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Mehr tun, Grenzen setzen

Kultusministerin Schick über den Bildungsauftrag von Kindergärten

Erst eine Stippvisite in der Kindertagesstätte St. Raphael, dann anderthalb StundenDiskussion mit Erzieherinnen aus dem ganzen Landkreis: Baden-Württembergs Kultusministerin Marion Schick war gestern in Rottenburg.

09.10.2010
  • michael Hahn

Rottenburg. „Früher als andere Bundesländer hat Baden-Württemberg die Bedeutung der frühkindlichen Bildung erkannt“, sagte Kultusministerin Marion Schick (CDU) gestern Nachmittag. Und fast im gleichen Atemzug betonte sie: „Wir müssen den Erwartungen Grenzen setzen.“ Das war auf Eltern ebenso gemünzt wie auf Erzieherinnen.

In einem Klassenzimmer der Beruflichen Schule diskutierte Schick knapp anderthalb Stunden lang mit etwa 30 Erzieherinnen und einem Dutzend Behördenvertreter(inne)n – bevor sie am Abend eine Etage tiefer eine Ansprache zum hundertjährigen Bestehen der Schule hielt (Bericht folgt).

Schick ist seit einem halben Jahr im Amt. Von ihrem Vorgänger Helmut Rau hat sie den Umbau der Hauptschulen ebenso geerbt wie den Orientierungsplan für die Kindergärten. Vorsichtig setzt sie neue Akzente. Ihr Ministerium verfüge über eine Vielzahl von „erfolgreichen Programmen“ im Kindergartenbereich, etwa bei der Sprachförderung. Doch in Zukunft müsse man „wegkommen von den Einzelprogrammen“ und diese Aufgaben nicht mehr an Spezialisten auslagern.

Beispiel: Weil nicht nur einige wenige Migrantenkinder mangelnde Deutschkenntnisse haben, sondern auch viele deutschstämmige, sollte man die gezielte Sprachförderung in den gemeinsamen Gruppenalltag integrieren. Aber, so sagte Schick mehrfach: „Das geht nicht in zwei Jahren. Das kann Jahrzehnte dauern.“

Mehr Aufgaben erfordern freilich auch mehr Personal. Das gilt etwa für den landesweiten Orientierungsplan, mit dem seit einigen Jahren an immer mehr Kindergärten gearbeitet wird. Der Plan betont einen ganzheitlichen Erziehungs- und Bildungsbegriff und verlangt von den Erzieherinnen mehr Qualifikation, Dokumentation und Elternarbeit.

Dafür sollen die Personalschlüssel pro Kindergartengruppe bis zum Jahr 2012 tippelschrittweise um 0,3 Stellen aufgestockt werden. Die Stadt Rottenburg plant derzeit mit 1,7 Erzieherinnen für eine 25-Kinder-Gruppe (bei „verlängerter Öffnungszeit“). „Das Geld fließt bereits“, sagte Schick über die Aufstockung. Für den Rottenburger Kulturamtsleiter Karlheinz Geppert war das neu. Noch sei die Aufteilung der Zusatzkosten zwischen Land, Kommunen und freien Trägern nicht verbindlich geregelt.

Nicht nur den Stellenschlüssel, auch ihr mageres Gehaltsniveau empfinden viele Erzieherinnen als Zumutung, wie sich in der lebhaften Diskussion zeigte. Die Tübinger Stadtverwaltung erwäge gar, die Zweitkraft in einer Kindergartengruppe nicht mehr als Erzieherin sondern nur noch als Kinderpflegerin zu bezahlen, klagte eine Erzieherin. „Wie soll man davon eine Familie ernähren?“

Immer wieder kam Schick auf die Rolle der Eltern zu sprechen. Hier beobachte sie „fast eine Zweiteilung“. Manche Eltern seien extrem ehrgeizig. „Die fragen gleich bei der Anmeldung zum Kindergarten: Warum haben Sie hier keine Fremdsprache?“ Andere Eltern kümmerten sich nicht groß um die Erziehung. Schick: „Die geben ihr Kind an der Tür ab und sagen: Bitte macht was draus.“

Dagegen will die Ministerin klar machen: „Erziehung findet im Elternhaus statt. Wir können das Elternhaus nicht komplett ersetzen.“ Weil manche Eltern mit dieser Verantwortung aber verunsichert oder überfordert seien, müssen doch wieder die professionellen Erzieherinnen ran. Schick an ihr Publikum: „Sie müssen auch mit den Eltern Bildung machen.“ Rund 40 Prozent aller Kinder bekomme zuhause nie etwas vorgelesen, zitierte Schick aus einer aktuellen Studie.

Das deckt sich mit den Eindrücken von Annerose Schnell, die die katholische Kindertagesstätte Sankt Raphael (die einzige Ganztags-Kita in Rottenburg) und den Kindergarten Gut Betha im Erdgeschoss der Alten Realschule leitet. Dort hatte Schick vor ihrem Vortrag vorbei geschaut. „Viele Kinder können gar nicht mehr verweilen“, sagte Schnell. Die Kultusministerin stimmte ihr zu: „Wir müssen auch Freiräume für die Kinder schaffen. Und auch mal nichts machen.“

Darf die Stadt Rottenburg die Wurmlinger Grundschule zur Ganztagsschule ausbauen? Bekommt sie dafür Geld vom Land? Bisher erklärte das Kultusministerium, die Wurmlinger Schule sei zu klein dafür. In der Diskussion mit Ministerin Marion Schick bat Rottenburgs Oberbürgermeister Stephen Neher darum, diese Absage noch einmal zu überdenken.

„Das leuchtet mir unmittelbar ein“, antwortete Schick. Sie hatte zuvor im Martinihaus mit Schulräten aus dem gesamten Regierungspräsidium diskutiert, „und die haben das Gleiche inständig angemahnt“.

Nun wird das Kultusministerium wohl doch Geld für den Ganztags-Ausbau auch von kleinen Dorfschulen bereit stellen. Die Ministerin: „Wir werden da nochmal draufschauen.“

Hoffnung für Ganztags-Schule in Wurmlingen

Kultusministerin Schick über den Bildungsauftrag von Kindergärten
„Heia Hussassa, der Herbst ist da“, sangen und klatschten die Kinder der Rottenburger Kindertagesstätte Sankt Raphael zusammen mit der CDU-Landtagsabgeordneten Monika Bormann, der baden-württembergischen Kultusministerin Marion Schick und der Kita-Leiterin Annerose Schnell (von rechts).Bild: Faden

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09.10.2010, 12:00 Uhr

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