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Abgesang auf eine Rock-Ikone

Kult-Gitarrenbauer Gibson ist in Finanznöten

Die Ursachen dafür sind zwar auch selbst verschuldet, aber im Digitalzeitalter hat es handgemachte Gitarrenmusik nicht leicht.

12.03.2018

Von HELMUT PUSCH

Seit Jahrzehnten unzertrennlich: Slash und seine Gibson Les Paul. Foto: Shirlaine Forrest/WireImage

Ulm. Sie sind die Gefährtinnen von Jimmy Page, Angus Young und Slash. Sie heißen Les Paul, SG, Firebird und mit Nachnamen Gibson. Ohne sie klänge der Rock anders, gäbe es ihn vielleicht gar nicht, denn sie waren mit die ersten Elektrogitarren, die in großen Stückzahlen gefertigt und dadurch erst für Musiker erschwinglich wurden. Jetzt steht die traditionsreiche Gitarrenschmiede Gibson vor dem Aus. Der Konzern mit einem Jahresumsatz von 1,2 Milliarden Dollar hat eine halbe Milliarde Dollar Schulden angehäuft.

Eigentlich unfassbar, denn eine Gibson besitzt jeder ernsthafte Gitarrist. Und die Standard-Modelle werden zu Preisen gehandelt, die bei anderen Herstellern schon die Oberkante sind. Sammler zahlen sowieso jeden Preis. Vor kurzem wurde in Nashville eine Les Paul aus den 50er Jahren für 600?000 Dollar verkauft. Wohlgemerkt: Diese Gitarre hatte keinen prominenten Vorbesitzer, sie ist einfach nur ein Instrument aus einer legendären Dekade. Instrumente, auf denen einer der Gitarrenhelden Pophistorie geschrieben hat, kosten ein Mehrfaches, und wurden schon vor Jahren vom „Wall Street Journal“ als profitabelste Geldanlage gefeiert.

Relikte der Vergangenheit

Das beleuchtet auch das zentrale Problem. Legendäre Gitarren-Aufnahmen und die Virtuosen, die sie gemacht haben, sind Relikte der Vergangenheit. Die Gitarrenhelden sind in die Jahre gekommen, oder wie Jimi Hendrix, Duane Allman, B. B. King, Chuck Berry, Frank Zappa, Stevie Ray Vaughan, George Harrison und Les Paul bereits gestorben. 16 der 30 besten Gitarristen, die der „Rolling Stone“ auflistet hat, sind tot.

In der aktuellen Musik spielt die Gitarre keine Rolle mehr. Und wenn sie es tut, dann bestenfalls als tiefer gelegter rauer Riff-Lieferant; sie erfüllt bestenfalls noch die Rolle des Cellos. Die umjubelte erste Geige spielen heute längst andere, falls überhaupt noch analoge Instrumente eingesetzt werden. „Gitarristen, die wirklich spielen können, braucht heute keiner mehr“, sagte bereits vor einigen Jahren Geoff Whitehorn, einer der besten britischen Sechssaiter. Schon damals ergänzten viele Produzenten ihre Tracks mit Softwareprogrammen, die die üblichen Gitarrenpassagen dazufaken.

Die Folge: Die Musik wurde immer vorherseh- und austauschbarer. Und die sinkende Nachfrage nach Gitarristen ließ auch den Markt für Gitarren einbrechen. Verkauften die US-Hersteller, also letztlich die Konzerne von Gibson und Konkurrent Fender, vor zehn Jahren noch 1,5 Millionen Gitarren pro Jahr, sind es mittlerweile nur noch eine Million Instrumente. Die meisten Instrumente kommen ohnehin aus Asien und kosten nur Bruchteile der US-Fabrikate. Auf dem deutschen Markt ist der Umsatz von E-Gitarren 2016 im Vergleich zum Vorjahr zwar um 2,5 Prozent auf mehr als zwölf Millionen Euro gestiegen. Doch über die letzten acht Jahre ist der E-Gitarrenumsatz insgesamt gesunken. Im Jahr 2015 gab es 137?582 Gitarrenschüler an deutschen Musikschulen, aber nur 12?480 weitere lernten E-Gitarre.

Und noch ein betriebswirtschaftliches Problem haben die Gitarrenbauer sich teils auch hausgemacht. Sie haben es versäumt, neue Modelle zu entwickeln, die es mit den Ikonen aus dem goldenen 50ern aufnehmen könnten. Im Grunde werden heute noch vor allem an die Fender Tele- und Stratocaster und die Les Paul und die SG von Gibson angelehnte Gitarren produziert. Und von denen hat jeder Gitarrist, der es mit seinem Instrument auch nur ein wenig ernst meint, mindestens ein Exemplar zuhause. Noch etwas ist schön für die Musiker, aber schlecht für die Produzenten: Elektro-Gitarren sind (siehe die oft 60 Jahre alten Vintage-Instrumente) haltbar, klingen erst nach Jahren intensiver Nutzung richtig eingespielt, müssen also nicht regelmäßig ersetzt werden, wie etwa elektronische Instrumente. Das sorgt auch nicht gerade für Umsatz. Gibson suchte Abhilfe, versuchte den Wechsel vom Instrumentenbauer zur Lifestyle-Company, kaufte für 50 Millionen Dollar den Tonstudio-Spezialisten Teac und für weitere 150 Millionen Dollar die Consumer-Electronic-Sparte von Philips. Geld, das heute fehlt, um die 500 Millionen Dollar Schulden zu begleichen. Und die sind im Sommer fällig.

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Erstellt:
12. März 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
12. März 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. März 2018, 06:00 Uhr

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