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Kulturphänomene (43)

Kultureller Raum

Wie füllt sich kultureller Raum? Darf etwa das fußballerische Raumordnungsverfahren der spanischen EM-Kicker, kurz Tiqui-taca genannt, als eine originäre Kulturleistung verstanden werden? Oder dann doch lieber die kompakte Raumdeckung der anderen Spitzenteams, die den Kurzpasswirbel unterbindet? „Grau ist alle Theorie – entscheidend ist auf’m Platz“, hat der Trainer Adi Preißler dazu gesagt.

28.06.2012

Das Halbfinal-Ergebnis stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest.

Der kulturelle Raum, den Tübingen derzeit erobern möchte, lässt sich auch nicht besser fassen. Demnächst entscheidet der Gemeinderat, ob die Stadt sich an der Seite Marburgs um den Status eines Weltkulturerben bemüht (das TAGBLATT berichtete). Da heißt es unisono in den Begründungsunterlagen beider Städte: „Stadt und Universität bilden einen spezifischen kulturellen Raum, der in besonderer Weise den derzeitigen Unesco-Kriterien entspricht.“

Räumliche Wende: Kultur wird gemacht

Dieser Tage entscheidet gerade das Welterbekomitee in Sankt Petersburg, welche der 33 fristgerecht eingereichten Bewerbungen zum Zuge kommen. Also noch nicht über Marburg und Tübingen. Die aktuelle Konkurrenz ist groß, Christi Geburtskirche steht ebenso auf der Liste wie der Pilgerweg in Bethlehem. Deutschland hat das wunderbare Markgräfliche Opernhaus in Bayreuth und aus Baden-Württemberg einen Dauerbewerber nominiert, die Kurfürstliche Sommerresidenz in Schwetzingen. Orte der Kultur, gewiss – aber auch kultureller Raum?

Der Begriff ist erst einmal theoretisch zu verstehen. Ohne den sogenannten „spatial turn“, mit dem die Kultur- und Sozialwissenschaften seit etwa einem Vierteljahrhundert die „räumliche Wende“ einleiten, hin zum aktiveren Verständnis kultureller Raumbefindlichkeit, wäre das geplante Bewerbungsdoppel der Marburger und Tübinger wohl kaum denkbar. Denn Voraussetzung ist dabei: Kultureller Raum ist nicht automatisch vorhanden, sondern wird erst verhandelt und gemacht.

In Tübingen gibt es demgemäß die Magie des Ortes, den besonderen Geist, der ihm innewohnen soll und der bei sensibleren Naturen einen intellektueller Wonneschauer auslöst. So richtig zu erklären ist dieser genuis loci kaum, eher schon zu verklären. Gewiss, die jakobinisch befeuerten Stiftsjünglinge Hegel, Hölderlin und Schelling, den Freiheitsbaum umtänzelnd (was sie tatsächlich nie taten) – eine reizvolle Vorstellung. Ein bis zur ewigen Weisheit geistig zerrüttetes Dichtergemüt im Turmgemach überm heilignüchternen Fluss: Schöner lässt sich der poetische Topos nicht erfinden. Vielleicht lässt sich der strapazierte, Walter Jens zugeschriebene Spruch „Tübingen hat keine Universität, Tübingen ist eine Universität“ ja umdrehen: Tübingen ist kein kultureller Raum, jedenfalls nicht per se. Sondern er hat ihn – sofern er ihn sich holt. Dazu muss er ihn definieren, ausdeuten, neu bestimmen. Und auch schützen. Weltkultur-Erbschaft hin oder her.

Es sind nicht zuletzt historischen Immobilien und somit doch Räume, aus denen Tübingens spezifisch kulturelles Raumgefühl entsteht. Die meisten von ihnen werden durchaus sinngemäß genutzt: In der Burse residiert die philosophisch-ästhetische (Aus-)Bildung, im Stift zeitgemäß theologische Tradition, auf dem Schloss ein stattlicher Museumsbestand. Die klassische Uni ist hier mit der Oberstadt, bis in die frisch gerichtete Alte Aula hinein, eng verzahnt.

