Schädlinge

Kulturschätze und ihre Fressfeinde

Würmer, Motten und Käfer machen Museen und Archiven zu schaffen. Dass sie eindringen, lässt sich nicht verhindern. Es gibt aber Strategien, die tierischen Plagegeister in Schach zu halten.

03.06.2020

Von DPA

Oliver Mack, Leiter des Instituts für Kunsttechnik und Konservierung am Germanischen Nationalmuseum und oberster Restaurator, prüft einen Bildteppich auf einen eventuellen Schädlingsbefall. Foto: Daniel Karmann/dpa

Die Heilige Jungfrau lässt das Herz von Kunstfreunden bluten. Vom Gewand sind einige Teile abgebrochen, Brandlöcher prangen in der Brust, Farbe ist abgeplatzt. Doch am schlimmsten hat es den Kopf getroffen. Der obere Teil ist nahezu zerstört. An der Jahrhunderte alten Holzfigur hat im wahrsten Sinne des Wortes der Zahn der Zeit genagt: Holzwürmer.

„Da haben sie sich kreuz und quer durchgefressen“, sagt Oliver Mack und leuchtet mit der Taschenlampe auf die Stellen. „Und hier sieht man die Ausflugslöcher der Käfer.“ Oliver Mack leitet das Institut für Kunsttechnik und Konservierung am Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. Als oberster Restaurator ist er dafür verantwortlich, die 1,3 Millionen Schätze in Deutschlands größtem kulturhistorischen Museum zu bewahren. Viele davon sind Tausende Jahre alt.

Licht und Feuchtigkeit setzten den wertvollen Stücken zu, aber auch Schädlinge wie Kleidermotten, Nagekäfer oder Papierfischchen. Die Holzwürmer hatten die Heilige Jungfrau schon befallen, bevor sie ins Museum kam. Doch auch dort wäre sie nicht per se vor den Tierchen sicher. „Man kann nicht absolut vermeiden, dass sie Zutritt haben“, sagt Mack. „Aber man kann es kontrollieren.“

Durch winzige Ritzen an Türen und Fenstern gelangen die Insekten ins Museum. Das Germanische Nationalmuseum baut gerade ein neues Depot 21 Meter unter der Erde, komplett ohne Fenster. Überall in dem Museum sind Lockfallen verteilt, die Mack und sein Team ständig kontrollieren. Dadurch wollen sie rechtzeitig bemerken, wenn sich Schädlinge ausbreiten.

Diese können sich rasend schnell vermehren und einen gewaltigen Schaden anrichten. Besonders gefährdet sind Teppiche, historische Kleider, Felle, Holz, Papier und andere Kulturschätze aus tierischen Materialien. „Diese Objekte sind ein gefundenes Fressen“, sagt der Biologe Bill Landsberger. Seit zehn Jahren hält er die unliebsamen Eindringlinge an den Staatlichen Museen zu Berlin in Schach. 3500 Fallen muss er deshalb zusammen mit den Restauratoren in den verschiedenen Berliner Einrichtungen im Auge behalten.

Doch gerade in kleineren Häusern fehlt dafür Personal und Expertise. Dann kommen Fachleute wie Stephan Biebl aus dem oberbayerischen Benediktbeuern ins Spiel, der Museen weltweit bei der Schädlingsbekämpfung und Prävention berät. Biebl hat beobachtet, dass diese mittlerweile alle Probleme mit den gleichen Schädlingen haben. „Über Leihgaben wandern diese von Museum zu Museum.“ Dabei sitzt das Ungeziefer nicht unbedingt in der Kunst, sondern in den Transportkisten und den Verpackungen. „So verschleppt man die Schädlinge weltweit“, sagt Biebl.

ber moderne und zeitgenössische Kunst können Experten wie er manchmal nur den Kopf schütteln. Ein Kunstwerk aus Schweineknochen, Räume voller Erdnussflips oder Federn, Beuys berühmte Fettflecke – all das lockt Insekten an. „Das ist ein Schlaraffenland für Schädlinge“, sagt Biebl. Aber auch heruntergefallene Brotkrümel und Häppchenreste von der Vernissage können eine willkommene Mahlzeit für diese sein. „Man bräuchte mehr Zeit und Geld für Hygiene“, fordert deshalb Andrea Funck, Professorin für Konservierung und Restaurierung an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. Doch an der Reinigung werde angesichts der Etats oft zwangsläufig gespart.

Was tun, wenn Würmer und Motten die Sammlung befallen? Helfen können zum Beispiel Nützlinge, die es auf die Eier oder Larven der Schädlinge abgesehen haben. Auch Hitze oder Kälte können diese töten. Das verträgt aber nicht jedes Kunstwerk.

„Bei manchen Objekten sind die Schäden einfach irreversibel“, sagt Mack. „Wir müssen dann irgendwie damit leben.“ So wie bei der Heiligen Jungfrau.

Irena Güttel

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Erstellt:
3. Juni 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
3. Juni 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 3. Juni 2020, 06:00 Uhr

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