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Kuhn eckt mit Kampagne an
Der Stuttgarter Oberbürgermeister Kuhn bei der Vorstellung der "Freier-Kampagne". Vor allem an dem Plakatmotiv mit dem hinten sichtbaren Spruch entzündet sich jetzt heftige Kritik. Foto: dpa
Stadt Stuttgart geht gegen Zwangsprostitution vor - CDU: Vulgäre Sprüche

Kuhn eckt mit Kampagne an

Weil auf Plakaten seiner Kampagne das F-Wort steht, wird OB Kuhn kritisiert. Die CDU verlangt, die Aktion zur Zwangsprostitution zu beenden.

29.04.2016
  • RAIMUND WEIBLE, UWE ROTH

Stuttgart. . "Bei uns findest Du Frauen für jeden Geschmack", heißt es auf der Homepage von Stuttgarts bekanntestem Bordell, dem Dreifarbenhaus. Und dann folgt eine Aufzählung von 19 Ländern, aus denen die Prostituierten stammen. Das Haus, in dem einst die Dependance des Klosters Bebenhausen stand, liegt nur wenige Schritte vom Rathaus entfernt. Dort, im dritten Stock, tagte vor Kurzem der Beirat für Gleichstellungsfragen und befasste sich mit dem Thema Prostituierte. Genauer: Mit den Männern, die deren Dienste in Anspruch nehmen.

Diese Freier hat Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) aufs Korn genommen. Er will die Männer dafür sensibilisieren, dass viele Prostituierte ihrem Job nur unter Druck und Zwang nachgehen. Ansprechen will er seit Anfang der Woche das Milieu mit der Plakatkampagne "Stoppt Zwangs- und Armutsprostitution". Die beauftragte Werbefirma hat für 120 000 Euro 260 so genannte City-Lights, 150 Gehwegabschrankungen und 20 Großflächen mit Plakaten ausgestattet, deren Sprüche nicht von jedermann und jederfrau goutiert werden.

Ein Slogan lautet: "Nutten sind Menschen." Am heftigsten mit Kritik bedacht wurde der Slogan: "Die Würde des Menschen ist auch beim Ficken unantastbar." Bei der Stadt gingen viele Kommentare dazu ein. Im Geichstellungsbeirat beklagte die SPD-Rätin Judith Vowinkel eine zunehmende Verrohung der Sprache "Und wir machen als Stadt da mit", empörte sie sich.

CDU-Kollegin Beate Bulle-Schmid befürchtet, dass durch die Kampagne Kinder negativ beeinflusst würden. Ihr Fraktionschef Alexander Kotz empfindet großes Unbehagen dabei, dass der wichtigste Artikel des Grundgesetzes mit einem F-Wort verquickt werde. Auch der Stuttgarter CDU-Bundestagsabgeordnete Stefan Kaufmann schaltete sich ein. Er forderte den Oberbürgermeister auf, die Kampagne einzustellen, denn sie sei geschmacklos. Kaufmann findet, es gebe intelligentere Möglichkeiten, das Problem zu bekämpfen, "als den öffentlichen Raum auf Steuerzahlerkosten mit Vulgärsprache unter dem Stadtlogo zuzupflastern".

Kuhn konterte die Kritik mit Brechtscher Dialektik. Die Würde des anderen sei jederzeit zu achten. Und seine Sozialbürgermeisterin Isabel Fezer verteidigte die kräftige Sprache. Bei diesem Thema müsse die Botschaft anecken, widerborstig sein und stören, wenn sie durchdringen solle. Kuhn will an der Kampagne festhalten. Eines hat er erreicht: Wegen des F-Worts wird in der ganzen Stadt über das Thema gesprochen. Mehr als erhofft. Zu der Kampagne gibt es ein Begleitprogramm: Vertreter der Stadt und der Polizei werden am 29. April und 13. Mai zwischen 16 und 17 Uhr im Café La Strada im Leonhardsviertel sein, um über das Thema Prostitution zu sprechen. Parallel wird die Kampagne unter der Adresse http://www.stuttgart-sagt-stopp.de im Internet geführt.

Sabine Constabel ist in der Stadtverwaltung auf die Betreuung von Prostituierten spezialisiert. Nach ihren Angaben arbeiten aktuell in Stuttgart etwa 600 Prostituierte. Über 90 Prozent seien Ausländerinnen, die meisten von ihnen kämen aus Rumänien, Ungarn und Bulgarien. Die jungen Frauen sprächen kein Deutsch, könnten mit ihren Freiern folglich nicht verhandeln. "Diese Prostituierten haben keine Wahl, der Freier hingegen schon." Die Kampagne richtet sich nach ihren Worten auch gegen die Marketingstrategie der Prostitutionsindustrie. Diese verkaufe ihre Dienstleistungen neuerdings als Wellnessangebote, die von Sexarbeiterinnen ausgeführt würden.

Der Landesfrauenrat hat die Kampagne begrüßt. "Die Richtung stimmt", sagte die Vorsitzende des Dachverbands, Manuela Rukavina. Den Fokus auf die Freier zu lenken, sei der richtige Ansatz. Die Frauen dürften nicht kriminalisiert werden. Es müsse eine gesellschaftliche Diskussion in Gang kommen, da Prostitution immer hoffähiger und als "Wellness für den Mann" verklärt werde. Der Kauf von Sex müsse verboten werden. Die Bundesregierung habe so laxe Gesetze, dass die Republik als "Puff Europas" fungiere, sagte die Vorsitzende.

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29.04.2016, 06:00 Uhr

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