Ob das reicht, wird sich zeigen. Die Spur ist gelegt, von den Recken der Reformation wie Reuchlin und Melanchthon, über die Dichter und Denker im Zeitalter der Französischen Revolution, über kirchenkritische Protestanten und Protestierer wie David Friedrich Strauß oder Theodor Friedrich Vischer, bis hin zu späteren naturwissenschaftlichen Großtaten wie der Entdeckung des Hämoglobin oder der DNA in der Laborküche zu Hohentübingen. Tja, und Jens, Küng und Ratzinger nicht zu vergessen...

Selbst wenn die Tübinger Mitbewerber fürs Weltkulturerbe mit dem kulturellen Raum ein Wolkenkuckucksheim beziehen, dann zumindest ein recht kommodes, komfortables. Das Gute ist, das keiner so genau weiß, was dieser nun beschworene „kulturelle Raum“ eigentlich ist. Man wird den Meisterdenker der Raumtheorie, den französischen Marxisten Henri Lefèbvre, herbei zitieren – und hinterher so schlau sein als wie zuvor.

Wenn's aber wirklich ernst wird, könnten Ratschläge aus der Hansestadt Lübeck helfen. Deren mittelalterlicher Stadtkern wurde vor 25 Jahren als „Gesamtkunstwerk“ und als erster Stadtbereich Nordeuropas unter Welterbe-Kuratel gestellt. „Waren die Anforderungen für die Nominierung in den 1980er Jahren relativ gering“, lesen wir jetzt zum Lübecker Welterbe-Jubiläum, „ist heute für alle Welterbestätten ein Managementplan mit weitreichenden Aussagen zum Schutz und Erhalt sowie der Beschreibung der Authentizität und Integrität der Weltkulturerbestätten erforderlich.“ Den Plan hat Tübingen vorsorglich angekündigt. Lübeck leistet sich darüber hinaus einen „Welterbe- und Gestaltungsbeirat“ und eine „Welterbebeauftragte“.

Waren hier die Lübecker Altstadtsilhouette und ihr Grundriss noch ausschlaggebend für den Zuschlag, erschienen die Kriterien später oft deutlich weniger umrissen. 936 Kultur- und Naturstätten in 153 Ländern stehen aktuell auf den Unesco-Bögen, das deutsche Welterbe ist dabei mit 48 Kultur- und Naturgütern gut vertreten, außerdem mit 13 Beiträgen zum Weltdokumentenerbe. Dazu zählt auch Beethovens „Neunte“, deren Originalpartitur nach dem letzten Weltkrieg vorübergehend in Tübingen aufbewahrt wurde.

Meisterwerke des immateriellen Erbes

Zum Weltkulturerbe gehören außerdem die Altstädte von Bamberg, Stralsund und Wismar. Das Dresdner Elbtal wurde bekanntlich, bisher einmalig zumindest in Europa, wegen der blickverschandelnden Waldschlösschenbrücke wieder von der Liste gestrichen. Überhaupt sind Sichtachsen und auch die „Anforderungen der Unesco an die visuelle Integrität“ wesentliche Punkte bei den Bewerbungen. Also bitte keine Fotos von Tübingens hässlichen Stadträndern mitschicken!

Überhaupt noch nicht vertreten ist Deutschland auf der Unesco-Liste der „Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit“. Dort finden sich so benannte „Kulturräume“ aus Jordanien und Sibirien, aus Mali und Marokko, aus Kolumbien, Usbekistan und auch Vietnam. Ein bisschen an Tübingens Anspruch erinnert die Wahl von Universität und historischem Bezirk des Cervantes-Städtchens Alcalá de Henares bei Madrid. Nur, dass dessen gerühmte „älteste Universität“ 22 Jahre jünger als die Tübinger ist.

Kultureller Raum? Mein Lieblingsort befindet sich übrigens im tschechischen Brünn. Die „Villa Tugendhat“, das Elternhaus des Tübinger Philosophen Ernst Tugendhat, 1929/30 erbaut von Mies van der Rohe.Wilhelm Triebold

Kultureller Raum
Tübingen hat einigen kulturellen (Welt-)Raum auf wenigen Quadratmetern zu bieten: Ein 360-Grad-Panoramablick von der Stiftskirchenspitze aus, über fast die gesamte Weltkulturerbeanwärterstadt in spe.Bild: Metz

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28.06.2012, 12:00 Uhr

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