verdrängen der Erinnerung – für eine Gedenkminute verstummen die Geräusche vor dem Rathaus. Zuvor hatte Kuhn gesagt: „Wir stehen zusammen in Solidarität mit den Opfern von Berlin.“ Dominique Leibbrand

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21.12.2016, 06:00 Uhr

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