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Fleißige Pioniere

Kulturwissenschaftlerin Marisse Hausser über Reutlinger Tüftler im 19. Jahrhundert

Reutlinger Tüftler des 19. Jahrhunderts – ein kaum erforschtes Thema der Industriegeschichte hat die Kulturwissenschaftlerin Marisse Hausser kürzlich beim Geschichtsverein beackert.

29.10.2014
  • Matthias Reichert

Reutlingen. 14 242 Patente wurden in Baden-Württemberg voriges Jahr angemeldet – Platz zwei bundesweit. Dieser Erfolg, so Hausser, hat seine Wurzeln im 19. Jahrhundert, als sich das Land vom Agrar- zum Industriestaat entwickelte. Die Reutlinger Fabrikanten seien fleißige Pioniere gewesen, die sich immer wieder Neues einfallen lassen mussten, um konkurrenzfähig zu bleiben.

Anfang des 19. Jahrhunderts sei Reutlingen wirtschaftlich noch vergleichsweise rückständig gewesen, sagte Hausser. Das lag an der Dominanz der Handwerkszünfte, die über Jahrhunderte Politik und Wirtschaft der ehemaligen Reichsstadt prägten.

Hinzu kam die isolierte Lage Reutlingens – Rohstoffe mussten mühselig herangekarrt werden. Wendepunkt waren der Eisenbahnanschluss von Plochingen 1859 und die Einführung der Gewerbefreiheit 1862. Nun wurde die Stadt zu einem führenden Industriestandort, so die Kulturwissenschaftlerin, die seit 2012 bei der Stadt für das Industriemagazin zuständig ist. Nach einem profunden Exkurs zur Geschichte des Patentrechts stellte sie ausgewählte Reutlinger Erfindungen vor.

Angefangen mit dem Metalltuchweber Christian Wandel. der mit dem Drehknotenfänger für Papiermaschinen einen wichtigen Beitrag zur industriellen Papierherstellung leistete. Christian Wandel gründete 1869 die nach ihm benannte Metalltuch- und Maschinenbau-KG Unter den Linden 15. Anno 1882 verlegten seine Söhne Robert und Albert die Firma in die Lederstraße 22. Der ursprüngliche Standort wurde laut Hausser wegen wachsender Exporte zu klein. Das Stammwerk blieb dort bis in die 1980er-Jahre.

Knotenfänger gegen den Verschleiß

Mit seinem „Knotenfänger“ begegnete Christian Wandel dem Verschleiß der Siebe durch grobe Unreinheiten im Stoffbrei. In einem Kasten befand sich ein drehbarer Zylinder mit 60 Zentimetern Durchmesser und ein bis zwei Metern Länge, durch den die Papiermasse geführt wurde. In ihm wurden die Unreinheiten zurückgehalten und in eine Rinne geleitet. Wasser, das aus einem Spritzrohr kam, reinigte den Zylinder. Für sein Patent bekam Wandel 1867 auf der Weltausstellung in Paris die Silbermedaille.

Diverse Patente entwickelte der Fabrikant Gustav Wagner, der 1890 seine Reutlinger Maschinenfabrik gründete. Laut Hausser fing er klein an mit dem Bau unterschiedlicher Maschinen. Der Durchbruch sei ihm durch den Einstieg in den Kaltkreissägenbau geglückt. Steigendes Auftragsvolumen und der Erfolg mit Sägen, Zentrier- und Gewindeschneidmaschinen führten zum Fabrikausbau am Schieferbuckel – die Traditionsfirma hielt sich bis in die 1990er.

Sein erstes Patent erhielt Gustav Wagner 1889 mit 28 Jahren: auf eine „Centrier- und Abfräsmaschine“. Hausser berichtet von 66 weiteren Patenten – etwa auf die Einstellvorrichtung für wendbare Schneidbacken von Schraubenschneidköpfen 1909 oder für die Spannvorrichtung für Gewindschneidmaschinen 1909. Zwei Jahre zuvor hatte Wagner ein Patent auf ein Kreissägeblatt mit eingesetzten Zähnen beantragt.

Der Mechaniker und Firmengründer Heinrich Stoll meldete 1875 mit seinem Riedlinger Kompagnon Christian Schmidt das erste gemeinsame Patent für eine Strickmaschine an. Vier Jahre später gingen sie getrennte Wege; Stoll verlagerte seine Firma nach Reutlingen. Er erhielt eine Vielzahl weitere Patente – das wichtigste 1892 für die erste funktionstüchtige „Links-Links-Strickmaschine“. 1905 wurde die Auslieferung des tausendsten Exemplars gefeiert. Das war laut Marisse Hausser ein Grundstein für den bis heute anhaltenden Erfolg der Firma Stoll.

Das Zetteln und das Schlichten kombiniert

Vom Reutlinger J. Ruckstuhl, der in der Webschule tätig war, sei wenig mehr als seine Erfindung bekannt: 1867 kombinierte er die traditionellen Arbeitsgänge des Zettelns und Schlichtens zur „Zettelschlichtmaschine“. Das Zetteln bereitet das Weben vor: Dabei werden sogenannte „Kettfäden“ auf „Teilkettbäume“ genannte Rollen aufgewickelt und auf den „Kettbaum“ für den Webstuhl übertragen. Beim Schlichten werden die strapazierten Kettfäden mit einer Tinktur aus Stärke oder Zellulose behandelt, was ihre Glätte, Reißfestigkeit, Gleitfähigkeit und Geschmeidigkeit erhöht.

Weitere Tüftler, die Hausser proträtierte: Wilhelm Gminder arbeitete am „mehrschäftigen“ Weben auf mechanischen Webstühlen. Und Heinrich Fehr, ein Mitarbeiter der Betzinger Firma Egelhaaf, schließlich meldete 1873 ein Patent auf ein Webgeschirr aus Baumwollfäden an.

Kulturwissenschaftlerin Marisse Hausser über Reutlinger Tüftler im 19. Jahrhundert
Gustav Wagners Patent für sein Kreissägeblatt. Bild: Stadtarchiv

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29.10.2014, 12:00 Uhr

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