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Abartig verrückte Fantasie

Kunst des vielseitigen Jochen Wahl im Glatter Schloss

Glatt. Malerei, Zeichnungen, Radierungen und Skulpturen des 1942 in Tübingen geborenen und 2007 in Obersulm gestorbenen Künstlers Jochen Wahl sind von Sonntag an im Glatter Wasserschloss zu sehen. Die Ausstellung wird am morgigen Samstag, 24. September, um 18 Uhr eröffnet.

23.09.2011
  • Hans-Jörg Schweizer

„Er hatte eine abartig verrückte Fantasie.“ Norbert Stockhus darf das über Jochen Wahl sagen, denn der Glatter schätzt den Freund und Künstlerkollegen sehr. Begeistert zeigt Stockhus Farbradierungen seines Kollegen, der mit vier bis fünf Kupferplatten mehrfarbig drucken konnte wie kaum ein anderer. „Er war ein Meister der Farbradierung – so einen gab es sonst nicht.“ An so komplexe Drucke hätte er selbst sich wohl nicht heran gewagt, gesteht Stockhus voller Bewunderung für den 2007 verstobenen Freund.

Doch Jochen Wahl hat sich in seinem Schaffen nicht auf nur eine künstlerische Technik beschränkt. Großformatige Ölgemälde geradezu surrealistischer Gestalten in altmeisterlicher Mischtechnik liefern im Glatter Fürstensaal den knallbunten Hintergrund für fremdartig anmutende Skulpturen – zusammengeschweißt aus vielerlei Metallen und kombiniert mit Stein, Holz, Textilien, Leder, Gips, Knochen oder Plastik. Auch einige Zeichnungen sind zu sehen, auf denen nachvollziehbar wird, wie Wahl seine wahrhaft außerirdischen Kreaturen entwickelte, die jedem Science-Fiction-Film alle Ehre gemacht hätten und manchmal tatsächlich an die Alien-Vorlagen eines Hansruedi Giger erinnern. Stockhus, der selbst vor allem mit dem Pinsel in oft auch reichlich fantastischen Welten unterwegs ist, beeindruckt an Wahl dessen meisterliches Handwerksgeschick: Schweißen, Schnitzen, Malen, Zeichnen mit Farbstift oder Feder – keine Technik, die Wahl sich nicht bis zur Perfektion angeeignet hätte.

Norbert Stockhus selbst eröffnet am heutigen Freitag um 20 Uhr übrigens auch eine Ausstellung. Malerei des Glatters sowie Bronzearbeiten von Michaela A. Fischer werden bis 12. November in der selben Galerie Dorn in der Stuttgarter Planckstraße 123 gezeigt, wo Stockhus schon in den frühen Siebzigerjahren als junger Künstler ausstellte. Zu jener Zeit, als er in Stuttgart auch die Bekanntschaft von Jochen Wahl machte. Der 1942 in Tübingen geborene Jochen Wahl besuchte 1968 bis 1973 die Meisterklasse von Rudolf Hausner an der Akademie der Bildenden Künste in Wien, erhielt 1971 die Goldene Füger-Medaille (Österreichs Staatspreis) und war Gründungsmitglied der Wiener Gruppe Zötus und weiterer Gruppierungen. „Wir waren in den Achtzigern die Nachwuchsstars in Stuttgart“, erinnert sich Stockhus an den Freund, mit dem zusammen er 1994 auch eine Farbradierungen-Koproduktion herausbrachte: Diese „Gehäuse und Wesen“ von Stockhus und Wahl sind auch bei der Wahl-Ausstellung im Glatter Wasserschloss zu sehen.

Eigentlich hatte Norbert Stockhus vorgehabt, diesen Herbst eine Ausstellung mit der Kunst seines Lehrers Peter Grau ins Wasserschloss zu bringen. Aus gesundheitlichen Gründen musste Grau jedoch absagen, sodass Stockhus nun die ohnehin fürs kommende Jahr geplante Wahl-Schau vorgezogen hat.

„Jochen Wahl zeigt sich als Schöpfer eines ästhetisch-fantastischen Kosmos: Verlebendigt mit eigenartigen, rätselhaften und erstaunlichen Mischwesen; spielerisch und technisch perfekt konstruiert aus menschlichen, tierischen und dinglich-archaischen Elementen; zeichnerisch, malerisch und plastisch in unerschöpflichen Kombinationen verschwenderisch freigesetzt; gehalten in steter Balance zwischen Nüchternheit und Fantasie, Befremden und Befreiung, Traurigkeit und Heiterkeit.“ Das sagt Dirk Mende über Jochen Wahl. Mende, Vertrauter und Freund des Künstlers, spricht auch am morgigen Samstag, 24. September, bei der Vernissage um 18 Uhr zur Ausstellung im Glatter Wasserschloss.

Unter dem Titel „Blickdicht“ erschien 1989 ein Buch mit Jochen Wahls Zeichnungen, Texten und Bildunterschriften von Dirk Mende im Haigerlocher Verlag Paul Schwenk. Im Schloss Haigerloch (Sammlung Paul Schwenk) gibt es den derzeit größten Bestand an Arbeiten von Jochen Wahl. Alle jetzt ausgestellten Stücke stammen aus dieser Sammlung, werden in Glatt nun aber zum Verkauf angeboten. Zwischen 500 Euro für eine kleine Lithografie und der zehnfachen Summe für größere Werke liegen die Preise.

Jochen Wahl, der auch Mitglied im elitären Künstlerbund Baden-Württemberg war, hatte vor allem in den Siebzieger- und Achtzigerjahren diverse Ausstellungen im In- und Ausland. Wahl starb 2007 nach schwerer Krankheit in Obersulm. Seither gab es keine Wahl-Ausstellung mehr, sodass die Glatter Schau eine einmalige Möglichkeit bietet, seine vielgestaltige Kunst im Original zu sehen.

Info Die Ausstellung „Jochen Wahl – Malerei, Zeichnungen, Radierungen, Skulpturen“ im Kultur- und Museumszentrum Schloss Glatt ist vom

25. September bis 6. November immer dienstags bis freitags von 14 bis 17 Uhr sowie samstags und sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet.

Kunst des vielseitigen Jochen Wahl im Glatter Schloss
„Gehäuse und Wesen“ – 1994er Koproduktion von Norbert Stockhus und Jochen Wahl. Bilder: Kuball

Kunst des vielseitigen Jochen Wahl im Glatter Schloss
Jochen Wahl: Hautmaske (Ölbild).

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23.09.2011, 12:00 Uhr

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